Augsburg/Neu-Ulm Wer in diesen heißen Tagen auf dem Weg zum Baggersee oder in den Biergarten an der Produktionsstätte der Neu-Ulmer Firma Weiss vorbeiradelt, kann Weihnachten schon riechen. Der Lebkuchenhersteller hat seit Juni alle Hände voll zu tun. Hier gedeiht die "Herbstware", wie es offiziell heißt. Herbstware deshalb, weil die ersten Packungen schon Anfang September, streng genommen also sogar noch im Sommer, in den Handel kommen. Von Andreas Frei
Das gefällt nicht jedem. Vor allem die Kirchen kritisieren die so frühzeitige Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Auch Verbraucherschützern ist es ein Dorn im Auge, dass neben der letzten Grillkohle oft schon Spekulatius und andere Leckereien liegen.
Bernd Ohlmann, Sprecher des Landesverbandes des Bayerischen Einzelhandels (LBE), sieht das pragmatischer: "Würde der Kunde nicht solche Produkte nachfragen, würde der Handel sie auch nicht anbieten." Ohlmann verweist allerdings darauf, dass in Bayern im Gegensatz zu anderen Bundesländern die Weihnachtsdekoration an Geschäften nicht vor Allerheiligen (1. November) angebracht wird.
Viereinhalb Monate vor dem Fest ist Weihnachten in vielen Unternehmen schon Dauerthema. Ohlmann zufolge haben Modegeschäfte ihre Winterware längst geordert, ebenso der Lebensmitteleinzelhandel. Das bringt derzeit vor allem die Hersteller von Süßwaren ins Schwitzen. In der vergangenen Saison haben sie mit Schoko-Weihnachtsmännern oder Adventskalendern ein kräftiges Umsatzplus verzeichnet (siehe nebenstehenden Artikel). Auch in diesem Jahr hofft man auf gute Geschäfte. Entsprechend beschäftigt sind die Unternehmen. Torben Erbrath, Sprecher des Branchenverbandes BDSI, veranlasst dies sogar zum Kalauern: "Ist das Wetter draußen heiß, laufen drinnen die Bänder heiß", scherzt er.
Sommerzeit ist auch die Zeit, in der asiatische Hersteller per Containerschiff Spielzeug, Kleidung und Unterhaltungselektronik für das Weihnachtsgeschäft nach Europa transportieren. Die Reeder-Organisation Far Eastern Freight Conference hat bereits gewarnt: Erstmals seit 2001 seien die Transporte von Asien nach Europa im Juni geschrumpft. Das werten Konjunkturexperten als Zeichen für einen bevorstehenden Abschwung und eine sich weiter verschlechternde Kauflaune der Verbraucher.
Ulrich Brobeil teilt diese negativen Prognosen nicht. Der Vertreter des Deutschen Verbandes der Spielwaren-Industrie glaubt sogar: "Die Tendenz geht nach oben." Erstmals seit Jahren hatte die Branche 2007 wieder leichte Umsatzzuwächse erzielt. An eine neuerliche Trendwende glaubt Brobeil nicht. "Die Händler haben schon frühzeitig geordert, und auch auf dem Seeweg ist noch einiges unterwegs", sagt er.
Gutscheine und Bargeld sind der Geschenkerenner
Der Einzelhandel erwirtschaftet rund 20 Prozent seines Jahresumsatzes im Weihnachtsgeschäft. In diesem Jahr, sagt LBE-Sprecher Ohlmann, werde sich ein Trend besonders verfestigen: "Gutscheine und Bargeld werden immer häufiger verschenkt." Daneben fänden auch die Klassiker Schmuck, Spielwaren, Parfüm und Unterhaltungselektronik weiter ihre Abnehmer.
Das Weihnachtsgeschäft endet für die Händler im Januar. Viele werden gedanklich schon beim nächsten Fest sein. Denn in den Regalen stehen dann die ersten Osterhasen.
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