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Aichach-Friedberg
15.07.2021

Sind die Landwirte schuld am Hochwasser in Aichach-Friedberg?

In Aindling liefen zuletzt über die Gamlinger Straße Wasser und Schlamm herunter und nach Aindling hinein. Mit Sandsäcken wurde versucht, noch größeren Schaden zu verhindern.
Foto: Ehleider (Archivfoto)

In vielen Häusern im Landkreis Aichach-Friedberg laufen nach Starkregen die Keller voll. Die Betroffenen sehen eine Mitschuld bei den Landwirten. Was diese sagen.

Starkregen hat in den vergangenen Wochen mehrfach zu erheblichen Schäden im Wittelsbacher Land geführt. Besonders betroffen waren Pöttmes und Aindling, aber auch Rehling, Todtenweis und andere Gemeinden. Keller liefen voll, Feldwege wurden zerstört, Bäume stürzten um und die Abwasserkanäle müssen auf Schäden überprüft werden. Der Ärger bei den betroffenen Bürgern ist groß. Viele von ihnen geben den Landwirten zumindest eine Mitschuld an den Überschwemmungen.

Wiederholt war bei den starken Regenfällen in Pöttmes jede Menge Wasser mit Erde vom Gumppenberg herabgelaufen. Gemeinderat Alwin Wagner hatte daher kürzlich gefordert, dass sich Baron Franziskus von Gumppenberg finanziell an der Beseitigung der Schäden beteiligen sollte. Mit Geräten und Technik hat er dies bereits getan. Der Baron verwehrte sich im Gespräch mit unserer Redaktion aber dagegen, etwas falsch gemacht zu haben.

Die Feuerwehr Pöttmes war zuletzt häufig im Unwetter-Einsatz. Überflutet war zum Beispiel die Unterführung Richtung Gumppenberg von der Von-Gumppenberg-Straße kommend.
Foto: Magnus Hammerl, Feuerwehr Pöttmes (Archivbild)

Er betonte: "Fakt ist, dass unsere Bewirtschaftung völlig korrekt war." Das habe ihm sowohl der Pöttmeser Bürgermeister Mirko Ketz als auch das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Augsburg bestätigt. Der Bio-Betrieb von Gumppenbergs baut in diesem Jahr im Rahmen einer Fünf-Jahres-Fruchtfolge Sojabohnen an. Da die Pflanzen aber noch klein und noch nicht stark verwurzelt waren, schwemmte der starke Regen viel Erde weg. Das sei auch für den Landwirt ein Desaster. "Der Mutterboden ist das Wertvollste, was wir haben. Wenn Tonnen an Mutterboden abgetragen werden, fehlen uns diese Nährstoffe für immer", so von Gumppenberg.

Riesige Regenmengen: Wasser läuft in die Ortsmitte von Aindling

In Aindling lief das Wasser vorwiegend über die Hänge am Schüsselhauser Feld und die Gamlinger Straße in die Ortsmitte. Der Aindlinger Gemeinderat Michael Balleis ist selbst Landwirt und Sachbearbeiter für Flächenförderungen am Landwirtschaftsamt Augsburg. Er betonte bereits kurz nach den Unwettern: "Solche Wassermassen an wenigen aufeinanderfolgenden Tagen können wir nicht beherrschen." Nach seinen Angaben hat es im Aindlinger Ortsteil Hausen in knapp einem Monat seit dem 21. Juni 265 Liter geregnet. Im Durchschnitt regnet es in diesem Gebiet 100 Liter pro Monat.

Für Balleis handelt es sich daher um "höhere Gewalt" und nicht um ein Versagen der Landwirte. Nichtsdestotrotz kann er nachvollziehen, warum betroffene Bürger die Schuld bei den Landwirten suchen: "Die ersten Reaktionen sind für mich verständlich, da die Wassermassen mit Ackerboden vermischt natürlich üble Schäden in den Anwesen und Häusern angerichtet haben", so Balleis.

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Größere Überschwemmungen gab es durch ein Hagelunwetter auch im Rehlinger Ortsteil Allmering. Bio-Bauer Markus Jakob versuchte, den künstlich entstandenen See in den Gamlinggraben abzupumpen.
Foto: Josef Abt (Achivbild)

Josef Schnell aus Langenmosen (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) ist beim AELF Bereichsleiter für die Landwirtschaft. Er bestätigt, dass sich die Landwirte in den betroffenen Gemeinden an alle Auflagen halten, um Erosionen, also den Abtrag des Bodens, zu verhindern. Trotzdem habe die Landwirtschaft natürlich Einfluss auf Erosionen. Dass diese zunehmen, hänge mit dem Klimawandel und häufigerem Starkregen zusammen. "Viele wissen nicht, wann es örtlich so stark geregnet hat wie zuletzt", sagt Schnell.

Landwirte haben immer größere Felder im Wittelsbacher Land

Zum Klimawandel kommt aber auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Siedlungsdruck dazu. Auch im Wittelsbacher Land gibt es immer weniger Landwirte, die aber immer größere Flächen bewirtschaften. Das heißt, die Felder werden immer größer. Während früher an einem Hang zwei oder drei verschiedene Pflanzenarten angebaut wurden, ist es jetzt oft nur noch eine. Unterschiedliche Kulturen an einem Hang bedeuteten meist einen wirtschaftlichen Verlust, weil dazwischen Flächen frei gehalten werden müssen und die großen Maschinen eher für große Flächen ausgelegt sind. Wichtig wären laut Schnell aber freiwillige Absprachen, dass nicht alle Landwirte zur gleichen Zeit beispielsweise Sommergerste, Mais und Kartoffeln anbauen.

Bei den Unwettern in Aindling liefen viele Keller mit Wasser und Schlamm voll.
Foto: Andreas Ehleider (Archivfoto)

Etliche Bürger fordern, wieder mehr Wiesen anzusäen, damit der Boden besser befestigt ist. Das ist laut Schnell zwar wünschenswert, aber bei starken Regenfällen ist der Boden irgendwann so gesättigt, dass das Wasser auch übers Grünland läuft. Auch Grünstreifen an den Feldern konnten die jüngsten Wassermassen nicht aufhalten. Hinzu kommt, dass die Tierhaltung im Landkreis immer weiter zurückgeht und daher auch immer weniger Futter gebraucht wird. Im Jahr 2020 waren im Landkreis nur noch 17 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Wiesen und Weiden, 83 Prozent wurden als Ackerland genutzt.

Neue Baugebiete begünstigen Hochwasser in Aichach-Friedberg

Doch nicht nur Veränderungen in der Landwirtschaft können Hochwasser begünstigen. Wie Schnell erläutert, werden in den Gemeinden mittlerweile auch dort häufig Baugebiete ausgewiesen, wo früher noch Erosionen aufgefangen wurden und Niederschlagswasser versickerte. Da die neuen Baugebiete meist gut gegen Hochwasser geschützt seien, überflute das Wasser jetzt auch oft andere Bereiche im Ort.

Doch was kann getan werden, um die Bevölkerung besser zu schützen? Schnell wie auch Baron von Gumppenberg halten bauliche Maßnahmen wie größere Rückhaltebecken, Gräben, Wälle und auch eine Verbesserung der Kanalisation für erfolgversprechend. Auf den Feldern könnten, wo sinnvoll, zusätzliche Grünstreifen angelegt werden. Doch Schnell fordert, diese dürften nicht zu finanziellen Einbußen für den Landwirt führen. Deshalb müssten sich neben dem Staat auch die Gemeinden und die Anlieger daran beteiligen.

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