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24. Oktober 2008 21:05 Uhr

Interview mit Berthold Huber

Trotz Finanzkrise fordert IG Metall acht Prozent

Die Finanzkrise hat die produzierenden Betriebe erreicht. In der unsicheren Lage versuchen Arbeitgeber und IG Metall einen Tarifabschluss zu finden. IG-Metall-Chef Berthold Huber beharrt im Gespräch mit Stefan Stahl auf der Forderung von 8 Prozent. Von Stefan Stahl,

Von Stefan Stahl, Frankfurt/Main

Die Finanzkrise hat die produzierenden Betriebe erreicht. In der unsicheren Lage versuchen Arbeitgeber und IG Metall einen Tarifabschluss zu finden. Die Gewerkschaft setzt sich unverändert für acht Prozent mehr Lohn ein, was Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser heftig zurückweist. IG-Metall-Chef Berthold Huber beharrt jedoch in einem Gespräch mit unserer Zeitung auf der Forderung.

Erste Bank-Manager müssen Geld zurückzahlen. Die Wirtschaftswelt steht kopf. Was ist mit dem Kapitalismus los, Herr Huber?

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Huber: Der Kapitalismus, der heute auf dem Kopf steht, ist einer, der auf kurzfristige Gewinne gesetzt hat. Folglich waren nur noch Manager gefragt, die kurzfristig den Aktienwert gesteigert haben, ohne auf Nachhaltigkeit zu setzen. Der von solch elenden Analysten erzeugte Druck auf die Unternehmen ist eine der Ursachen für die Krise. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann forderte ja 25 Prozent Rendite. Das ist Wahnsinn! Der ungeregelte Kapitalismus ist eine Bedrohung für Wirtschaft und Demokratie.

Wie kann man diesem Wahnsinn Grenzen setzen?

Huber: Es wird endlich Zeit, dass alle Banken und Versicherungen ihre Bücher offenlegen. Darauf haben die Menschen einen Anspruch, schließlich stammt die Summe von bis zu 500 Milliarden Euro, mit der die Bundesregierung für die Finanzwirtschaft zu bürgen bereit ist, aus Steuergeldern. Weil der freie Markt versagt hat, müssen wir das kurzfristige Profitdenken bremsen. Ein gutes Rezept dagegen wäre es, Manager nach langfristigem Erfolg zu bezahlen. Überdies brauchen wir ein neues Regulierungssystem für die Finanzwirtschaft.

Ist jetzt Verstaatlichung angesagt?

Huber: Ich wende mich gegen den populistischen Vorschlag, die Finanzwirtschaft zu verstaatlichen. Was kann man da momentan außer Schulden übernehmen? (lacht) Für mich heißt eine der großen Lehren aus der Krise, dass wir mehr Mitsprache in den Betrieben brauchen.

Wie funktioniert das?

Huber: Volkswagen ist hierfür ein gutes Beispiel. VW-Standorte können nur verlagert werden, wenn zwei Drittel der Aufsichtsratsmitglieder dem zustimmen. Die Arbeitnehmerseite verfügt über 10 von 20 Sitzen in diesem Gremium. Das auch wirtschaftlich erfolgreiche Volkswagen-Modell ist für mich ein Anti-Gierkapitalismus-Modell.

Hat zumindest die IG Metall auf seriöse Anlagen gesetzt. Wie steht es um Ihre Streikkasse?

Huber: Die Streikkasse ist gut gefüllt. Wir verzeichnen nach wie vor Zuwächse bei unserem Vermögen. Die Anlagen wurden breit gestreut, überwiegend in Rentenpapiere. Wir haben nie spekuliert. Unsere Streikkasse ist nicht von der Finanzmarktkrise betroffen. Hier brauchen sich die Arbeitgeber keine Hoffnungen zu machen.

Die Arbeitgeber hoffen auf Ihre Vernunft. Angesichts des Finanzdesasters wirke die Forderung nach acht Prozent wie aus einer anderen Welt, argumentieren die Unternehmer. Wie fühlt man sich als Außerirdischer?

Huber: Die Arbeitgeber sollen auf ihre Propaganda verzichten. Die Maschinenbauer sagen mir, 2008 werde für sie ein gutes bis sehr gutes Jahr. Und bei den Auto-Unternehmen ist es - mit wenigen Ausnahmen - auch ein gutes Jahr.

Die Krise hat aber nach Opel und BMW auch Daimler böse erwischt.

Huber: Die Probleme hängen zum Teil auch mit einer verfehlten Modellpolitik zusammen. VW steht mit seiner vergleichsweise sparsamen Flotte noch gut da. Wir bleiben bei unserer Forderung, weil die Metall- und Elektroindustrie 2007 die höchste Umsatzrendite seit 40 Jahren erzielt hat. 2008 wird die Umsatzrendite - wenn überhaupt - nur geringfügig niedriger ausfallen.

Doch 2009 droht Ungemach. Deutschland könnte in eine Rezession rutschen. Lässt Sie das kalt?

Huber: Das ist alles nur Spekulation. Die Wirtschaftsforschungsinstitute lagen in den vergangenen Jahren überwiegend kräftig daneben. Es ist leicht, Katastrophenszenarien an die Wand zu malen. Überdies glänzt die Metallwirtschaft mit höheren Wachstumsraten als die Gesamtwirtschaft. Das wird 2009 nicht anders sein, zumal der Maschinenbau teilweise hohe Auftragsbestände aufweist. Der Branchenverband VDMA räumt das offen ein. Und wir haben zum Beispiel im Energieanlagen-Bereich Firmen, die so gut ausgelastet sind, dass sie gar keine Aufträge mehr annehmen.

Trotzdem spricht Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser von einem "Ausnahmezustand". Ist nicht in einer solchen Notsituation Maßhalten erste Pflicht für Tarifpartner?

Huber: Wir haben weder einen Wirtschafts- noch einen Finanzierungsnotstand. Ich kenne kein solides Unternehmen, das von der Bank kein Geld bekommt. Ich kann die Arbeitgeber nur warnen, die Situation weiter in den Keller zu reden.

Das tun die Arbeitgeber aber.

Huber: Wenn die Menschen von Angst erfasst sind, halten sie ihr Geld zusammen. Das schadet den Unternehmen. Die Menschen in den Betrieben, mit denen ich rede, akzeptieren nicht, dass sie mit ihrem Steuergeld zwar für die Banken bürgen sollen, selbst aber Reallohnverluste hinnehmen müssen, also weniger als die Inflationsrate von gut drei Prozent bekommen sollen.

Die Krise erschwert den Tarifpartnern einen Kompromiss. Kannegiesser bietet Ihnen ein Spitzengespräch an. Warum lehnen Sie das ab?

Huber: Das ist ein rein taktisches Manöver. Offensichtlich kann sich die Arbeitgeberseite nicht auf ein Angebot einigen. Oder die Arbeitgeber schämen sich schon für ein mögliches Angebot, das so schlecht ist, dass am Ende Reallohnverluste für die Beschäftigten stehen.

Das alles könnten Sie doch in einem Spitzengespräch auf den Tisch legen.

Huber: Wir sind nicht die katholische Kirche. Tarifverhandlungen haben nicht die Aufgabe, in einem Konklave einen Papst zu wählen. Tarifverhandlungen müssen für Millionen von Menschen klären, wie ihr Entgelt aussieht. Unsere 2,3 Millionen Mitglieder wollen beteiligt werden. Aufgeklärte Menschen - und das sind unsere Mitglieder - geben sich nicht mit Rauch über der Tarif-Kapelle zufrieden.

Das klingt alles nach Warnstreiks ab 1. November.

Huber: Wir warten, was die Arbeitgeber bis Ende Oktober bieten. Wenn ein Angebot unzureichend ist, werden wir die Hände nicht in den Schoß legen - dann wird es zu Warnstreiks kommen. Es geht in dieser Tarifrunde nicht nur um Geld, sondern auch um Gerechtigkeit. Wir wollen eine faire Beteiligung unserer Leute an den Rekordgewinnen der Branche.

Könnte die Tarifrunde eskalieren?

Huber: Gibt es keine zufriedenstellende Lösung, werden wir auch einem größeren Konflikt nicht aus dem Weg gehen.

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