Auf der weltgrößten Agrarmesse sind Lebensmittelskandale unerwünscht Von Sonja Krell

Berlin Es könnte so schön sein. Die Musikgruppe spielt karpatische Klänge, Frauen mit bunten Kopftüchern reichen Schinken und Käse. Der Herr mit der Pelzmütze serviert den goldgelben, landestypischen Likör. Doch bevor Ilse Aigner den ersten Schluck kosten kann, bevor sie die erste Station auf dem traditionellen Eröffnungsrundgang der Grünen Woche hinter sich hat, müssen die Sicherheitsleute eingreifen. Der Mann, der sich auf die Bühne gemogelt hat, hält ein kleines Transparent hoch. „Frau Aigner, befreien Sie die Kaninchen“, steht darauf. Die Bundeslandwirtschaftsministerin schüttelt kurz den Kopf und prostet Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit zu. Und als sich der Tross auf den Weg zur nächsten Station macht, formt die rumänische Folkloregruppe einen Kreis und beginnt, den traditionellen Volkstanz zu tanzen.
Die Grüne Woche, die größte Agrarmesse der Welt, inszeniert Ernährung so, wie sie der Kunde gerne hätte: nachhaltig, ökologisch, regional, gesund – und vor allem sicher. Einmal mehr aber macht ein höchst unappetitliches Thema den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Im vergangenen Jahr war es der Skandal um Dioxin im Futter, in Eiern und im Schweinefleisch. In diesem Jahr sind es resistente Keime auf dem Hähnchenfleisch, die neue Diskussionen über die Massentierhaltung auslösen. Umweltverbände, Tierschützer und Verbraucherverbände wollen am heutigen Samstag in Berlin für eine Kehrtwende in der Agrarindustrie demonstrieren.
Darüber aber will Ilse Aigner an diesem Tag nicht diskutieren. Ein Wursthäppchen aus Polen, Nusskuchen aus Slowenien, Kalbfleisch aus Holland. Frau Antje reicht Pikantje. Nebenan blühen bereits die Tulpen, pink, rosa, weiß, dahinter dreht sich ein Mühlrad. Die, die heute in Berlin protestieren wollen, hat Aigner tags zuvor noch betont, „schlagen die Schlachten von gestern“. Butterberge und Milchseen seien Geschichte. „Die Landwirtschaft“, sagt sie, „hat sich stark verändert, zugunsten der Verbraucher und der Tiere.“ Dennoch will sie die Mäster von Geflügel, Schweinen und Rindern zu mehr Tierschutz verpflichten. „Das Tierwohl werden wir stärken und dem Verbraucher in seinen Wahlmöglichkeiten bei Lebensmitteln über mehr Transparanz eine klare Orientierung bieten.“
Das ist eines der Ergebnisse aus der „Charta für Landwirtschaft und Verbraucher“, die Aigner auf der Messe vorstellt. Entstanden ist das Programm aus Diskussionen mit der Branche, Umweltverbänden und anderen gesellschaftlichen Gruppen. Erzeuger, die besondere Standards für tiergerechte Haltung erfüllen, sollen ein Tierwohl-Siegel bekommen. Das muss allerdings auf EU-Ebene eingeführt werden. „Tierschutz muss für die Verbraucher transparenter werden“, sagt Aigner. Das verändere das Kaufverhalten – und damit auch die Produktionsverfahren.
Der Bauernverband trägt die Pläne zwar mit. „Das wird aber keine leichte Nuss für uns“, sagt Präsident Sonnleitner. Zugleich sieht der Verband auch die Kunden in der Verantwortung. Sie müssten ihr Preisverständnis ändern, betont der Ökobeauftragte Heinrich Graf von Bassewitz: „Die Verbraucher, die sich heute über die sogenannte Massentierhaltung beschweren, haben mit ihrem Kauf von Billiglebensmitteln und ihrem extremen Preisbewusstsein letztlich genau diese Art der Landwirtschaft vorangetrieben.“
Sonnleitner wehrt sich gegen pauschale Verurteilung
Vielen ist das, was die Ministerin in Sachen Tierschutz anstrebt, zu wenig. Die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast, wirft Aigner vor, die Systemfragen der Massentierhaltung nicht anzupacken. Quälerische Haltungsformen müssten verboten werden. Sonnleitner wiederum wehrt sich dagegen, die heimische Landwirtschaft pauschal zu verurteilen. Die pure Größe eines Betriebs sage nichts darüber aus, wie die Tiere gehalten werden.
Doch heute ist nicht der Tag für Diskussionen. Die Schlemmermeile, die vor Ilse Aigner liegt, ist lang. Bier aus Liechtenstein, Grüner Veltliner aus dem Burgenland, ungarischer Pflaumenschnaps, Zwiebelmarmelade aus Lettland, Südtiroler Kaminwurzen. Hähnchenfleisch aus deutschen Supermärkten ist übrigens nicht mit dabei.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: