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Aichach-Friedberg

20.01.2020

Apotheken gehen die Medikamente aus

Sebastian Lenhart, Leiter der Bären-Apotheke in Friedberg, sagt, für Apotheken werde es immer schwieriger, die Pflicht der Vorratshaltung zu erfüllen.
Foto: Ute Krogull

Plus Viele Menschen bekommen nicht die Arznei, die der Arzt ihnen verschrieben hat. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wie Apotheken und Praxen mit diesem Problem kämpfen.

Verunsicherte Patienten, Mehrarbeit, Ärger: Diese Stichworte fallen, wenn es um den Lieferengpass bei Medikamenten geht. Bei jedem dritten Rezept gebe es Probleme, berichtet Gabriel Basone von der Alten Apotheke in Mering. Er rät Kunden bei bestimmten Mitteln sogar zu Hamsterkäufen.

Aktuell sind 273 Lieferengpässe beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet. Die Bandbreite reicht von Blutdrucksenkern und Antidepressiva über Krebsmedikamente, Schilddrüsenmittel und Impfstoffe bis hin zum Allerweltsschmerzmittel Ibuprofen.

Die Apotheken tun, was sie können, um die Patienten zu versorgen. Doch das kostet Zeit und Kraft: Rückfragen beim Arzt, welches Mittel als Ersatz verschrieben werden kann. Rundrufe bei Kollegen, ob jemand ein Medikament noch auf Lager hat. Nachfragen bei Großhändlern, wann wieder eine Lieferung zu erwarten ist. Notfalls der Import eines Arzneimittels aus dem Ausland – was nur mit Genehmigung der Krankenkasse möglich ist.

Ein Kunde bekommt ein Medikament, der andere nicht

Sebastian Lenhart, Leiter der Bären-Apotheke in Friedberg, drückt es so aus: „Wir verwalten den Mangel.“ Er schildert Beispiele aus dem Alltag: Einmal benötigten zwei Kunden nacheinander dasselbe Medikament. Einer bekam es, der andere nicht.

Ein Impfstoff gegen Gürtelrose sei drei Monate auf dem Markt gewesen, dann habe es ihn nicht mehr gegeben. Folge: Die zweite Impfphase konnte nicht vollzogen werden. „Wir Apotheker können unserer Pflicht der Lagerhaltung nicht mehr nachkommen“, beklagt Lenhart.

Rechtzeitig um ein neues Rezept kümmern

Mehrmals am Tag schlägt dieses Problem auch in der Dasinger Marienapotheke durch. Chefin Julia Ehrl sagt: „Die Lage hat sich zugespitzt.“ Sie rät Kunden, sich rechtzeitig um ein neues Rezept zu kümmern, „nicht erst bei der letzten Tablette“. Denn bis jetzt habe ihr Team zwar für jeden Fall eine Alternative gefunden – das könne aber dauern.

Auch in der Stadtapotheke in Aichach werden die Kunden nicht einfach so weggeschickt. Inhaberin Angelika Pflaum sagt, dass sie noch eine zweite Apotheke in Augsburg-Lechhausen betreibt, die das gesuchte Medikament vielleicht vorrätig haben könnte. Wenn es weder dort noch bei den drei Großhändlern zu haben ist, müsste der Patient am Ende vielleicht auf einen anderen Hersteller ausweichen, erklärt Angelika Pflaum. „Wir versuchen aber, es zu beschaffen.“

Vor allem ihre älteren Kunden beschäftigt das Thema. Für alle Interessierten liegt in der Stadtapotheke eine Broschüre der Apothekergenossenschaft aus, die über den Stand der Dinge informiert. „Wir warten auf eine politische Entscheidung“, sagt Angelika Pflaum ganz klar.

Ärzte haben ebenfalls ein Problem

Ärzte sind mit demselben Problem konfrontiert. Dr. Tuncay Baytak berichtet, dass seine Patienten oft mehrere Apotheken anrufen müssen, um an ihr Medikament zu kommen. Teilweise müsse er medikamentös umstellen – und das könne zum Beispiel bei Schilddrüsen- und Blutdruckmitteln Folgen haben. Daher überwacht der Friedberger Arzt diese Patienten eine Weile lang engmaschig.

„Die Menschen sind verunsichert“, berichtet er. Viele seien jahre- oder jahrzehntelang an ein Medikament einer bestimmten Firma gewöhnt. In ihrer Not bitten Patienten ihn daher oft, eine „Reserve“ zu verschreiben.

Apotheker wie Ärzte bemängeln, dass es kein tragfähiges Informations- bzw. Warnsystem gebe. So sagt Sebastian Lenhart: „Sogar wenn Sie mich heute fragen, ob ein Medikament nächste Woche wieder lieferbar ist, kann ich es nicht sagen.“ Ihm zufolge halten Firmen ihre Liefertermine nicht immer ein.

Tuncay Baytak sieht hier ebenfalls ein Problem: „Ich kann nicht bei mehreren Apotheken herumtelefonieren, ob es ein Medikament vielleicht irgendwo noch gibt.“ Apotheker wie Ärzte befürchten, dass dieses Phänomen zum Dauerzustand wird. Woran liegt es?

Viele Faktoren haben zur jetzigen Situation geführt

Eine Vielzahl von Faktoren hat zu der Situation geführt: Einerseits steige der Bedarf auf dem Weltmarkt, erläutert Basone. Auf der anderen Seite konzentriere sich die Produktion auf verhältnismäßig wenige Standorte. Wenn dort etwas passiert, können es die anderen nicht abfangen. Der Mangel an Ibuprofen rührte von einem technischen Defekt in einem BASF-Werk in den USA her – einer von nur sechs Standorten weltweit, die das Schmerzmittel produzieren.

Auch handeln Krankenkassen Rabattverträge aus – die Unternehmen reichten jedoch Angebote ein, ohne ausreichend vorbereitet zu sein, bemängelt Basone. Über 80 Prozent der in Deutschland verkauften Medikamente werden in China und Indien hergestellt. Laut Basone droht einigen Produzenten ein Zulassungsstopp wegen der Inhaltsstoffe. Gleichzeitig sei der deutsche Markt für die Firmen nicht mehr attraktiv. In vielen anderen Ländern werde mittlerweile mehr für Arzneimittel bezahlt.

Lagerhaltung und ein praktikables Meldesystem

Sebastian Lenhart sagt: „Jeder, der am Handel beteiligt ist, sollte einen Teil der Verantwortung übernehmen.“ Momentan liege die Last allein bei den Apotheken – es sollten auch Pharmaunternehmen und Zwischenhändler zur Lagerhaltung verpflichtet werden. Außerdem fordert er eine koordinierende Stelle und ein praktikables Meldesystem.

Wie wirkt sich das Thema auf die Kliniken an der Paar aus? Laut dem kommissarischen Geschäftsführer Georg Großhauser beziehen sie sämtliche Medikamente über die Apotheke des Universitätsklinikums Augsburg. „Genereller Mangel besteht nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht“, so Großhauser.

Vereinzelt sei es zu Lieferausfällen gekommen. Dann werde von der Apotheke der Uniklinik ein Ersatzpräparat zur Verfügung gestellt – mit dem Hinweis auf etwaige Unterschiede in der Zusammensetzung und Anwendung.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar Gesundheit im Landkreis: Mängel an allen Ecken und Enden


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