Griechenlands Regierungschef Lucas Papademos hat vor einer "unkontrollierten Zahlungsunfähigkeit" seines Landes im März gewarnt, sollten die Gewerkschaften einer Senkung der Arbeitskosten nicht zustimmen.
Arbeitgeber und Gewerkschaften müssten bei ihren Verhandlungen "große Anstrengungen" unternehmen, um die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft zu steigern und den Arbeitsmarkt zu stimulieren, erklärte Papademos am Mittwochabend in Athen. Zuvor hatte die wichtigste Gewerkschaft des Landes Forderungen nach Lohnsenkungen eine Absage erteilt.
-
ANZEIGE
Papademos will Probleme angehen
"Wir können nicht erwarten, dass andere Staaten der Europäischen Union oder internationale Organisationen ein Land weiter finanziell unterstützen, das sich nicht an die Realität anpasst und seine Probleme angeht", betonte Papademos. Europäische Union, Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) hätten bei Beratungen über die Auszahlung weiterer Hilfen für das hochverschuldete Land "eine Reihe" von Fragen bezüglich des Arbeitsmarktes gestellt, etwa über den Mindestlohn, Zahlungen während der Urlaubszeit und die Koppelung der Löhne an die Inflation.
Papademos: "Kein guter Eindruck bei Partnern"
"Wenn wir nicht wichtige Maßnahmen treffen, wenn wir keinen guten Eindruck hinterlassen, dann droht die Bewertung unserer Partner nicht positiv auszufallen", warnte Papademos. Bei den Beratungen geht es um die Auszahlung von im Oktober beschlossenen weiteren Hilfen für Griechenland.
-
Griechenland gehört seit 2001 zur Euro-Zone. Später stellte sich heraus, dass sich das Land den Beitritt mit frisierten Zahlen erschlichen hatte. Seitdem hat sich die finanzielle Misere verschlimmert, seit 2009 ist sie offensichtlich. Ein Rückblick.
-
September 2004: Nach Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat hat Griechenland seine Zahlen zum Haushalsdefizit seit 2000 manipuliert. Eurostat kommt auf deutlich höhere Defizite.
-
Oktober 2009: Die oppositionellen Sozialisten gewinnen die vorgezogene Parlamentswahl. Giorgos Papandreou wird Ministerpräsident. Mit einer Staatsverschuldung von rund 260 Milliarden Euro ist jeder Grieche im Durchschnitt mit rund 25 000 Euro verschuldet.
-
Dezember 2009: Die Ratingagentur Fitch senkt ihr Kreditrating für Griechenland herab. Andere große Ratingagenturen folgen.
-
Januar 2010: Die Regierung schickt ihren Sparplan zur Haushaltssanierung an die EU-Kommission. Sie will das Defizit von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit harten Einsparungen und Steuererhöhungen bis 2012 auf unter drei Prozent drücken.
-
Februar 2010: Brüssel stellt den größten Schuldensünder des Eurogebiets unter Aufsicht. Athen muss bis 2012 sein Defizit in den Griff bekommen, verlangt die EU-Kommission. Die Budget-Sanierung wird von Brüssel streng und ständig überwacht.
-
April 2010: Die Euro-Länder einigen sich auf ein Rettungspaket. Es soll über drei Jahre laufen und der Internationale Währungsfonds (IWF) beteiligt werden. Im Notfall könnte Griechenland im ersten Jahr auf Hilfen von insgesamt 45 Milliarden Euro zugreifen. Große Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit des Landes weiter herab. In der Eurozone verschärft sich die Krise.
-
Mai 2010: Griechenland soll im Kampf gegen den drohenden Staatsbankrott über drei Jahre Kredithilfen von insgesamt 110 Milliarden Euro bekommen. 80 Milliarden Euro kommen von den Eurostaaten, weitere 30 Milliarden Euro vom IWF. Griechenland muss dafür unter anderem sein Haushaltsdefizit bis 2014 unter die Marke von 3 (derzeit 13,6) Prozent absenken.
-
November 2010: Eurostat gibt bekannt, dass das Haushaltsdefizit 2009 bei 15,4 Prozent des BIP lag.
-
April 2011: Die griechische Regierung stimmt die Bevölkerung auf ein weiteres hartes Sparprogramm ein. Der Fehlbetrag im Haushalt 2010 belief sich auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), wie Eurostat mitteilt. Zunächst war Athen von etwa 9,5 Prozent ausgegangen.
-
Mai 2011: Die EU verlangt von den Griechen, geschlossen einen noch härteren Sparkurs zu steuern, aber Regierung und Opposition sind in dieser Frage tief zerstritten.
-
Juni 2011: EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und IWF («Troika») erkennen die Sparanstrengungen Athens bedingt an. Die dringend benötigte nächste Finanzspritze über 12 Milliarden Euro von EU und IWF rückt näher. Aus dem Rettungspaket von 110 Milliarden Euro ist bisher ungefähr die Hälfte nach Griechenland geflossen.
-
Juli 2011: Ein Sondergipfel der EU beschließt ein weiteres Hilfspaket mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Es sieht vor, dass private Gläubiger einen freiwilligen Beitrag zur Finanzierung des Rettungspakets leisten sollen. Mehrere Ratingagenturen stufen kurz darauf die Kreditwürdigkeit Griechenlands weiter herunter.
-
August 2011: Eurobank und Alpha-Bank schließen sich zur größten griechischen Privatbank zusammen. Die Bank rechnet durch die Fusion mit Einsparungen von rund 650 Millionen Euro innerhalb von drei Jahren. Die Eurobank hatte den Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht im Juli nicht bestanden.
-
September 2011: Während Deutschlands Wirtschaftsminister Philipp Rösler eine "geordnete Insolvenz Griechenlands" zur Rettung des Euro nicht ausschließt, kündigt Griechenlands Regierung Massenentlassungen bei Staatsunternehmen an, um das Defizit zu senken. Die Weltbank kritisiert kurz darauf den Umgang der Euro-Staaten mit der Schuldenkrise. Deutschland, Frankreich und Belgien drängen derweil auf eine Finanztransaktionssteuer. Der deutsche Steuerzahler haftet nach Berechnungen des ifo-Instituts mit bis zu 465 Milliarden Euro für die Euro-Rettung.
-
Oktober 2011: Nach langer Prüfung gibt die Troika die nächste Kredittranche für Griechenland frei. Das griechische Parlament beschließt kurz darauf weitere Sparmaßnahmen. Aus einem Bericht der Troika geht derweil hervor, dass Griechenland wesentlich mehr Geld benötigt, als ursprünglich gedacht: Rund 444 Milliarden Euro. Der Euro-Gipfel einigt sich mit den Banken auf einen freiwilligen Schuldenerlass für Griechenland in Höhe von 50 Prozent. Am letzten Tag des Monats überrascht Ministerpräsident Giorgos Papandreou mit der Ankündigung einer Volksabstimmung über die Beschlüsse des Euro-Gipfels.
-
November 2011: Nach der Ankündigung von Papandreou setzt das Chaos in der Euro-Zone und an den Börsen wieder ein. International, innenpolitisch und auch in der eigenen Partei unter Druck, nimmt Papandreou schließlich Abstand von dem Referendum. Papandreou tritt zurück, neuer Ministerpräsident Griechenlands wird Lucas Papademos.
Athen hofft auf einen Kredit in Höhe von 89 Milliarden Euro bis Ende Januar. (afp)
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: