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Aichach-Friedberg

21.02.2015

Ansturm auf Notaufnahmen in Aichach und Friedberg

Ein Behandlungsraum in der Notaufnahme des Aichacher Krankenhauses. Die Klinik wird von vielen Patienten direkt aufgesucht, auch wenn sie gar keine Notfälle sind. 
Bild: Archivfoto: Christian Kirstges

Immer mehr Patienten suchen Hilfe in den Kliniken an der Paar. Das aber hat nichts mit der derzeitigen Grippewelle zu tun.

Aichach-Friedberg Es ist spät am Abend. Gerade eben sah sich der 68-Jährige noch Nachrichten im Fernsehen an. Doch als seine Frau ins Wohnzimmer zurückkehrt, liegt er bewusstlos auf dem Boden. Ein klassischer, wenn auch fiktiver Fall für den Notarzt, der den Mann schnell ins Krankenhaus bringt. Er braucht dringend Hilfe.

Ebenso wie die Krankenhäuser selbst. Die Notaufnahmen der Kliniken an der Paar ächzen unter einem immer stärkeren Ansturm von Patienten. 8000 waren es im vergangenen Jahr in Aichach, 90 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. In Friedberg sind es inzwischen über 12000 Notfälle (siehe Infokasten).

Am meisten Betrieb ist vormittags sowie zwischen 14 und etwa 19 Uhr, weiß Klinik-Geschäftsführer Dr. Krzysztof Kazmierczak. Die Situation an den Wochenenden bezeichnet er gar als „dramatisch“. In Anspielung auf eine populäre US-Fernsehserie sagt er: „Das ist schon ein bisschen Emergency Room.“ Das hat auch für die Patienten unangenehme Folgen: Die Warteschlange wird tagsüber immer länger, teilweise liegen Leute auf den Gängen, um auf eine Untersuchung oder Laborwerte zu warten. Die Behandlungsräume sind voll.

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Dieser Trend habe weder mit der Grippewelle noch mit dem Winter zu tun, so Kazmierczak. Viele Patienten kommen seinen Beobachtungen zufolge lieber gleich in die Notaufnahme, als bei einem niedergelassenen Arzt zu warten.

Manche kommen aus Angst um den Job lieber in die Notaufnahme

Manche Patienten fragen auch erst beim ärztlichen Bereitschaftsdienst nach. Wenn es ihnen dort zu lange dauert, fahren sie ins Krankenhaus. Zumal sie sich während der Wartezeit dort sicherer fühlen als zu Hause. Oder – auch das erzählen Patienten den Klinikärzten immer wieder – weil sie ihrem Chef aus Angst um den Arbeitsplatz lieber eine Krankschreibung aus der Notaufnahme statt von ihrem Hausarzt vorlegten. „Das unterstellt, dass es akut war“, so Kazmierczak.

Nur ein Drittel der Patienten in den Notaufnahmen in Aichach und Friedberg bleibt danach im Krankenhaus. Zwei Drittel werden ambulant behandelt – vor allem tagsüber. Der Job in der Notaufnahme werde für die Mitarbeiter immer belastender, sagt Kazmierczak. Zudem seien ambulante Fälle nicht der Auftrag der Krankenhäuser. Sie trügen sogar zu deren Defizit bei, weil Kliniken für ambulante Patienten weniger Kosten erstattet bekämen als niedergelassene Ärzte. Kazmierczak betont: „Wir wollen uns der Verantwortung nicht entziehen, aber wir stemmen das nicht mehr.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB), die Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte, fordert daher mehr Bereitschaftspraxen mit niedergelassenen Ärzten an den Krankenhäusern. Am Klinikum Ingolstadt gibt es das bereits. Am Klinikum Augsburg wird gerade über eine ähnliche Lösung verhandelt (wir berichteten im Hauptteil). Auch Kazmierczak wirbt dafür. Er würde die Räume, Ressourcen und nachts das Personal der Krankenhäuser zur Verfügung stellen, wenn das kostendeckend finanziert würde.

Klinik-Geschäftsführer plädiert für Bereitschaftspraxen

Nicht, um Geld zu verdienen, wie er betont. Sondern um den Patienten Rechnung zu tragen. Für Bereitschaftspraxen gibt es verschiedene Modelle: In Baden-Württemberg teilen sich mehrere niedergelassene Ärzte den Dienst in solchen Praxen. Am Krankenhaus in München-Neuperlach machten mehrere Allgemeinmediziner eine Praxis auf und erfüllen zugleich den Auftrag einer Notfallpraxis. Kazmierczak sagt: „Der Ball liegt im Spielfeld der KVB.“

Den einzelnen niedergelassenen Ärzten könne man das nicht anlasten. Vor allem in Friedberg könnte er sich eine Bereitschaftspraxis am Krankenhaus vorstellen. In Aichach habe sich die Situation durch die Ärztehäuser an der Sudeten- und an der Martinstraße etwas entspannt. Zumal an der Sudetenstraße samstags eine Sprechstunde angeboten wird.

Weitere Erleichterung erhofft er sich durch den Neubau am Aichacher Krankenhaus. Hier soll ein Triage-Raum entstehen, in dem Patienten der Notaufnahme nach medizinischer Dringlichkeit eingestuft werden. Eine „Seltenheit in deutschen Kliniken“, so Kazmierczak. Weitere bauliche Besonderheiten sollen die Abläufe in der Notaufnahme verbessern. Für den Geschäftsführer ist klar, dass sich etwas ändern muss: „Die derzeitige Deeskalationsstrategie funktioniert nicht.“

Einen Wochenkommentar zum Thema lesen Sie in den Aichacher Nachrichten (Samstagsausgabe).

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