Sonntag, 11. Dezember 2016

16. Januar 2013 09:19 Uhr

Gespräch

„Erfolg braucht Veränderung“

Götz Werner gründete vor 40 Jahren die Drogeriemarktkette dm. In der Hochschule Augsburg erklärt er Studenten, wie Erfolg funktioniert und warum er sich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzt.

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„Der Mensch ist immer der Zweck, nie das Mittel“, betont Drogeriemarktgründer Götz Werner.
Foto: Ulrich Wagner

Augsburg Know-how ist wichtig. Viel wesentlicher ist nach Ansicht von Götz Werner aber die Frage: Warum mache ich das? Kann ich mich mit dem, was ich mache, wirklich identifizieren? Der Gründer der Drogeriemarktkette dm appellierte als Gastdozent an die Studenten der Hochschule Augsburg, nicht das Ziel ihres Lebens aus den Augen zu verlieren und sich immer wieder neu zu hinterfragen. „Streichen Sie die Begriffe Arbeitszeit und Freizeit aus Ihrem Wortschatz“, riet er den jungen Menschen, „ersetzen Sie diese durch Lebenszeit und fragen Sie sich: Macht das Sinn, was ich mache?“ Den Fragen unserer Zeitung stellte er sich vor seinem Vortrag.

Herr Professor Werner, das Thema Ihres Vortrags ist der Erfolg. Sie sagen, das Wort kommt von Folgen und bedeutet für einen Unternehmer, dass er nie so weiter machen kann, wie er begonnen hat. Was heißt das für Ihre Drogeriemarktkette, was ändert sich?

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Werner: Wir müssen unser Unternehmen jeden Tag neu erfinden. Wir müssen jeden Tag unser Geschäftsmodell infrage stellen und uns fragen: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Was hat sich verändert? Denn um uns herum ändert sich ja täglich alles. Am besten ist es, wenn ein Unternehmen Veränderungen vorwegnimmt.

Sie können 2013 auf 40 Jahre dm blicken. Was waren die größten Veränderungen?

Werner: Das Kundenverhalten hat sich verändert. Früher haben unsere Kunden weniger differenzierte Wünsche gehabt. Und auch die Menschen, die bei uns tätig sind, haben sich verändert. Sie sind viel individueller geworden, viel selbstbewusster, lassen sich weniger führen. Es ist eine ganz andere Form der Zusammenarbeit nötig.

Haben Sie Angst vor Misserfolgen?

Werner: Angst ist das falsche Wort. Sorge trifft die Sache besser. Wenn ich keine Sorge vor Misserfolgen hätte, wäre das eine Katastrophe. Es wäre der Anfang des Misserfolgs. Es gibt nicht umsonst den schönen Spruch: Wer sich keine Sorgen macht, hat bald welche. In Deutschland kommen täglich 1,5 Millionen Kunden in die dm-Märkte. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie auch morgen kommen. Die Gefahr, dass Kunden sagen „Da gehe ich nicht mehr rein“, besteht immer.

Apropos Misserfolg: Haben Sie die Insolvenz von Schlecker vorausgesehen?

Werner: Das war vorauszusehen. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Und an diesem Punkt kann man auch ein Hauptproblem erkennen, das viele Menschen haben: Sie wollen am Erfolg festhalten. Doch Erfolg bedeutet ja: So wie bisher darf man auf keinen Fall weitermachen. Diese Erkenntnis kann man schon in Goethes Faust nachlesen, als er zu Mephisto sagt: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!“ Die Frage ist: Wie oft verlieren wir diese Wette?

Sie kommen aus einer Unternehmerfamilie. Woher kommt dieser besondere philosophische Ansatz, den Sie vertreten? Ihr Menschenbild ist ja sehr an dem der Anthroposophie angelehnt, an der Lehre von Rudolf Steiner.

Werner: Es sind immer Schlüsselerlebnisse, die einen prägen.

Was waren für Sie Schlüsselerlebnisse?

Werner: Das waren nicht ein paar besondere, sondern viele kleine. Jeder geht in die Universität des Lebens und in dieser lernt man beständig durch Schlüsselerlebnisse. Diese sind wichtig, um sich zu verändern. Langfristiger Erfolg braucht Veränderung. Das ist auch ein Unterschied zwischen Unternehmer und Manager. Der Manager sagt: „Das haben wir gut gemacht, so müssen wir weiter machen.“ Der Unternehmer sagt: „Das haben wir gut gemacht, so können wir aber nicht weiter machen.“ Das ist eine vollkommen andere Lebenshaltung. Wir müssen jungen Menschen klar machen, dass es nicht darum geht, eine Position zu erringen und an ihr festzuhalten, sondern sich weiter zu entwickeln, es besser zu machen. Dafür ist es wichtig, die Welt und die Menschen zu verstehen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir die Anthroposophie hilft, die Welt und die Menschen besser zu verstehen.

Können Sie das näher erläutern?

Werner: Ich habe mich vor vielen Jahren auf die Suche nach Grundansichten gemacht, die mir helfen, den richtigen Weg als Mensch zu finden. Damals ist mir klar geworden: Der Mensch ist nie das Mittel. In unserem Wirtschaftssystem wird zwar immer wieder vom Menschen als Kostenfaktor oder als Produktionsfaktor gesprochen, das ist aber falsch. Das ist ein Denkirrtum. Der Mensch ist immer der Zweck. Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt, denn ohne Menschen gäbe es keine Wirtschaft. Der Zweck eines Drogeriemarkts ist es nicht, Zahncreme zu verkaufen. Der Zweck ist es, dass Menschen ihr Bedürfnis nach Zahncreme befriedigen können, dass Menschen bei uns tätig werden können, dass sie bei uns ihre Biografie schreiben können. Ein Unternehmen stellt einen Lebensschauplatz dar, der jeden Beteiligten dabei unterstützen sollte, sich seiner selbst bewusst zu werden.

Sie haben mit Ihrer Unternehmensführung Erfolg: Ihre Drogeriemarktkette wächst rasant, Sie sind mehrfach ausgezeichnet. Es bleibt die Frage: Warum finden Sie wenig Nachahmer in Ihrer Branche? Stattdessen wird der Handel immer wieder von Bespitzelungsskandalen und dem Verdacht des Lohndumpings erschüttert.

Werner: Einfach nachmachen, das geht nicht. Das ist ja unser Geschäftsgeheimnis (lacht). Mein Rudertrainer hat früher zu mir gesagt: Nicht nachmachen, sondern nachdenken. Die Leute wollen immer kopieren. Aber jede Kopie wird schlechter. Sie müssen es neu denken – das führt zum Erfolg.

Sie gehen so weit und denken unser ganzes Gesellschaftsmodell neu, indem Sie sich seit vielen Jahren für das bedingungslose Grundeinkommen starkmachen. Aber richtig voran kommen Sie mit diesem Konzept nicht. Ist die Zeit dafür noch nicht reif?

Werner: Notwendig wäre die Realisierung schon längst. Denn die Lage wird ja immer schlimmer. Aber die Umsetzung ist mit einer kopernikanischen Wende vergleichbar und braucht Zeit, viel Zeit.

Was überzeugt Sie an dieser Idee?

Werner: Schiller hat gesagt: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muss warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessre Natur in ihm regen soll.“ Ich bin davon überzeugt, dass ein Mensch, der frei von Existenzdruck ist, sich entfaltet. Mit einem Grundeinkommen ändert sich das gesellschaftliche Klima vom Sollen zum Wollen. Und glauben Sie mir: Erfolgreich sind Sie nie, wenn Sie Druck erzeugen. Sie müssen einen Sog bewirken. Und dies gelingt nur mit guten Ideen. Ideen, für die sich andere auch begeistern können. Interview: Daniela Hungbaur

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