Montag, 25. Juli 2016

27. Mai 2013 13:56 Uhr

Gesundheit

Entwarnung: Muttermilch enthält ungefährliche Schadstoffmenge

Die Rückstände von Schadstoffen in Frauenmilch sind gering. Die Vorteile des Stillens überwiegen für Mutter und Kind.

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Experten geben Entwarnung: Die Rückstände von Schadstoffen in der Muttermilch sind gering. Stillen ist deshalb immer noch die beste Alternative.
Foto: Gero Breloer, dpa

Berichte über Weichmacher, Flammschutzmittel-Rückstände und andere Chemikalien verunsichern stillende Frauen: Gehen die Stoffe in die Muttermilch über und machen Babys krank? Der Umweltmediziner Professor Hermann Fromme vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gibt Entwarnung. Wir sprachen mit ihm am Rande eines Symposiums zum Thema Muttermilch im Münchner Klinikum Großhadern.

Im Jahr 1984 wurde Frauen offiziell geraten, wegen der Schadstoffbelastung der Muttermilch nur vier Monate voll zu stillen. Wer länger stillen wollte, sollte die Milch auf Rückstände untersuchen lassen. Diese Empfehlung wurde längst widerrufen. Hat sich die Situation also verbessert?

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Fromme: Ja. Bei allen chlororganischen Verbindungen ist die Belastung in Mitteleuropa deutlich zurückgegangen. Die alten „bad boys“ wie Polychlorierte Biphenyle (PCB), Hexachlorbenzol (HCB) und das Insektizid DDT spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch die Dioxin-Belastung ist in ganz Europa rückläufig. Allerdings sind all diese Verbindungen sehr langlebig und reichern sich im Fettgewebe von Mensch und Tier an.

Welche Stoffe sind am gefährlichsten?

Fromme: Dioxine sind die problematischsten dieser Substanzen. Sie entstehen als Nebenprodukt bei Verbrennungsprozessen und verteilen sich über Staubpartikel in der ganzen Umwelt. Hohe Dosen können die Organe auf vielfache Weise schädigen. Am bekanntesten ist die so genannte Chlorakne, eine typische Hautveränderung, die nach einer Vergiftung auftritt. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Dioxin-Emissionen und damit die Gehalte in der Muttermilch aber stark zurückgegangen.

Kann ein Baby davon krank werden?

Fromme: Nein, im Gegenteil: Die Vorteile des Stillens überwiegen ganz deutlich für Mutter und Kind! Und die Belastung ist längst nicht so hoch, dass individuelle Schäden auftreten können. Mütter sollten wegen der eindeutigen Vorteile ihre Kinder sogar mindestens sechs Monate ausschließlich stillen, wenn dies möglich ist. Trotzdem muss man noch mehr unternehmen, um die Umweltbelastung weiter zu verringern.

Ist es richtig, dass die Milch älterer Mütter stärker belastet ist?

Fromme: Ja. Schadstoffe mit langer Halbwertszeit werden im Fettgewebe gespeichert und beim Stillen freigesetzt. Deshalb steigt die Belastung der Muttermilch mit dem Alter der Frauen. Aber auch die Zahl der Kinder spielt eine Rolle: Je mehr Babys eine Frau gestillt hat, desto geringer wird auch die Schadstoffbelastung der Frau und damit auch der Muttermilch.

Welche Gefahren drohen von neuen Chemikalien, etwa von Weichmachern und Duftstoffen?

Fromme: Sehr verbreitet sind perfluorierte Verbindungen. Sie werden seit den 30er Jahren in vielen Industrieprodukten verwendet, zum Beispiel als wasser- und fettabweisende Beschichtungen von Kleidung oder Baumaterial. Die Substanzen kommen weltweit vor, man kann sie sogar in Tieren in der Arktis nachweisen. In hohen Dosen können sie unter anderem die Leber schädigen. Durch Verbote ist die Umweltbelastung in den letzten Jahren zurückgegangen, aber die Substanzen sind langlebig. Sie lassen sich im Blut nachweisen, gehen aber nur zum Teil in die Muttermilch über. Die zulässigen Höchstwerte werden bei gestillten Babys deshalb nicht überschritten. Der Gehalt an Phthalaten ist ebenfalls nicht besorgniserregend. Diese Stoffe kann man als Weichmacher zwar fast überall in unserer Umwelt finden, zum Beispiel in PVC-Fußböden oder in Transfusionsschläuchen. Die Rückstände in der Muttermilch sind aber gering. Auch bedenkliche Moschusduftstoffe spielen heute keine große Rolle. Sie werden mittlerweile kaum noch verwendet und finden sich nur in niedrigen Konzentrationen in der Milch.

Und wie sieht es bei Schwermetallen aus?

Fromme: Schwermetalle werden kaum über die Muttermilch ausgeschieden. Deshalb spielen sie als Rückstände keine große Rolle.

Wirkt es sich aus, ob eine Mutter auf dem Land oder in der Großstadt lebt?

Fromme: Das ist kaum von Bedeutung. Bei den Schadstoffen, über die wir gesprochen haben, gibt es in Deutschland keine regionalen Unterschiede.

Stimmt es, dass von giftigen Substanzen in Kleidern Gefahr ausgehen kann? Sollten Stillende besser Öko-Textilien tragen?

Fromme: Schadstoffe werden zu 90 Prozent über die Nahrung aufgenommen. Viele finden sich zum Beispiel in tierischen Fetten. Weil die Umweltbelastung so diffus ist, kann man deshalb auch keine individuellen Tipps geben. Aber wenn Mütter darauf achten, schadstoffgeprüfte Kleidung zu kaufen, finde ich das positiv.

Ist die Milch von Vegetarierinnen weniger belastet?

Fromme: Hierzu liegen wenige Untersuchungen vor, aber da viele langlebige Substanzen sich in tierischen Fetten anreichern, ist zu erwarten, dass Vegetarierinnen geringer belastet sein werden.

Wie sieht es aus, wenn Mütter rauchen oder Medikamente nehmen? Wann ist es besser, die Flasche zu geben?

Fromme: Eine stillende Frau sollte natürlich nicht rauchen. Wenn sie das gar nicht schafft, sollte sie mit dem Arzt besprechen, ob es trotzdem sinnvoll ist zu stillen. Das Gleiche gilt für Medikamente. Bei Alkohol sollte man in der Stillzeit natürlich zurückhaltend sein, muss aber nicht vollständig verzichten. Wenn man mal ein Glas Wein trinkt, ist das sicher kein großes Problem. Ratsam ist es aber, ihn nach dem Stillen zu trinken.

Ist es für Frauen sinnvoll, ihre Milch untersuchen zu lassen?

Fromme: Nein, in der Regel nicht. Eine Ausnahme sind Frauen, die aus afrikanischen oder asiatischen Ländern kommen, in denen DDT heute noch eingesetzt wird. Da kann es sinnvoll sein, den Schadstoffgehalt ihrer Milch zu untersuchen.

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