Donnerstag, 21. September 2017

14. Juni 2014 14:25 Uhr

Allergie

Hyposensibilisierung: Letzter Ausweg bei Allergie und Heuschnupfen?

Nur eine Hyposensibilisierung, auch spezifische Immuntherapie (SIT) genannt, bekämpft die Ursachen einer Allergie. Die Behandlung dauert üblicherweise mehrere Jahre.

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Leidige Allergie: Wer unter Heuschnupfen leidet, hat es gerade im Frühling und Sommer nicht leicht.
Kzenon, Fotolia.com

Manchmal muss auch das körpereigene Immunsystem sozusagen in die Schule gehen. Und lernen, im Grunde harmlose Umweltsubstanzen zu dulden, statt anzugreifen. Übermotivation ist oft nicht gut, das zeigt sich besonders deutlich beim Thema Allergien.

Da lösen Pollen, Hausstaub, Tierhaare, Schimmelpilze oder Insektengift bei manchen Menschen überschießende Abwehrreaktionen aus, so enorm, dass einige Betroffene sogar in Lebensgefahr geraten. Anaphylaktischer Schock nennt sich das. Die Abwehr spielt bei einer Allergie verrückt: Das Herz rast, die Luft bleibt weg, der Kreislauf kollabiert.

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Allergie: Desensibilisierung, Hyposensibilisierung, spezifische Immuntherapie

Eine „Umerziehung“ des Immunsystems, Desensibilisierung, Hyposensibilisierung oder auch spezifische Immuntherapie (SIT) genannt, ist bislang die einzige ursächliche Therapie. Wenn das Immunsystem mithilfe dieser Therapie das Überreagieren „verlernen“ soll, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Ein Gymnasium sozusagen, um beim Schulbeispiel zu bleiben, außerdem Schnellkurse und einiges dazwischen. Allerdings verhält es sich bei den Allergien wie bei der Schulbildung auch: Gründliches Lernen ist nun einmal nachhaltiger.

„Der Effekt beziehungsweise Langzeiteffekt ist abhängig davon, wie viel von dem Allergen man über einen längeren Zeitraum verabreicht“, sagt Professor Axel Trautmann, Leiter des Allergiezentrums Mainfranken am Universitätsklinikum Würzburg. Je mehr man von dem Allergen, also der allergieauslösenden Substanz, verabreicht, desto besser.

Obwohl es heute grundsätzlich viele Möglichkeiten einer Hyposensibilisierung gibt, ist die subkutane Therapie (SCIT), das heißt die regelmäßige Verabreichung von Injektionen des Allergens in den Oberarm (unter die Haut = subkutan) über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren, Experten zufolge heute nach wie vor Standard. „Dazu gibt es die meisten Daten“, sagt Trautmann. Und auch die Chefärztin der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Augsburger Klinikum, Professor Julia Welzel, erklärt: „Viele Daten zeigen, dass diese Therapie gut funktioniert.“

Die Dosis des Allergens muss gesteigert werden

Besonders bequem ist die subkutane Immuntherapie für die Patienten allerdings nicht. Die Dosis des Allergens muss zunächst gesteigert werden über einen Zeitraum von vier bis 16 Wochen, abhängig vom jeweiligen Präparat, wie Welzel sagt. Hier liegen die Abstände zwischen den Injektionen bei ein bis zwei Wochen. Dann wird in Abständen von vier bis sechs Wochen über Jahre hinweg die „Erhaltungsdosis“ verabreicht.

Der Patient muss also regelmäßig die Praxis seines Allergologen aufsuchen. Und dort nach Gabe der Spritze noch eine halbe Stunde unter Aufsicht bleiben, weil eine heftige Reaktion bis hin zum allergischen Schock nach den Spritzen nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Ein Infekt oder ausgiebig Sport beispielsweise, so Welzel, könnten diese Gefahr erhöhen.

Aber zumindest bei einer Pollenallergie sei das Auftreten eines solchen Schocks bei einer „Verkettung unglücklicher Umstände“ zwar denkbar, aber doch „extrem unwahrscheinlich“, erläutert Trautmann. Er selbst hat noch nie einen solchen Fall erlebt.

Häufiger sind vergleichsweise harmlose Nebenwirkungen: Schwellungen, Rötungen oder Juckreiz an der Injektionsstelle, die am nächsten Tag wieder verschwunden sind. Oder eine Nesselsucht, also ein Hautausschlag, der ebenfalls nicht gefährlich ist. Als Risikopatienten gelten nach Angaben Trautmanns jedoch schlecht eingestellte Asthmatiker: Bei ihnen könnten die Injektionen eventuell einen Asthma-Anfall provozieren.

Therapie: Körper mit Allergen konfrontieren

Nach den ärztlichen Leitlinien zur Hyposensibilisierung gilt schlecht eingestelltes Asthma als Kontraindikation für die Behandlung. Und es ist nicht der einzige Grund, manchmal von einer Hyposensibilisierung abzusehen. Auch Herzkrankheiten oder schwere Autoimmunerkrankungen zählen dazu. „Bei Rheuma beispielsweise würden wir die Hyposensibilisierung nicht machen“, sagt Welzel, „denn das Rheuma könnte dadurch theoretisch schlechter werden.“

Handelt es sich beim Patienten allerdings um einen Insektengiftallergiker, müsse man die Risiken abwägen. „Wenn das größere Risiko ist, dass der Patient an einem Wespenstich stirbt, würde man die Hyposensibilisierung machen.“ Unter genauer Beobachtung, versteht sich.

Allergie: Spritzen, Tabletten oder Tropfen gegen den Heuschnupfen

Die Forschung ist schon seit längerem bemüht, Allergikern lästige Spritzen zu ersparen. Ergebnis dieser Bemühungen sind zum einen kürzere Therapie-Schemata, zum anderen die sublinguale Immuntherapie (SLIT) in Form von Tabletten oder Tropfen, die unter die Zunge gegeben werden.

Was die verkürzten Behandlungsschemata betrifft, so gibt es etwa die „präsaisonale“ SCIT mit wöchentlichen Injektionen, beginnend vier bis sieben Wochen vor der Pollenflugsaison. „Das ist etwas für Leute, die wissen, dass sie öfter mal ausfallen“, sagt Welzel, „sieben Wochen präsaisonal, das kriegen sie hin.“ Für Patienten, die wenig Zeit hätten, seien solche Schemata eine Alternative, bestätigt Trautmann, „und sicher besser als gar keine Therapie“.

Auch von „Rush“- oder gar „Ultra-Rush“-Hyposensibilisierungen ist bisweilen die Rede. Hierbei solle durch eine schnelle Dosissteigerung „eine schnelle Gewöhnung erreicht werden (mehrere Spritzen täglich, stationärer Aufenthalt)“, heißt es beim Deutschen Allergie- und Asthmabund.

Angewandt würden solche Strategien bei Insektengiftallergikern, um einen schnellen Schutz zu erreichen, da beim nächsten Stich potenziell Lebensgefahr bestehe, so Trautmann. Bei Pollenallergien gebe es diese Bedrohung nicht, deshalb würden Rush-Therapien bei Pollenallergie nicht gemacht, da habe man Zeit. Zumal so eine schnelle Dosissteigerung auch höhere Risiken birgt, wie Welzel sagt.

Allergie-Therapie: Alle sechs Wochen eine Spritze beim Arzt

Und die sublinguale Immuntherapie, die SLIT, sei eine Alternative, wenn Patienten die Standard-Spritzentherapie ablehnten oder als zu aufwendig empfänden, so Trautmann weiter. Einen langen Atem braucht der Patient dazu allerdings ebenfalls, denn das jeweilige Präparat muss über drei bis fünf Jahre zu Hause in Eigenregie eingenommen werden – und zwar tagtäglich.

Therapietreue (Compliance bzw. Adhärenz) ist also wichtig, wenngleich es nicht schlimm sei, wenn die Tablette mal an einem Tag vergessen wird, meint Welzel. Grundsätzlich sei die Anwendung sehr einfach. Oft verspüre man dabei aber für etwa zehn Minuten Juckreiz im Mund, was manchen Patienten stört.

Trautmann hat die Erfahrung gemacht, dass einige Patienten Spritzen alle vier bis sechs Wochen durchaus als angenehmer empfänden „als tagtäglich etwas einnehmen zu müssen“. Umgekehrt gibt es Patienten, die gern autark sein möchten. Deshalb spreche man mit den Patienten und überlege mit ihnen gemeinsam, welche die günstigste Methode für sie sei, erklärt Welzel.

Standard ist jedoch, wie schon erwähnt, die Spritzentherapie. Die Erfolgsaussichten der SCIT sind den Angaben der Ärzte zufolge gut, die Ansprechraten lägen bei Insektengiftallergien bei rund 90 Prozent, bei Pollenallergien im Bereich von 70 bis 80 Prozent. Die Wirkung der SLIT wiederum sei zurzeit nur bei Allergien gegen Gräserpollen wirklich gut belegt.

Nach der SCIT meist keine Beschwerden mehr

Pollenallergiker, die eine SCIT absolvieren, bemerken nach Angaben der beiden Ärzte meist schon in der Pollenflugsaison des darauffolgenden Jahres eine Verminderung ihrer Beschwerden. Das motiviert die Patienten offenbar, die lange Behandlung durchzuhalten; Therapieabbrecher gibt es den Allergologen zufolge nur wenige.

Wer die SCIT hinter sich gebracht hat, ist zwar nicht ein für alle Mal vor Heuschnupfen gefeit – „die Allergie kann wieder anfangen“, sagt Welzel. Meist aber seien drei Jahre ausreichend, damit man „für den Rest seines Lebens kaum noch Beschwerden hat“.

Der theoretisch „ideale“ Patient für eine Hyposensibilisierung wäre ein Schulkind, Jugendlicher oder junger Erwachsener, der seine Allergie gerade erst entwickelt hat und nur gegenüber einem einzigen Allergen reagiert, sagt Trautmann.

In der Praxis haben Menschen jedoch oft mehrere Allergien zur gleichen Zeit. „Dann schaut man, welche Allergie ist das Hauptproblem und hyposensibilisiert dann dagegen“, erläutert Welzel. Es gebe Chancen, dass damit auch die anderen Allergien gebessert würden. Altersgrenzen nach oben gibt es übrigens nicht mehr: Auch bei über 70-Jährigen könne man noch eine Hyposensibilisierung machen, heißt es.

Manchmal wird die Allergie zu Asthma

Wird ein Heuschnupfen nicht effektiv behandelt, kann es irgendwann zu einem „Etagenwechsel“ der Entzündung von der Nase hin zu den Bronchien mit asthmatischen Beschwerden kommen, warnen Fachverbände. Ein gutes Argument für eine Hyposensibilisierung. Und wann ist der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen? Bei Pollenallergien nach der Pollenflugsaison, erklären die Experten – wenn keine Pollenbelastung und keine Beschwerden mehr vorhanden seien.

Das Problem ist jedoch, dass viele Patienten das Ganze vergessen, sobald die Pollenflugsaison vorüber ist und die Symptome abklingen, bedauert Trautmann. Dabei wäre dann der richtige Zeitpunkt, mit der Behandlung zu beginnen. Und Welzel rät, jetzt über die Therapie nachzudenken und noch im Sommer einen Arzttermin zu fixieren. „Dann bleibt genug Zeit, mit der Hyposensibilisierung zu beginnen, bevor es mit den Pollen wieder losgeht.“

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Schlagworte

Würzburg

Ein Artikel von
Sibylle Hübner-Schroll

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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