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Interview

26.12.2015

Autistischer Jugendautor: „Schreiben ist mein Lebenselixier“

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Raphael Müllers Art, sich zu verständigen, nennt sich gestützte Kommunikation. Mit der Hilfe einer Begleitperson, die seinen Arm oder seine Hand stützt, kann der 16-Jährige auf einer Computertastatur tippen. Hintergrund: Raphael spürt seinen Körper oftmals nicht richtig. An manchen Tagen schafft der Aichacher einen Satz, an anderen ein ganzes Kapitel oder mehr.
Bild: Jakob Stadler (Archiv)

Raphael Müller - Autist, Rollstuhlfahrer, hochbegabt - hat 2015 drei Bücher veröffentlicht. Was der Aichacher mit seinen Texten bewirken will und was ihm das Schreiben bedeutet.

Raphael Müller ist stumm – und zugleich Sprachvirtuose. Der 16 Jahre alte Aichacher ist Autist. Wegen eines Schlaganfalls vor seiner Geburt sitzt er im Rollstuhl. Sprechen kann Raphael nicht – aber schreiben: Wenn jemand seinen Arm stützt, gelingt es ihm, auf einer Computertastatur zu tippen.

Wort für Wort hat er so seine Autobiografie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ verfasst. 2015 hat Raphael drei weitere Bücher veröffentlicht. Wir haben uns mit ihm über seine Werke, das Schreiben und Weihnachten unterhalten. Die Fragen hat Raphael via Mail beantwortet.

Raphael, im Buch „Hilfe, es wird Weihnachten“ steuerst du Gedichte und Kurzgeschichten bei. Welche Bedeutung hat Weihnachten für dich?

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Raphael Müller: Das ist eine ganz besondere Zeit, an Weihnachten kommt der Himmel der Erde ein Stückchen näher.

Wie verbringst du Weihnachten und die Adventszeit?

Müller: Wie jedes andere Kind: mit Warten und mich Freuen. Aber auch mit Beten und Schreiben.

Du sprichst von Beten, in deinen Büchern geht es immer wieder um Gott. Welche Rolle spielt Glauben für dich?

Müller: Eine mächtig große! Er gibt meinem Leben Sinn und ein Ziel. Ohne Sinn lässt sich ein Schicksalsschlag nur schwer ertragen und ohne Ziel fehlt die Motivation weiterzugehen.

In diesem Jahr sind die ersten beiden Teile deiner vierteiligen Romanreihe „Asa und Gasa“ erschienen. Als du begonnen hast, am ersten Band zu schreiben, warst du acht Jahre alt. Wie kam es dazu?

Müller: Da war ich gerade neu im Gymnasium und wollte meinen Klassenkameraden, den Lehrern und Eltern meine Situation erklären. Das Thema der Deutschschulaufgabe kam mir da gerade recht.

Damals solltest du basierend auf den Wörtern „Zwerg – Kleiderschrank – Taschentuch“ einen Aufsatz schreiben. Wie schaffst du es, aus drei Begriffen eine Romanreihe mit vier Bänden zu kreieren?

Müller: In ganz vielen Kurzgeschichten steckt genügend Stoff für einen Roman.

Der Verlag wollte zunächst eine "Real-Life-Story"

Es hat eine Weile gedauert, bis ein Verlag den ersten Band veröffentlicht hat. Woran lag das?

Müller: Das würde ich auch gerne wissen! Es ist nicht so leicht, überhaupt einen Verlag zu finden. Und noch dazu einen, der das Buch eines Achtjährigen druckt. Der Fontis Verlag fand die Geschichte und meine Texte gut, aber sie wollten zuerst eine „Real-Life-Story“. Dadurch hat sich meine Autobiografie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ vorgedrängelt.

In „Asa und Gasa“ spielt Daniel – Autist, Rollstuhlfahrer, hochbegabt –eine wichtige Rolle. Was hat dich dazu bewogen, seine Figur in die Geschichte einzuführen?

Müller: Daniel ist mir ähnlich. Anhand seiner Person kann ich erklären, wie ich mir das Zusammenleben und die Inklusion wünsche.

Wie wünschst du dir Zusammenleben und Inklusion?

Müller: So selbstverständlich und natürlich wie möglich, am besten unverkrampft und unverkopft. Freiwillig und freudig für alle Beteiligten.

Wofür hingegen steht Tim, der Ich-Erzähler?

Müller: Tim ist ein ganz normaler Junge. So wäre ich auch gerne.

Teil drei von „Asa und Gasa“ soll im Februar erscheinen, Teil vier ist in Arbeit. Was motiviert dich, immer weiter zu schreiben?

Müller: Es macht einfach irre viel Spaß! Außerdem habe ich eine ganze Reihe an Themen, über die ich schreiben möchte.

Was bedeutet Schreiben für dich?

Müller: Das ist mein Lebenselixier, meine Brücke zwischen den Welten.

Was sagen deine Familie und deine Freunde zu deinen Büchern?

Müller: Die sind begeistert.

Jugendautor: "Mit jedem Leser steigt die Chance, dass Menschen wie ich besser verstanden werden"

Ist es für dich wichtig, ob sich ein Buch wie im Falle deiner Autobiografie vergangenes Jahr gut verkauft?

Müller: In erster Linie hoffe ich, dass die Bücher zahlreich gelesen werden. Ich freue mich über jeden Leser, denn mit jedem Leser steigt die Chance, dass Menschen wie ich besser verstanden werden. Ich möchte dazu beitragen, dass Inklusion gelebt wird – gewinnbringend für beide Seiten. Natürlich wäre es schön, wenn ich auch mal davon leben könnte. Es ist schon anstrengend, wenn man ständig auf Hilfe angewiesen ist. Da fände ich es cool, wenn ich zumindest finanziell für mich selbst sorgen könnte.

Wirst du noch weitere Bücher schreiben? Kannst du dir vorstellen, als Schriftsteller zu arbeiten?

Müller: Auf jeden Fall möchte ich das. Ab wie vielen Büchern ist man denn ein Schriftsteller?

2015 sind insgesamt drei Bücher von dir erschienen. Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hast du einen Landespreis gewonnen. War 2015 ein gutes Jahr für dich?

Müller: Das war ein Jahr mit extremen Höhen und Tiefen. Du hast die Highlights aufgezählt, die halten mich über Wasser. Ich bin sehr dankbar dafür!

Hast du einen besonderen Wunsch zu Weihnachten?

Müller: Ja, allerdings nichts, woran sich eine Schleife anbringen lässt. Ich wünsche mir, dass auch Teil vier gedruckt wird. Ich freue mich auf die Delfintherapie und ich hoffe, dass es auch für mich bald einen gangbaren Weg an die Uni gibt.

Die Fragen stellte Niklas Molter.

Bücher: Raphael Müller: Asa und Gasa. Abenteuer im Land der Zwerge (Band 1 und 2) und Kathi Kaldewey, Raphael Müller: Hilfe, es wird Weihnachten. Anregungen zur Gestaltung, Geschichten und Gedichte.

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