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07. November 2011 13:42 Uhr

Transplantation in Augsburg

Er lebt jetzt mit der Niere seines Vaters

Wegen einer Autoimmunerkrankung hat Marco Oertel nach sieben Jahren an der Dialyse eine neue Niere bekommen – obwohl sein Spender eine nicht passende Blutgruppe hat.

Hat eine neue Niere von seinem Vater bekommen: Marco Oertel (r.), hier im Gespräch mit Dr. Florian Sommer (l.) und Dr. Aydin Er vom Transplantationszentrum Augsburg.
Foto: Kristin Poppe

Wenn Marco Oertel sich zurückerinnert an die Zeit, in der er dialysepflichtig war, dann fällt ihm zuallererst ein, dass er damals nicht spontan wegfahren konnte. Und dass er sich ziemlich einschränken musste, wenn er mal mit seinen Kumpels weggehen wollte, wie junge Leute das gerne tun. Marco Oertel ist ein positiver Mensch, er wirkt locker, strahlt Optimismus und Zuversicht aus.

Vielleicht sind ihm deswegen die sieben Jahre, die er wegen Nierenversagens regelmäßig zur Blutwäsche musste, trotz aller Belastung nicht als „schlecht“ im Gedächtnis geblieben. „Mir ging´s schon als Dialysepatient ziemlich gut“, sagt er. Anders als viele Leidensgenossen hat er keine negativen Nachwirkungen der Blutwäsche an sich bemerkt. Und trotzdem sei das, was er jetzt verspürt – seit dem 29. September 2011 – ein „völlig neues Gefühl an Lebensqualität“, wie er sagt.

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An jenem Donnerstag, 29. September, hat er im Transplantationszentrum des Augsburger Klinikums eine neue Niere bekommen. Eine Niere nicht von irgendwem, sondern von seinem Vater. Lange hatte er vergeblich auf eine Niere von einem fremden Spender gewartet. In dieser Zeit war durchaus schon einmal an einen Spender aus der Familie gedacht worden, denn seit einigen Jahren besteht die Möglichkeit, durch Lebendspenden den Mangel an Organen ein klein wenig auszugleichen. Etwa bei jeder fünften Nierentransplantation wird heute in Deutschland das Organ eines lebenden Spenders verpflanzt, in vielen anderen Ländern ist der Anteil bereits deutlich höher.

Häufig sind Verpflanzungen von den Eltern auf die Kinder, unter Geschwistern oder von Ehepartner zu Ehepartner. Auch in Marco Oertels Fall hatte man schon früh an den Vater gedacht. Doch der kam zunächst nicht in Frage, denn er hatte nicht die passende Blutgruppe. Marco Oertel hat Blutgruppe 0, sein Vater Bertram Blutgruppe A. Etwa 50 Prozent aller Paare, die sich wegen einer Lebendspende in einem Transplantationszentrum vorstellen, kommen nach den medizinischen Voruntersuchungen nicht für eine Lebendspende in Betracht, sagt Dr. Aydin Er, Oberarzt am Augsburger Transplantationszentrum. Bei 20 Prozent liegt seinen Angaben zufolge eine Blutgruppen-Unverträglichkeit vor – der häufigste Hinderungsgrund.

Nierenkranke mit Blutgruppe 0 müssen am längsten auf ein Spenderorgan warten

Nierenkranke mit Blutgruppe 0 müssen am längsten von allen auf ein Spenderorgan warten, sagt Dr. Er. Der Grund: „Weil man Organe von Spendern mit Blutgruppe 0 nicht nur an Empfänger mit Blutgruppe 0, sondern auch an Empfänger mit anderen Blutgruppen geben kann“, erläutert er. Blutgruppe 0 wird sozusagen auch von Organismen mit anderer Blutgruppe akzeptiert. Doch umgekehrt braucht ein Empfänger mit Blutgruppe 0 unbedingt das Organ eines Spenders mit Blutgruppe 0. Andernfalls nämlich würden Antikörper in seinem Blut nach einer Transplantation das Organ mit der fremden Blutgruppe unweigerlich zerstören.

Normalerweise ist das so. Doch seit kurzem erlaubt eine spezielle Vorbehandlung des Empfängers auch sogenannte „AB0-inkompatible“ Nierenspenden. In Augsburg wurden heuer erstmals zwei solcher AB0-inkompatiblen Nierenverpflanzungen vorgenommen (eine davon bei Marco), beide sind sehr gut verlaufen, wie es heißt. Die Lösung des Problems, so Oberarzt Er: In zwei Schritten wird der Antikörperspiegel im Blut des Empfängers so weit gesenkt, dass er für die übertragene Niere keine Gefahr mehr darstellt. Dazu erhält der Empfänger zunächst ein Medikament, das die Produktion von neuen Antikörpern fast vollständig unterdrückt.

Drei Wochen später dann werden mit mehreren speziellen Blutwäschen („Immunadsorption“ genannt) die noch vorhandenen Antikörper aus dem Blut gefischt. Ist der Spiegel unter einen bestimmten Wert gesunken, kann transplantiert werden, sagt Dr. Florian Sommer, Assistenzarzt am Transplantationszentrum des Augsburger Klinikums. Das alles geht recht rasch. Man kann den Zeitraum der Transplantation auf einige Tage eingrenzen; der Spender hat sich in dieser Zeit bereitzuhalten. Wird beim Empfänger um 7.30 Uhr Blut entnommen, um den Antikörperspiegel zu bestimmen, und liegt um zehn Uhr das gewünschte Ergebnis vor, „beginnen wir um 10.30 Uhr mit der Operation“, so Sommer.

Oberarzt: "Der körperliche und psychische Zustand von Lebendspendern ist mindestens so gut wie bei der Normalbevölkerung"

Marco Oertel war gerade mal um die 20 Jahre alt gewesen, als sich bei ihm eine extrem seltene Krankheit bemerkbar machte: das „Goodpasture-Syndrom“, benannt nach dem Erstbeschreiber der Krankheit, dem US-Pathologen Ernest Goodpasture. Nur ein einziger unter einer Million Deutscher ist jährlich von dieser Autoimmunerkrankung betroffen, die speziell Lunge und Nieren angreift. Es dauerte ein Weilchen, bis das Syndrom erkannt und richtig behandelt wurde. Erst in der zweiten Klinik, in die der gebürtige Sachse verlegt wurde, hat man die Krankheit festgestellt und sodann „versucht zu retten, was zu retten ist“.

Im Fall des heute 27-jährigen Augsburgers war das zum einen nichts Geringeres als das Leben – „man kann an dieser Krankheit auch sterben“, sagt er nüchtern – , und es war zum anderen die Lunge. Für seine Nieren jedoch kam die Behandlung zu spät. Das bedeutete: regelmäßige Blutwäschen alle zwei Tage, dreimal die Woche. Und jede Blutwäsche erstreckte sich über viele Stunden. Die Zeit hat sich Marco Oertel mit Lesen, Fernsehen und seinem Rechner vertrieben. „Meistens“ sagt er, „ hab ich geschlafen.“

Nachdem Marco von der Möglichkeit der AB0-inkompatiblen Nierenspende erfahren hatte, hatte er mit seinem Vater gesprochen und ihn gebeten, darüber nachzudenken. „Aber er hat nicht drüber nachgedacht, für ihn war klar, dass er das machen will“, erinnert sich Marco. Marco selbst jedoch hatte viel zu überlegen. „ Meine größte Angst war, in ein Abhängigkeitsverhältnis reinzukommen“, erzählt er. Auch fürchtete er, die Gesundheit seines Vaters zu gefährden – und dass der Vater sich verpflichtet fühlen könnte, zu spenden. Beides hätte Marco nicht gewollt.

Also hat Marco auch überlegt, ob er nicht doch lieber noch weiter auf das Spenderorgan eines Toten warten sollte. Aber Ärzte wissen: Je länger eine Dialysebehandlung dauert, sprich, je später in der Krankheitsgeschichte die Transplantation erfolgt, desto schlechter ist nach der Verpflanzung das Überleben des Spenderorgans. Und generell ist eine Lebendspende medizinisch gesehen die optimale Methode für den Empfänger, sagt Dr. Sommer. Man kann den Eingriff gut planen, die so genannte „kalte Ischämiezeit“, in der das entnommene Organ auf Eis gelagert ist, kann so kurz wie nur möglich gehalten werden, und die Transplantation kann schon in einer frühen Erkrankungsphase erfolgen.

Lebendspender haben keine kürzere Lebenserwartung

Etwa ein Jahr verging vom ersten Hinweis auf die blutgruppen-inkompatible Spende durch Dr. Er bis zur Transplantation. Als es ernst wurde, ist auch der sonst so lockere Marco Oertel „etwas nervös geworden“. Er machte sich Sorgen, ob bei seinem Vater alles gut gehen würde. Während die Niere bei Vater Bertram laparoskopisch entnommen wurde – schonend, durch kleine Schnitte –, wartete Marco im Operationssaal nebenan schon auf die Implantation des Organs. Und „nervte“ die Schwestern in dieser Wartezeit mit ständigen Nachfragen, wie es um seinen Vater stehe. Als man ihm schließlich sagte, es sei alles gut verlaufen, ging er deutlich beruhigter in die eigene Operation.

Gut zu wissen für alle, die das Organ eines Lebendspenders eingepflanzt bekommen: Aus großen Untersuchungen ist heute bekannt, dass die Spender keine Nachteile in puncto Lebenserwartung zu befürchten haben. Auch ihr Risiko, eines Tages selbst dialysepflichtig zu werden, ist nicht erhöht. „Der körperliche und psychische Zustand ist mindestens so gut wie bei der Normalbevölkerung“, sagt Dr. Er. Psychisch würden sich Lebendspender sogar besser fühlen als der Durchschnitt, denn „sie haben einmal im Leben etwas richtig Tolles gemacht“.

Auch Marco, der sich schon vor der Transplantation als sehr „vital“ empfunden hatte, fühlt sich seit dem Eingriff noch „frischer, lebendiger“ und hat große Pläne. So will der stellvertretende Augsburger Juso-Vorsitzende und gelernte Werkzeugmacher endlich unbeschwert all seine Freunde besuchen, die in der gesamten Republik verstreut leben, und sich beruflich neu orientieren. Ist das Verhältnis zu seinem Vater enger geworden? „Ja, ich denke schon“, sagt Marco und lacht. „Wir telefonieren jetzt öfter.“

Dass es die Möglichkeit der blutgruppen-inkompatiblen Lebendspende gibt, findet Marco toll, aber er findet auch: „Das kann nicht die Lösung sein.“ Vielmehr müsse der Organmangel auch über Änderungen im Transplantationsgesetz behoben werden.

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