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Obergriesbach

08.08.2018

Bahnübergang bremst Paartalbahn aus

Das Bild vom durchrauschenden Zug trügt: Am Bahnübergang bei Obergriesbach rollen die Regionalbahnen nur im Schneckentempo – ein Ärger für viele Fahrgäste.
Bild: Christoph Lotter

Seit einem Jahr fährt die Regionalbahn mit angezogener Handbremse. Warum die Züge kurzzeitig im Schneckentempo fahren und der Fahrgastverband rot sieht.

Träge setzt sich die Regionalbahn am Bahnhof in Obergriesbach in Bewegung. Kaum hat der Zug etwas beschleunigt, quietschen schon wieder die Bremsen. Im Schneckentempo tuckert die blau-weiße Paartalbahn gut 50 Meter auf den Gleisen in Richtung Aichach dahin. Dann gibt der Zugführer wieder Vollgas und beschleunigt auf die hier üblichen 90 bis 100 Stundenkilometer. Seit fast einem Jahr läuft das nun schon so auf der Strecke von Augsburg nach Ingolstadt. Winfried Karg macht jetzt Alarm: „Jeder Zug in Richtung Norden bekommt Verspätung, und die Züge in Richtung Süden müssen dann an der eingleisigen Strecke ebenfalls warten – es fährt fast kein Zug mehr pünktlich“, klagt der Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Bezirk Schwaben. Die an sich geringen Verspätungen von wenigen Minuten würden für die Fahrgäste dann zum Ärgernis, wenn wichtige Anschlussverbindungen verpasst würden, sagt Karg. (Kommentar: Eine Schranke muss her)

Der Grund für die Fahrt mit angezogener Handbremse ist ein unbeschrankter Bahnübergang am Ortsrand von Obergriesbach. Er ist für landwirtschaftliche Fahrzeuge freigegeben und wird auch von Radlern und Spaziergängern genutzt. Gesichert wird der Bahnübergang nur mit einer Ampel. Das Problem: Züge, die von Augsburg kommen, lösen den Kontakt für das Warnsignal schon vor dem Halt am Bahnhof aus. Die Ampel stellt aber gleich auf Rot und sperrt den Übergang so lange, bis der Zug durchgefahren ist – das dauerte weit über eine Minute.

In Obergriesbach gibt es eine weitere Gefahr

Dann befand das Eisenbahn-Bundesamt, dass wartende Personen wegen der langen Rot-Phase die Ampel für defekt halten und die Gleise trotzdem überqueren könnten. Die Aufsichtsbehörde legte im Mai 2017 fest, dass die Züge nach Verlassen des Bahnhofs auf 20 Stundenkilometer abbremsen müssen. Für Züge in Richtung Süden gilt das nicht: Sie können den Abschnitt mit 90 bis 100 Stundenkilometern passieren. Der Kontakt wird hier so ausgelöst, dass nur kurze Rot-Phasen entstehen.

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Eine Optimallösung sieht freilich anders aus. Die Strecke gehört der DB Netz und damit dem Bund. „Während in den Ausbau der B 300 Millionen Euro gesteckt werden, wird die Bahn ausgebremst, weil sich niemand darum kümmert“, kritisiert Karg. „Anscheinend blockieren sich an dieser Stelle eine bundeseigene Aufsichtsbehörde und ein bundeseigenes Unternehmen gegenseitig. Wenn schon so kleine Vorhaben nicht klappen, wie will dann die Bundesregierung ihre Ziele der Verdoppelung der Fahrgastzahlen bei der Bahn erreichen?“

Nachfragen des Fahrgastverbandes bei der DB Netz seien bisher unbeantwortet geblieben, kritisiert Karg. Damit sei unklar, ob und wann die missliche Situation behoben wird. „Wir befürchten, dass die längere Fahrzeit ab Dezember sogar in den Fahrplan eingearbeitet werden könnte, weil nichts geschieht.“

Zumindest in dieser Hinsicht gibt die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) Entwarnung. „Eine Anpassung der Fahrpläne der Paartalbahn ab Dezember 2018 ist nicht vorgesehen. Die Sorge des Fahrgastverbandes Pro Bahn ist somit unbegründet“, erklärt Vize-Sprecherin Agnieszka Urban auf Nachfrage. Ein Termin zur Beseitigung der Langsamfahrstelle ist der BEG aber nicht bekannt. Aus den Daten zu Pünktlichkeit und Anschlusserreichungswerten würden sich keine Hinweise ergeben, dass die Langsamfahrstelle zu gravierenden Verspätungen oder vielen Anschlussverlusten führe, so Urban.

An der Messstelle Aichach, welche unmittelbar auf den Bahnhof Obergriesbach folgt, habe die Bayerische Regiobahn (BRB) 2018 bisher eine durchschnittliche Pünktlichkeit von 94,7 Prozent erreicht. Der Wert liege laut Urban über dem bayernweiten Durchschnitt. Das ist aber relativ: Ein Halt wird laut DB noch als pünktlich gewertet, wenn die planmäßige Ankunftszeit bis zu sechs Minuten überschritten wird.

Bahnübergang in Obergriesbach: Wie geht es jetzt weiter?

Bei der Anschlusserreichungsquote in Ingolstadt gebe es ebenfalls keine nennenswerten Auffälligkeiten. So seien dort 2018 bislang 98,1 Prozent aller Anschlüsse von der BRB erreicht worden. In Augsburg-Hochzoll liege der Wert derzeit bei 96,6 Prozent und am Hauptbahnhof Augsburg bei 96,3 Prozent.

Für Winfried Karg sind diese Zahlen allerdings ein Trugschluss: „Die Stadtbusse etwa werden überhaupt nicht in der Statistik erfasst. Und die Argumentation ,wo anders ist es schlechter’, verbitte ich mir. Auf diesem Niveau möchte ich nicht diskutieren. Wir Fahrgäste zahlen ein Haufen Geld und erwarten, pünktlich anzukommen.“ Ausnahmen seien nicht das Problem, aber in diesem Fall sei es systematisch.

Die BEG kann am Obergriesbacher Übergang nichts ändern, denn für Instandhaltung und Betrieb der Infrastruktur ist die DB Netz zuständig. Das ist auch Karg bewusst. „Das Fehlverhalten liegt bei der Deutschen Bahn. Wie sie das Problem löst, ist mir als Fahrgast ehrlich gesagt egal. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als mit unserem Anliegen den Kontakt zu einem Bundestagsabgeordneten aus der Region zu suchen.“ Doch solche Kleinigkeiten sollten eigentlich im Tagesgeschäft der Bahn geregelt werden, so Karg.

Doch DB Netz hält sich zurück. Auf Nachfrage heißt es aus der Presseabteilung nur: „Eine Anordnung des Eisenbahn-Bundesamtes wird von uns nicht diskutiert, sondern befolgt.“ Bezüglich einer Alternative zur Sicherung des Bahnübergangs befinde man sich in Abstimmung mit der Stadt Aichach. Bis also eine alternative Lösung kommt, rollen die Züge wohl weiter im Schneckentempo.

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