Sonntag, 25. Februar 2018

08. Februar 2018 08:10 Uhr

Psychologie

Déjà-vu: Wie uns Erinnerungen täuschen können

Ein Déjà-vu haben die meisten schon erlebt, manche Menschen leiden sogar oft darunter. Was steckt dahinter? Und warum spielt uns das Gedächtnis Streiche? Von Christian Satorius

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Das Gedächtnis täuscht uns oft. Ein Déjà-vu nennt man beispielsweise das seltsam vertraute Gefühl, eine Situation genau so schon einmal erlebt zu haben.
Fotolia

Dieser 92-jährige Japaner ist ein echtes Phänomen: Alles, aber auch wirklich alles, hat er schon einmal gesehen, nichts ist ihm neu. Als er das erste Mal in seinem Leben in Paris Urlaub macht, ist er maßlos enttäuscht: Alles ist ihm schon bekannt. Der Eiffelturm nicht nur auf Fotos sondern in Echt zum Anfassen: bekannt. Das kleine französische Mädchen auf dem roten Roller: bekannt. Die neuesten Schlagzeilen der Zeitung, die gerade am Kiosk hängt: bekannt. Nun ist der alte Mann allerdings keineswegs hellseherisch begabt, er leidet vielmehr unter einer seltenen Krankheit, dem sogenannten Dauer-Déjà-vu.

Wann ist ein Déjà-vu ganz normal?

Der englische Neuropsychologe Chris Moulin von der Universität in Leeds hat sich mit dem Fall des 92-jährigen Japaners befasst: "Wir wissen heute, dass Déjà-vus zumeist ganz normal sind. Wenn sie aber den Alltag unmöglich machen, werden sie untragbar und man sollte unbedingt zu einem Arzt gehen". Die Frage, die sich stellt, ist: Wann ist ein Déjà-vu "ganz normal"?

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"Déjà-vu" kommt aus dem Französischen und heißt soviel wie "schon gesehen". Gemeint ist damit in der Regel dieses seltsam vertraute Gefühl, eine Situation genau so schon einmal erlebt, schon einmal gesehen, zu haben. Oft scheint man sogar zu wissen, was als Nächstes geschieht - ein bisschen unheimlich ist das Ganze zumeist auch noch. Chris Moulin nach besteht aber kein Grund zur Sorge, denn der Spuk ist nach wenigen Augenblicken wieder vorbei - normalerweise. Die meisten von uns haben so eine Situation schon einmal erlebt, Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent der Bevölkerung aus. Es gibt aber einige wenige Menschen, bei denen die Déjà-vus dauerhaft auftreten, so wie bei dem 92-jährigen Japaner oder auch dem ehemaligen Architekten, den Moulin aus Patientenschutzgründen nur "Herrn D." nennt.

Der 78-jährige Herr D. hat Probleme, ein normales Leben zu führen. Er kann sich nicht einen einzigen Film in Ruhe anschauen, denn alle Filme kommen ihm bekannt vor. Also schaltet er den ganzen Abend lang von einem Fernsehprogramm zum nächsten, immer auf der Suche nach etwas Neuem, Unbekannten. Selbst die aktuellen Nachrichtensendungen meint er schon einmal gesehen zu haben.

Geht er im Park spazieren, so kennt er jeden einzelnen Spaziergänger schon, jeden Vogel, jede Zigarettenkippe, die auf dem Boden liegt. Ein Einkaufsbummel mit seiner Frau ist so gut wie unmöglich, denn bei jedem einzelnen Artikel, den sie in den Wagen legt, widerspricht er, schließlich habe man genau diesen Artikel ja schon zu Hause. Es gibt aber noch ein schwerwiegenderes Problem: Herr D. will nicht zum Psychologen gehen, denn er ist felsenfest davon überzeugt, gerade erst dort gewesen zu sein.

Wissenschaftler aus aller Welt suchen nach einer Lösung

Um Menschen wie Herrn D. helfen zu können, versuchen Wissenschaftler in aller Welt zu ergründen, wie und warum Déjà-vus entstehen und was genau sie überhaupt sind. Das herauszufinden ist aber gar nicht so einfach, wie die vielen Theorien zeigen, die sich mit Déjà-vus befassen. So gibt es etwa esoterische Ansätze, die davon ausgehen, es handele sich um Erinnerungen an ein früheres Leben. Diese Einschätzung teilen Wissenschaftler natürlich nicht. Manche Neurologen sind der Überzeugung, dass es sich lediglich um das versehentliche Feuern von Neuronen handelt, das zudem von seelischen Belastungen, wie etwa Übermüdung oder Stress, begünstigt werden kann.

Die Frage, die jedoch bleibt, ist: Was sind das für Erinnerungen? Handelt es sich wirklich um echte Erinnerungen an frühere Zeiten, die zwar nicht bewusst sind, aber in ähnlicherweise auch von Psychologen aus dem Unterbewusstsein heraus wieder ans Tageslicht befördert werden können? Oder sind es Erinnerungen, die auf Ereignissen basieren, die in Wahrheit niemals stattgefunden haben, falsche Erinnerungen, Täuschungen also? Gerade in neuerer Zeit beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit dieser Fragestellung. Problematisch können Erinnerungen nämlich immer dann werden, wenn es um ihren Wahrheitsgehalt geht, beispielsweise bei Zeugenaussagen vor Gericht.

Erinnerungen können manipuliert werden

Es ist nämlich möglich, Erinnerungen im Nachhinein gezielt zu manipulieren, wenn auch nur in Grenzen. Fatal dabei: Die Person, die sich erinnert, ist fest davon überzeugt, dass es sich um wirklich Erlebtes bzw. Gesehenes handelt, sie lügt also keineswegs bewusst und besteht so selbst die umstrittenen Lügendetektortests, die unter anderem in den USA Verwendung finden. Die britische Psychologin Kimberley Wade hat dazu ein interessantes Experiment gemacht. Sie zeigte Versuchspersonen vier Dias aus ihrer Kindheit, die sie sich zuvor ohne Wissen der Kandidaten von Angehörigen beschafft hatte. Anschließend sollten die Probanden soviel zum jeweiligen Bild erzählen, wie ihnen heute noch einfällt. Der Trick: Ein Bild war professionell retuschiert und zeigt die Versuchsperson bei einer Heißluftballonfahrt, die sie aber in Wahrheit niemals gemacht hat.

Überraschendes Ergebnis: Schon direkt nach dem Anschauen der Dias war ein Drittel der Versuchsteilnehmer davon überzeugt, diese Heißluftballonfahrt wirklich absolviert zu haben. Damit aber nicht genug: Die Befragung wurde innerhalb von gut zwei Wochen noch zweimal wiederholt. Beim dritten Interview war sich dann sogar jeder zweite Teilnehmer sicher, wirklich im Heißluftballon gefahren zu sein. So manch einer konnte sogar verblüffende Details wiedergeben, etwa den Fahrpreis, den er damals angeblich bezahlt hatte. Die Wissenschaftlerin machte daraufhin viele derartige Versuche zu manipulierten Erinnerungen. Besucher des Freizeitparks Disney World wurden beispielsweise befragt, wie ihnen der Comic-Hase Bugs Bunny gefallen habe. Die Figur die nicht von Disney sondern vom konkurrierenden Warner-Konzern stammt, war natürlich in dem Freizeitpark gar nicht zu sehen war. Anderen Versuchsteilnehmern wurde sogar erfolgreich eingeredet, sie hätten auf einer Hochzeit die Bowle über die Brauteltern geschüttet. Besonders beeindruckend: Schon die Art der Fragestellung, ja selbst einzelne Wörter können Einfluss auf die Erinnerung haben.

Falsche Erinnerungen können auch positive Auswirkungen haben

Die amerikanische Gerichtsgutachterin und Psychologin Elisabeth Loftus hat dies anschaulich in einer Studie zu Zeugenaussagen belegt: Versuchspersonen wurden Filme von Autounfällen vorgespielt. Anschließend wurden die Probanden gefragt, wie schnell die jeweiligen Autos wohl gewesen seien, als sie "sich berührten" oder "ineinander krachten". Versuchsteilnehmer, die nach der "Berührung" gefragt wurden, schätzten die Geschwindigkeit auf etwa 50 Stundenkilometer. Diejenigen die mit der Formulierung befragt wurden, bei welcher Geschwindigkeit die Fahrzeuge "ineinander krachten" meinten, sie seien 65 Stundenkilometer schnell gewesen. Also allein die Frage bestimmt hier die Antwort der Erinnerung.

Falsche Erinnerungen können auch ihr Gutes haben, etwa wenn sie dazu beitragen, eine Diät einzuhalten, wie Daniel Bernstein von der Universität von Washington in Seattle herausgefunden hat. 228 Versuchsteilnehmern redete er ein, ihnen sei als Kind von Erdbeereis und auch von Schokoladenkeksen oft übel geworden. Daraufhin wollten 40 Prozent der Probanden nichts mehr vom Erdbeereis wissen. Bei den Schokokeksen funktionierte der Trick allerdings nicht. Bernstein macht dafür die Glaubwürdigkeit seiner Falschinformationen verantwortlich: Denn Schokokekse mag eben jeder.

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