Dienstag, 20. Februar 2018

13. Februar 2018 06:20 Uhr

Psychologie

Wer einsam ist, stirbt früher

Einsame Menschen haben ein erhöhtes Sterberisiko. Das sagen Psychologen und Gesundheitsexperten. Was sie dagegen tun wollen.

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Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum fühlt sich in Deutschland jeder Fünfte über 85 einsam.
Foto: Ingo Wagner, dpa (Symbolbild)

Die Fakten sind erdrückend. Einsame Menschen schlafen schlechter, sie zerbrechen sich mehr den Kopf, sind unglücklicher und ernähren sich ungesünder als Menschen mit vielen Sozialkontakten. Das Gefühl des Alleinseins hat sogar auf die Sterblichkeit Einfluss. Dias hat die US-Psychologin Julianne Holt-Lunstad nachgewiesen.

Die Ergebnisse ihrer Studie sind schockierend: Allein wenn man sich dauerhaft einsam fühlt, erhöht sich das Sterberisiko um 26 Prozent. Ist man tatsächlich sozial isoliert, steigt es sogar auf 29 Prozent. Bei Menschen, die alleine leben, sind es sogar 32 Prozent. Der Ulmer Mediziner Manfred Spitzer sagt dazu: „Einsamkeit ist der Killer Nummer eins, noch vor Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen.“

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Menschen sind als soziale Wesen auf menschlichen Kontakt angewiesen

Aber warum ist Einsamkeit so gefährlich? Der Augsburger Psychologe Rudolf Müller-Schwefe erklärt: „Einsamkeit tut weh, isoliert, ist kalt und führt in die Nähe des Todes.“ Es sei die Urangst schon des Frühmenschen, von der Gruppe zurückgelassen zu werden und damit dem Tod geweiht zu sein. Als soziale Wesen seien wir auf menschlichen Kontakt angewiesen, entwickelten uns sozial, emotional und geistig nur in der menschlichen Gemeinschaft.

Dabei gebe es aber große Unterschiede, wann ein Mensch sich einsam fühlt. In mehr gemeinschaftsorientierten Gesellschaften fühlen sich Menschen mit wenig Kontakt schneller einsam als in autonomieorientierten Kulturen wie etwa Schweden oder Japan.

Aktuell melden sich in Deutschland Politiker zu Wort, die dafür plädieren, das Thema Einsamkeit angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft ernst zu nehmen. So forderte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der Bild-Zeitung: „Es muss für das Thema einen Verantwortlichen geben, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert.“ Ein Vorbild dazu gibt es: In Großbritannien wurde neuerdings ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingeführt. Sportstaatssekretärin Tracey Crouch kümmert sich um dieses sensible Thema. Auf der Insel besteht akuter Handlungsbedarf: Mehr als neun Millionen Menschen fühlen sich dort isoliert. Etwa 200.000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder mit Verwandten, hat die Regierung verlautbaren lassen.

Auch in Deutschland gibt es Zahlen zur Einsamkeit: Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum fand heraus, dass sich jeder Fünfte über 85 Jahren einsam fühlt. Bei den 45- bis 65-Jährigen sei es jeder Siebte. Eine Erklärung für Luhmann ist, dass im hohen Alter viele Kontakte wegbrechen, weil der Partner stirbt, die Freunde sterben und gesundheitliche Probleme zunehmen.

Bei den 30- bis 40-Jährigen ist Einsamkeit wegen Trennung oder Umzug verbreitet

Es gibt aber auch andere Altersgruppen, in denen Luhmann erhöhte Einsamkeitswerte feststellte: interessanterweise bei den 30-bis-40-Jährigen. In diesem Alter gibt es Luhmann zufolge Risikofaktoren wie Trennungen oder Umzüge. Die Psychologin würde ein Eingreifen der Politik begrüßen: „Sie kann zunächst einmal dieses Thema setzen, wodurch vielleicht ein bisschen das Stigma von Einsamkeit reduziert wird und Menschen sich eher trauen zuzugeben, dass sie sich einsam fühlen.“ Der Expertin zufolge kann die Politik Maßnahmen ergreifen, etwa Einrichtungen gründen oder unterstützen, die es Betroffenen vereinfachen, aus der Einsamkeit herauszukommen. Oder noch besser: präventiv wirken, indem man Infrastrukturen schafft, mit denen Menschen Kontakte aufrechterhalten können.

Auch die Kirche nimmt sich des Themas an. Als Kontrastprogramm zum Valentinstag wird im Allgäu am Vorabend des 14. Februar in der Christuskirche in Kempten ein ökumenischer „Herzschmerz“-Gottesdienst angeboten. „Nicht alle Menschen fühlten sich geliebt und geborgen“, sagt Organisatorin Maria Gobleder von der Kemptener Jugendkirche Open Sky. Den Betroffenen solle der Gottesdienst Verständnis entgegenbringen und zeigen, dass sie nicht allein seien.

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Ein Artikel von
Josef Karg

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt