21 Mal kontrollierten die Lebensmittelbehörden seit Juli 2009 die Hallen bei Müller-Brot in Neufahrn - stets unangemeldet. Was sie zu sehen bekamen, war zum Übelwerden.

Die Mäuse, Motten und Schaben hatten sich schon über das Mehl hergemacht. Ungeziefer und Kot wurden in den Zutaten zur Herstellung der Ware bei Müller-Brot gefunden, ehe die Behörden vor eineinhalb Wochen die Notbremse zogen. Sie gaben der Firmenleitung die Chance, die Produktion in Neufahrn freiwillig zu stoppen, andernfalls wäre die Zwangsschließung gekommen.
Seit 30. Januar sind die Backöfen kalt, stehen die Bänder in der Fabrik so groß wie sieben Fußballfelder still. Doch schon in einer Woche will Müller-Brot nach einem Generalsaubermachen neu durchstarten. Für nächsten Freitag (17. Februar) wurde eine neue Abnahme der Produktionsanlagen beantragt.
21 Mal kontrollierten die Lebensmittelbehörden seit Juli 2009 die Hallen bei Müller-Brot in Neufahrn - stets unangemeldet. Was sie zu sehen bekamen, war zum Übelwerden: Kakerlaken, Motten und Mäusekot, wo man hinsah. Seit Herbst 2010 musste die Fabrik sechsmal Schmuddelware vernichten. In drei Fällen waren die Brezn und Brote schon in den Läden. So beschreibt das Landratsamt Freising das Sündenregister des seit eineinhalb Wochen geschlossenen Unternehmens nun endlich doch schonungslos. Die Behörden bis hinauf in die Ministerien wussten, wie dreckig es in der Brotfabrik zuging. Doch zu einer Schließung und der Aufklärung der Verbraucher rangen sie sich erst nach Jahren durch.
Selbst bei schon ausgelieferter Ware, die zurückgenommen werden musste, sahen sich die Behörden bis zuletzt nicht zu einer öffentlichen Rückrufaktion veranlasst. «Die rechtlichen Voraussetzungen hierfür waren nicht gegeben», heißt es zur Begründung. Die Rücknahme geschah heimlich. Seit Oktober 2009 wurden Buß- und Zwangsgelder in Höhe von zusammen fast 70 000 Euro verhängt. Die Staatsanwaltschaft Landshut ermittelt seit Mai 2011. Doch richtig kritisch wurde die Lage für Müller-Brot erst Ende 2011.
Das Katz-und Maus-Spiel zwischen Unternehmensleitung und Gesundheitsbehörden begann am 9. Juli 2009. An dem Tag wurde der Betrieb erstmals genauer unter die Lupe genommen. Schon damals war die Task-Force des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) dabei, in der Branche so etwas wie die GSG 9 der Polizei. Dabei waren auch Kontrolleure der Regierung von Oberbayern.
Ende 2011 verschlechterten sich die hygienischen Verhältnisse in der Fabrik dramatisch. Am 7. Dezember musste die Firmenleitung bei der Regierung von Oberbayern zum Rapport antreten. Nach einer weiteren Kontrolle zwei Wochen später drohte die selbe Behörde erstmals die komplette Schließung des Betriebs an, am 30. Dezember noch einmal. Doch die Verantwortlichen bei Müller-Brot ließen die Öfen weiter Semmeln und Brot backen. Am 30. Januar wurde bei einer erneuten Kontrolle «eine weitere deutliche Verschlechterung der Betriebs- und Produktionshygiene vorgefunden», so das Landratsamt. «In nahezu allen Produktionsbereichen waren Schädlinge und Mäusekot feststellbar.» Die Schließung der Fabrik war unausweichlich.
Als in den Läden die Regale leerblieben, tischte die Geschäftsführung die Version von einem Schwelbrand auf. Doch kein Feuerwehrmann weit und breit wusste von einem Feuer in der Fabrik. Nach zwei Tagen gezielter Desinformation durch Müller-Brot und ersten Medienberichten platzte Freisings Landrat Michael Schwaiger (Freie Wähler) der Kragen. Er teilte die Schließung der Produktionshallen wegen gravierender hygienischer Mängel mit.
Für Evi Müller, Tochter von Firmengründer Hans Müller, brach eine Welt zusammen. «Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas mit dem Lebenswerk meines Vaters passiert», sagte sie dem «Münchner Merkur». Der 81-Jährige hatte das Unternehmen aus kleinsten Anfängen in die Höhe gebracht. 2003 übernahm der Multimillionär Klaus Ostendorf - wie Müller passionierter Pferdezüchter - die Zügel bei Müller-Brot; der klangvolle Name Müller blieb im Firmenlogo.
Inzwischen brechen Ostendorf und seinem Mitgesellschafter Michael Phillips die Kunden weg. Der Discounter Lidl hat seine Aufträge bereits storniert, andere wollen nachziehen. Weil bei etlichen Müller-Brot-Filialen der Umsatz weg bricht, haben nach einem Bericht des «Münchner Merkur» (Donnerstag) an die 50 Pächter ihre Zahlungen an das Unternehmen eingestellt.
Überhaupt ist die Firmenleitung auf Tauchstation gegangen. Anfragen nach Auskunft der aktuellen Lage werden - wenn überhaupt - nur schriftlich beantwortet. Die Mitteilungen auf der Internetseite von Müller-Brot klingen indessen beschwichtigend, wenn es etwa heißt: «Die Sicherstellung von Spitzenqualität für unsere Kunden steht bei Müller-Brot an erster Stelle.» Keine Rede von Mäusedreck oder Schaben, lediglich von hygienischen Mängeln.
An diesem Freitag wollen sich Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft an einen Tisch setzen. Schon geht bei der Belegschaft die Angst um, die behördlich erzwungene Zäsur zum Generalsaubermachen könnte von der Firmenleitung für einen Personalabbau genutzt werden. Am Samstagabend findet eine Betriebsversammlung statt. Gut möglich, dass es dann trotz kalter Backöfen heiß hergeht bei Müller-Brot. dpa
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