Samstag, 24. Februar 2018

19. Mai 2013 07:12 Uhr

Selbstversuch

Angstzustände und Tunnelblick: Meine Tage auf Ritalin

Ritalin ist umstritten und wird dennoch häufig verschrieben: Doch wie wirkt das Medikament, wenn man es nicht braucht? Ein Selbstversuch. Von Lea Thies

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Neben Kindern und Jugendlichen bekommen auch immer mehr junge Erwachsene Medikamente gegen ADHS.
Foto: SZ/Thomas Lehmann (dpa)

Für geschätzt 300 000 Kinder in Deutschland beginnt der Morgen mit einer Tablette. Ritalin soll sie konzentrierter, aufmerksamer, ruhiger machen, denn Ärzte haben bei ihnen ADS/ADHS diagnostiziert. Die Mediziner stellen dieses Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung immer häufiger fest. Die Ritalin-Verkaufszahlen sind in den vergangenen Jahren explosionsartig angestiegen.

90 Prozent der ADHS-Diagnosen sind falsch

Doch 90 Prozent der ADHS-Diagnosen seien falsch, sagt Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité. Viele Kinder nehmen also ohne Grund Ritalin. Was dieses Medikament mit einem Menschen anstellen kann, der kein ADHS hat, soll das Selbstexperiment zeigen.

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Prolog: Erst einmal klären, ob ich nicht doch ein Zappelphilipp bin. Als Kind war ich lebhaft, mit Ordnung habe ich es nicht so, ich bin der Multitasking-Typ, ziemlich hibbelig und impulsiv - alles Anzeichen für ADHS. Weil sich viele „Erwachsenenärzte“ mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (mit Hyperaktivität) nicht auskennen, lasse ich mich von einem Kinderarzt beraten. Bei ADHS gibt es eine Störung im Botenstoffsystem, erklärt der Arzt weiter, Ritalin sei das Mittel der Wahl. „Einem Kind mit ADHS das Medikament nicht zu geben ist so, als würde man einem Behinderten einen Rollstuhl verweigern“, beschreibt mein Berater.

Nein, ich bin kein Junkie

Für Kinder ohne ADHS sei Ritalin „absoluter Quatsch“. Die Diagnostik ist nicht ganz einfach. „Das Gehirn kann man ja nicht ausbauen und durchchecken“, sagt er. Jeder Arzt hat andere Diagnostikmethoden, mal mehr, mal weniger aufwendig. Mein Berater zeigt mir seine ausführlichen Anamneseblätter, die er von Kind, Eltern, Lehrern, Hortpersonal ausfüllen lässt, um ein möglichst breites Bild zu bekommen. Zudem macht er mit dem kleinen Patienten einen Intelligenztest und schaut, wo die Begabungen oder Schwächen liegen. Anhand der Fragebögen wird schnell klar: höchstwahrscheinlich kein ADHS. Also los.

Viele dopen sich mit Ritalin im Alltag

Da der Ritalinwirkstoff Methyl-phenidat ein verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel ist, bekommt man es legal nur mit nummeriertem dreiteiligen Spezialrezept in der Apotheke. Alles staatlich überwacht. Hat die Apothekerin kurz merkwürdig geguckt, als sie mein Geburtsdatum auf dem gelben Papier sieht? Ja, ich bin nicht die Hauptzielgruppe für Ritalin. Nein, ich bin kein Junkie. Ich gehöre nicht zu den jungen Erwachsenen, die sich mit dem Medikament im Alltag dopen - übrigens ein Problem in den USA. Mir jedenfalls schwant langsam, was da auf mich zukommt.

  • Tag 1, 1. Mai, Dosis 10 mg: Ausnahmsweise lese ich mir mal einen Beipackzettel durch. Dieses Exemplar ist fast einen Meter lang. Besonders interessant ist der Abschnitt für Kinder: „Diese Informationen sollen Dir dabei helfen, die wichtigsten Dinge über Dein Medikament, das Ritalin genannt wird, zu lernen.“ Die Personalisierung eines Medikaments. Irgendwie perfide. Was dann unter „mögliche Nebenwirkungen“ folgt, klingt noch gruseliger: „Du bist sehr niedergeschlagen und unglücklich und möchtest Dir wehtun oder Du bist ungewöhnlich ängstlich. (...) Du hast wenig Appetit, Du wächst nicht so schnell wie Deine gleichaltrigen Freunde oder Klassenkameraden.“ Schluck. Freunde halten mich für verrückt, dass ich „das Teufelszeug“ freiwillig nehme.

Der Kinderarzt meines Vertrauens meinte, dass ich keine Langzeitschäden zu befürchten habe und das Mittel schnell wirkt. Einstiegsdosis 10 mg. Eigentlich dürfte ich nicht viel spüren, sagt er, der den Selbsttest auch schon hinter sich hat. Dann könne ich steigern auf 20 mg, was die meisten Kinder bekämen.

Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren, aber ich bin ganz ruhig

„Mein Medikament“ sieht aus wie eine Mini-Aspirin. Harmlos irgendwie. Und doch würde ein Drogentest den Stoff in meinem Körper nun nachweisen. Da ich nicht weiß, was Ritalin mit mir anstellt, starte ich den Test an einem freien Tag ohne Redaktionsschluss oder sonstigen Stress. Ich gehe spazieren. Mopedfahren traue ich mich nicht, weil Schwindel eine der Nebenwirkungen sein kann. Ich habe das Gefühl, ich höre und rieche etwas besser. Kann aber auch Einbildung sein. Außerdem bin ich kurzatmiger.

Auf Ritalin: Wie ein Auto ohne Kurvenlicht

Ansonsten fühlt sich erst einmal alles normal an. Zwei Stunden nach der Einnahme dann ein leichter Tunnelblick. Meine Augen sind irgendwie langsamer - wie ein Auto ohne Kurvenlicht. Dafür formen mein Mund und meine Zunge schneller Wörter als sonst. Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren, aber ich bin ganz ruhig.

Ich schaue mit Freunden Fußball in einem Restaurant. Der FC Bayern ist mir noch egaler als sonst schon. Bin wie im Zeitlupen-Modus. Kurzzeitig leichter Schwindel, als würde man einen alten Computerbildschirm entmagnetisieren. Abends dann plötzlich ein Blues. Gedanken, die ich schon in Kopfkisten verstaut hatte, kommen plötzlich hoch. Stimmungswechsel sind eine der häufig genannten Nebenwirkungen. Ein Glück, ich schlafe schnell ein.

  • Tag 2, 2. Mai, Dosis 20 mg: Die Kollegen merken erst einmal nichts. Mein Kopf fühlt sich etwas wie Watte an. Ich spreche weniger, aber schneller als sonst und schreibe mehr. Die Gedanken sind merkwürdig kanalisiert. Ich kann mich gut konzentrieren. Das Mittagessen vergesse ich, weil keinen Appetit – definitiv das Ritalin. Abends werde ich langsam hibbeliger. Im Kino schaue ich mir einen 3-D-Action-Film an. Schon die Vorschau und die Werbung überfordern meine Augen. Viel zu schnell alles. Aber eigentlich egal.
  • Tag 3, 3. Mai, Dosis 20 mg: Ich gewöhne mich langsam an das betäubte Gefühl. Freigenommen, um Hausarbeit und Einkäufe auf Ritalin zu erledigen. Die Besorgungen flutschen, Wohnungsaufräumen nicht. Abends eine Großveranstaltung in München – Smalltalk läuft gut auf Kinderkoks, so wird Ritalin auch genannt. Bin gut drauf und entspannt, vieles ist irgendwie gleichgültig. Ich werde nicht müde, spät im Bett.
  • Tag 4, 4. Mai, Dosis 0 mg: Einer der ersten Gedanken: „’Ne Ritalin wäre jetzt schön.“ Zeit, das Zeug abzusetzen. Das Medikament kann psychisch abhängig machen, heißt es. Aber so schnell? Gedanken weggewischt. Danach aber üble Laune. Bin genervt. „Wenn Sie plötzlich mit der Einnahme dieses Arzneimittels aufhören, (...) treten unerwünschte Wirkungen wie Depression auf“ – steht im Beipackzettel. Aufmunterungsversuche jedenfalls bringen bei mir nichts. Streit. Um weitere zwischenmenschliche Kollateralschäden zu verhindern, bleibe ich zu Hause und gucke Video. „2001 – Odyssee im Weltraum.“ Ein Film wie auf Drogen. Passt ja irgendwie. Früh schlafen gegangen.
  • Tag 5, 5. Mai, Dosis 0 mg: Laune noch schlechter. Bin antriebslos, fühle mich leer, bin niedergeschlagen. Könnte ohne Grund auf einmal weinen. Verordne mir stumpfsinnige Hausarbeit als Ablenkung. Hilft nicht. Ich schlafe eine Stunde. Hilft auch nicht. Abends jogge ich durch den Wald – danach geht es etwas besser. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich nicht ich selbst bin. Bin gereizt, ängstlich, nicht normal. Sehe erst schwarz, dann rot. Schlecht geschlafen. Wach gelegen und mir überlegt, was wohl ein Kind in meiner Situation fühlen würde. Ich denke an einen Jungen aus einer Doku der sagt: „Wenn ich kein Ritalin nehme, schimpfen alle mit mir. Wenn ich es nehme, schimpfen sie weniger.“ Vielleicht sollten seine Eltern lieber das Zeug nehmen.

Epilog: Eine Woche nach Start des Selbstversuchs fühlt sich im Kopf endlich wieder alles normal an. Die privaten Kollateralschäden meines Experimentes sind aber noch spürbar. Ritalin wirkt leider nicht als Entschuldigung.

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Ein Artikel von
Lea Thies

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal