Sex mit wechselnden Partnern, vertraglich vereinbart - oder überhaupt nicht. Paare handeln ihre Beziehungen in kommenden Zeiten komplett neu aus, glaubt ein Zukunftsforscher.


Die Sexualität des Menschen hat sich im Lauf der Evolution immer wieder verändert. Was noch vor hundert Jahren tabuisiert war, kann heute ganz normal sein. Dennoch ist gerade das hochemotional besetzte Thema 'Sex' immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Neugierde. Und Zukunftsforscher scheinen derzeit ohnehin gern zitierte Gesprächspartner zu sein. So publizierte der Club of Rome erst kürzlich eine düstere Prognose für die nächsten 40 Jahre.
Der Zukunftsforscher Andreas Steinle meint, dass individuell ausgehandelte Arrangements vermehrt das partnerschaftliche Zusammenleben in Deutschland bestimmen würden. Konkret bedeutet das: Sex mit mehreren Partnern, vertraglich vereinbart - oder gar nicht.
«Liebes-Praktiken, die lange als Sittenverfall stigmatisiert wurden, rücken von den Rändern der Gesellschaft in den Mainstream», sagte Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Kelkheim bei Frankfurt. «Verpflichtende Moralvorstellungen wie sie seitens der Kirchen formuliert werden, lassen mit der Individualisierung nach.» Knabenliebe, Homosexualität etc. waren alle schon einmal gesellschaftlich in gewisser Form akzeptiert.
In kommenden Jahrzehnten werden sowohl asexuelle Partnerschaften als auch polyamore Beziehungen zwischen vielen Partnern gesellschaftlich anerkannt, wie die Kelkheimer Zukunftsforscher in ihrem neuen Monatsmagazin «Trend-Update» schreiben. Diese legten großen Wert auf Dauerhaftigkeit und grenzten sich deutlich von hemmungslosem Partnerwechsel ab. Der schwierige Spagat zwischen Freiheit voneinander und dauerhafter Verpflichtung füreinander führe dazu, dass immer häufiger schriftlich fixiert werde, wann, wie, wo und wie oft man Sex haben wolle.
«Die traditionelle Beziehung bleibt zwar das vorherrschende Modell - aber längst nicht mehr in dieser Dominanz», sagte Steinle. Eifersucht soll dabei kein Problem sein. «Ein wichtiger Faktor bei solchen Arrangements ist, dass sie auf Freiwilligkeit und Transparenz basieren.»
Sex nach Terminkalender sei eine Antwort für Paare, die unter Zeit-Stress, hoher Arbeitsbelastung und anderen Anforderungen wie Kindererziehung und Pflege litten. «Dies wird durch die Mobilität noch verstärkt.» In der Grauzone zwischen Freundschaft und Liebe entstünden ebenfalls neue Beziehungsformen wie beispielsweise freundschaftliche Vertrautheit mit gelegentlichem Sex. Oder noch unverbindlicher: das «Casual Date» - unkomplizierter Gelegenheits-Sex ohne Verpflichtung.
Online-Dating-Portale verändern dabei ebenfalls das Liebesleben. Das Internet wirkt bei all diesen Entwicklungen wie ein Verstärker, sagte Steinle. Menschen mit ungewöhnlichen Neigungen und bestimmten sexuellen Vorlieben fänden leichter Partner, die ihre Vorlieben teilten. Auch die traditionelle Partnersuche im Internet sei erfolgreich. «Ein Viertel findet seinen Partner über die Portale.»
Der Sex der Zukunft kann also auch ganz normal bleiben. Vielleicht wird das "Unnormale" einfach mehr in die Öffentlichkeit getragen als früher. AZ/dpa
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren