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Dasing

02.01.2020

Agrarpolitik: Grünen-Spitze in Dasing zu Gast

Sabine und Georg Asum erläutern Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann (Mitte) die Aufzuchtbedingungen auf ihrem Putenhof. Foto: Dr. Michael & Partner
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Sabine und Georg Asum erläutern Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann (Mitte) die Aufzuchtbedingungen auf ihrem Putenhof. Foto: Dr. Michael & Partner

Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionschef im Landtag, diskutiert auf dem Putenhof der Familie Asum im Dasinger Ortsteil Laimering mit Bauern. Beide Seiten suchen nach einer Lösung für die Probleme der Landwirtschaft.

Ein Spitzenpolitiker der Grünen besucht einen konventionellen Bauernhof, informiert sich bei einer Landwirtsfamilie und diskutiert mit anderen Bauern und Bauernverbandsvertretern über die Agrarpolitik. So war die Ausgangslage, als Ludwig Hartmann nach Laimering (Dasing) zum Putenhof der Familie Asum kam. Was sich dann entwickelte, war eine gemeinsame Lösungssuche – aus zwei unterschiedlichen Perspektiven – für die Probleme der modernen Landwirtschaft.

Dasing: Georg Asum spricht von schwieriger Situation der Putenwirtschaft

Die schwierige Situation der Putenwirtschaft veranschaulicht ihnen Gastgeber Georg Asum. In drei modernen Ställen hält seine Familie 19000 Putenhähne und -hennen. Der Hof ist zertifiziert vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), von der Qualität und Sicherheit GmbH (QS), von Geprüfte Qualität aus Bayern (GQ Bayern), und er erfüllt die Vorgaben der Initiative Tierwohl (ITW). Die fünf Wochen alten Tiere rennen, flattern, trinken und fressen in einem 120 Meter langen und 18 Meter breiten Stall, sie spielen mit Kunststoffbechern, sie sitzen erhöht auf Strohballen, picken an Picksteinen und laufen über die fünf Zentimeter dicke Einstreu aus Stroh und Sägemehl. Zwei Fensterbänder sorgen für Tageslicht. Die Fußbodenheizung wärmt den Stall auf 20 Grad.

„Die Tiere haben bei uns in den ersten fünf Wochen die gleiche Besatzdichte wie in den Biohöfen“, erläutert Asum. Zusammen mit seiner Frau Sabine, die sich als Kreisbäuerin in Aichach-Friedberg engagiert und Hartmann eingeladen hat, nimmt er ein Tier und zeigt den Politikern die sauberen und trockenen Füße, denn wenn die Füße dauerhaft nass und verschmutzt wären, könnten sich die Fußballen entzünden. „Die Tiere sind robuster geworden. Auch die Zuchtfirmen und die Brütereien haben dazugelernt“, erklärt Georg Asum: „Antibiotika setzen wir nur ein, wenn es wirklich erforderlich ist. Wir sind immer sehr stolz, wenn viele Partien ohne Medikamente aus dem Stall gehen.“

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Aber die heimischen Putenhöfe, die fast alle Familienbetriebe sind, haben laut einer Mitteilung erhebliche wirtschaftliche Probleme. Andere europäische Staaten wie Polen, Tschechien und Ungarn lieferten immer größere Mengen hierher, wobei die Verhältnisse dort nicht mit den deutschen Tierwohl-Standards zu vergleichen seien. Er selbst erhalte von seinem Vermarkter den gleichen Preis pro Kilo Tier wie 1990. Aber alle Betriebskosten seien in den 29 Jahren enorm gestiegen. Viele Höfe könnten deshalb inzwischen keine Erträge mehr erwirtschaften, so Asum.

Dasing: Hartmann zeigt Verständnis für Bauern

Hartmann zeigte Verständnis für die Bauern, um aber gleich nachzuschieben: „Ich möchte, dass Tiere einen Auslauf nach draußen haben und Regen mitkriegen. Diese Möglichkeiten sollten geschaffen werden.“ Gastgeberin Sabine Asum entgegnet: „Wir haben immer das gemacht, was der Markt verlangt. Nicht jeder Verbraucher kann sich Biofleisch leisten. Mit unseren Kindern haben wir schon ausführlich über eine Umstellung auf Bioproduktion diskutiert. Aber dieser Schritt verursacht gewaltige Kosten und bringt uns noch mehr Unsicherheit. Biobauern, die wir kennen, raten uns von einer Umstellung ab, weil der Biomarkt gegenwärtig gesättigt ist.“ Die Landwirtschaft, so sagt sie, sehne sich nach einer verlässlichen Agrarpolitik: „Denn einen Stall finanziert man über Jahrzehnte, den kann man nicht alle paar Jahre komplett umbauen.“

Bei der Suche nach einem Konsens zwischen den steigenden Ansprüchen der Bürger und den Importen aus Billiglohnländern macht Sabine Asum die Politiker auf das Schweizer Modell aufmerksam. Die dortige „Besonders tierfreundliche Stallhaltung“ (BTS) bietet dem Geflügel einen überdachten Freiluft-Wintergarten als Auslauf nach draußen. Damit hat die Schweiz die höchsten Tierwohlstandards der konventionellen Geflügelwirtschaft weltweit etabliert. Aber das funktioniere dort nur deshalb, weil sich alle Beteiligten – Politik, Landwirtschaft, Groß- und Einzelhandel – an einen Tisch gesetzt haben. Am Ende habe sich der Handel in der Schweiz (zum Beispiel die Supermarktketten Coop und Migros) selbst verpflichtet, die Preisspirale nach unten zu stoppen. Fleisch, Milch und andere tierische Produkte erzielen wieder Preise, von denen auch die Bauern leben können. Und die Bürger in der Schweiz, die diese angemessenen Lebensmittelpreise bezahlen, seien stolz auf ihre heimische Landwirtschaft und legten Wert auf die regionalen Produkte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Durchschnittsverdienst in der Schweiz deutlich höher ist und viele Schweizer, vor allem aus den grenznahen Regionen, den deutlich höheren Lebensmittelkosten ausweichen und günstig in Discountern in Deutschland einkaufen. Für die Schweizer Lösung zeigen sich Hartmann und die Familie Asum laut Mitteilung gleichermaßen aufgeschlossen. Unter zwei Voraussetzungen: Erstens müsse es Übergangsfristen und individuelle Förderungen für Umbaumaßnahmen für die Höfe geben – und schnelle Genehmigungen sowieso. Zweitens müsste nicht nur der komplette Lebensmitteleinzelhandel (LEH), sondern auch der Großhandel mitmachen. Denn 65 Prozent der Asum-Puten werden an die fleischverarbeitende Industrie, die Gastronomie und den Außer-Haus-Verzehr vermarktet, nur 35 Prozent nimmt der LEH ab. Der LEH besteht auf höchste Tierwohlstandards, wogegen der Großhandel niedrigste Preise verlangt. Die Putenhöfe müssen deshalb ständig einen Spagat machen zwischen beiden Vermarktungsformen und unterschiedlichen Anforderungen. (AN)

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