Freitag, 19. Dezember 2014

02. August 2010 14:13 Uhr

OpenStreetMap

Freie Landkarten, Stadtpläne und Geodaten für alle

Was Wikipedia unter den Lexika ist, das ist OpenStreetMap unter den Landkarten und Stadtplänen. Denn freiwillige Hobbykartografen vermessen unseren Planeten neu. Die einzigartige Aktualität hilft sogar bei Katastrophen. Von Heidi Jovanovic

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Eine freie Weltkarte wollen sie schaffen, die Mapper, wie sich - nach dem englischen Wort map für Landkarte - die aktiven Mitarbeiter an OpenStreetMap nennen, die auf ihren Streifzügen durch Stadt und Land Daten für das internetbasierte Gemeinschaftsprojekt sammeln.

Wozu das, wo doch im Internet zahlreiche kostenlose Stadtpläne und Karten bereit stehen? Sieht man genauer hin, so stößt man bei diesen Angeboten schnell auf rechtliche und technische Schranken. Zum einen sind sie meist nur bei privater Nutzung kostenlos, dürfen also beispielsweise nicht ohne weiteres in Publikationen eingebunden und weiter verbreitet werden. Zum anderen bekommt man bei ihnen in der Regel nur fertige Kartenbilder, nicht jedoch die Daten, aus denen sie erstellt wurden.

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Diese bräuchte man aber, will man eigene Karten herstellen oder auch nur die Karte auf beliebigen, beispielsweise der Routenberechnung und Navigation dienenden Geräten einsetzen. Deshalb sammeln bei dem weltweiten OpenStreetMap-Projekt (kurz OSM) mittlerweile Hundertausende Freiwillige die Rohdaten selbst. Sie speisen sie in eine zentrale Datenbank ein. Daraus werden automatisch verschiedene Kartenbilder erzeugt, die ebenso wie die Rohdaten als solche im Internet zur Verfügung stehen. Wie bei Wikipedia kann jeder mitmachen und etwas beisteuern. Wie bei Wikipedia steht die Nutzung jedem frei.

Freizeitspaß im Freien mit Nutzeffekt

Weil das Ziel eine freie, von kommerziellen Anbietern unabhängige Geodatensammlung und darauf basierende Karten sind, darf natürlich nicht von bestehenden, mit Lizenzen und Copyright belegten Materialien kopiert werden. Das bedeutet: Raus ins Gelände und selbst vermessen!

Der OpenStreetMap-Geist verbreitet sich rasant. Immer mehr weiße Flecken verschwinden von der freien Weltkarte, die im Rahmen des Mitte 2004 in London von Steve Coast gestarteten Projekts entsteht. Als sie der Programmierer und OSM-Aktivist Hanno Böck im März 2008 auf dem alljährlichen, freier Software gewidmeten Augsburger Linux Infotag vorstellte, fehlte beispielsweise auf dem Augsburger Teil noch eine Menge.

Weder Rathausplatz noch Maximilianstraße waren eingezeichnet. Heute sind Augsburgs Straßen komplett enthalten und man findet Einzelheiten, die man in anderen Stadtplänen vermissen mag, wie öffentliche Toiletten und Telefonzellen, Fußwege durch Grünanlagen, die Gehege des Zoos und vieles mehr. Vielen macht das nützliche Tun im Freien Spaß. Hobbykartografen kartieren ihr Heimatdorf, schließen Lücken und korrigieren Fehler in den urbanen Stadtplänen oder machen sich im Urlaub ans Werk und erfassen Wander- und Radwege.

Hatte der Augsburger Mapper Benjamin Lebsanft zuerst nebenher bei seinen Fahrradtouren einige Wege aufgezeichnet, so wählt er heute seine Tourenziele schon eher danach aus, wo noch weiße Flecken in der freien Landkarte sind, erzählt er beim allmonatlichen Stammtisch der OSM-Mitstreiter der Augsburger Region. Der Student Bernhard Hopke, der am Augsburger Stadtplan und an der Kartierung von Skigebieten mitarbeitet, erwähnt, dass er gerade dabei ist, die bei seinem Ägypten-Urlaub aufgezeichneten Daten auszuwerten.

Was treibt sie alle an? Etwas Nützliches in der Freizeit zu tun, das Spaß macht und sowohl einem selbst als auch anderen nutzt, ist meist die Antwort. Für Hopke ist OSM der Kampf für eine freiere Welt. Stark wiegt für ihn der Gemeinschaftsgedanke, meint Dietmar Seifert, der nicht nur laufend um Vollständigkeit und Aktualität des Augsburger Stadtplans bemüht ist, sondern durch Schulung von Neulingen für eine Erweiterung der OSM-Gemeinschaft sorgt.

Pluspunkt: Aktualität

Die laufende Überarbeitung durch die Gemeinschaft macht die OpenStreetMap-Karten besonders aktuell. Da sie fast in Echtzeit aktualisiert werden können, sind sie wertvolle Helfer bei Krisen und Katastrophen, bei denen aktuelles Kartenmaterial Voraussetzung für effektive Hilfeleistung sein kann.

Bewährt hat sich das System nach dem schweren Erdbeben auf Haiti im Januar 2010. Innerhalb weniger Tage erstellte eine internationale Gruppe so genannter "Crisis Mapper" eine detaillierte Karte des Erdbebengebiets um die bis dahin nur spärlich kartierte Hauptstadt Port au Prince, einschließlich Fußwegen, Flüchtlingscamps und Krankenhäusern. Rund stündlich wurde aktualisiert. Das Beispiel machte Schule. Immer stärker sehen sich OSM-Aktivisten auch als Helfer und springen mit ihren Geoinformationen bei Katastrophen ein, so auch wieder als im März in Chile die Erde bebte und im Juni Fluten weite Teile Brasiliens verwüsteten.

Pluspunkt: Vielfalt

Die Gemeinschaft schafft sich, was sie für nützlich hält. Spezialkarten für die unterschiedlichsten Bedürfnisse entstehen, darunter viel, das kommerziell nicht oder nicht in dieser Aktualität verfügbar ist. Karten für Wanderer, Radfahrer, Behinderte, Skifahrer, Reiter und vieles mehr werden geschaffen. Einrichtungen wie Toiletten, Postkästen, Spielplätze, Kindergärten und Geschäfte bis hin zu Hundekotbeuteldispensern und Parkbänken werden gesammelt, damit man sie bei Bedarf einblenden kann.

Endlich richtet sich das Augenmerk auch auf Gebiete fern jeden touristischen oder kommerziellen Interesses. So basiert zum Beispiel die Erfassung eines der größten Slums Afrikas, des bei Nairobi in Kenya gelegene Kibera, auf OSM. Die Existenz auf der Landkarte gibt dem Elendsgebiet mit rund einer Million Einwohnern ein für die Weltöffentlichkeit erkennbares Gesicht. Vor allem aber gibt sie Einwohnern ebenso wie Hilfsorganisationen übersichtliche Informationen darüber, wo Einrichtungen vorhanden sind und wo sie fehlen.

Da keine restriktiven Lizenz- oder Copyrightbestimmungen im Wege stehen, lässt sich das Material vielfältig verwenden. Kartenausschnitte können als Wegbeschreibungen in Websites und Druckerzeugnisse eingebunden oder für Informationstafeln verwendet werden. Sie lassen sich auf Navigationsgeräten und Mobiltelefonen zur Navigation einsetzen. Man kann individuelle Karten erzeugen. Ebenso umtriebig wie beim Zusammentragen der Daten ist die OpenStreetMap-Gemeinde bei ihrer nützlichen Verwendung. Doch auch außerhalb dieser Gemeinschaft tut sich einiges. So sind - ähnlich wie rund um das auch kooperativ geschaffene freie Computer-Betriebssystem Linux - auch rund um OpenStreetMap Geschäftsmodelle am Entstehen, die sich diesen neuen Geodatenschatz zunutze machen.

Wichtige Weblinks:

Hauptkarte:

http://www.openstreetmap.org

Benutzungshinweise:

http://wiki.openstreetmap.org/wiki/DE:Browsing

OpenStreetMap nutzen:

Überblick über verschiedene Anwendungen: http://wiki.openstreetmap.org/wiki/DE:Anwender

Spezialkarten:

● Für Radfahrer: http://opencyclemap.org/

● Für Reiter und Wanderer: http://topo.openstreetmap.de/

● Für Skifahrer: http://openpistemap.org/

● Für den öffentlichen Nahverkehr: http://www.öpnvkarte.de/

OSM-Karte auf GPS-Navigationsgeräten, PDAs und Mobiltelefonen verwenden:

● Spezialprogramm für verschiedene Geräte: http://www.gps-mate.de/de/produkte/GPS-Mate/index.php

● Einsatz auf GPS-Geräten der Marke Garmin ohne Zusatzsoftware und Übersicht über fertige Karten dafür: http://www.raumbezug.eu/ag/internet/osmGarmin.htm

● Hinweise für GPS-Geräte der Marke Magellan: http://wiki.openstreetmap.org/wiki/DE:Magellan

● Übersicht über Software für Mobiltelefone http://wiki.openstreetmap.org/wiki/Software/Mobilephones

● Software für iPod und iPhone http://www.offmaps.com/

● auf OSM basierendes Kartenmaterial für Wanderer und Radfahrer: http://openmtbmap.org/de/

Software für Windows mobile
OSM-Daten für eigene Produkte und Publiktionen verwenden:Jegliche Nutzung, einschließlich der gewerblichen, ist zulässig. Bedingung ist die Angabe, dass die Daten von OSM kommen und dass auf das mit ihrer Hilfe Erstellte die gleiche freizügige Lizenz, unter der OSM diese Nutzungsrechte einräumt, angewandt wird (Creative Commons Attribution Share-Alike-Lizenz, kurz CC-BY-SA genannt).● Erläuterungen dazu: http://wiki.openstreetmap.org/wiki/DE:Legal_FAQ
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