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Aichach-Walchshofen

01.05.2016

Bildstörung eines bewegten Mannes

„Vielleicht ich“ (2014): Mit diesem Werk, vielleicht einem Selbstporträt, von Emmeran Achter, wurde in Friedberg für die Kunstausstellung geworben.
Bild: Vicky Jeanty

Der Künstler Emmeran Achter verweigert seinen Bildern feste Konturen. Vor Kurzem gewann der 45-Jährige den renommierten Kunstpreis der Schwabenakademie Irsee

Aichach-Walchshofen Die steile Stiege zu Emmeran Achters Atelier unter dem Dach ist bereits ein kleines Kunstwerk: Die Stufen sind jeweils rechts und links so eingekerbt, dass man trotz der Enge trittsicher nach oben kommt. Das Atelier ist akkurat aufgeräumt. Fertige Bilder, im Werden begriffene Bilder, lehnen an der Wand, der Kontrabass steht malerisch im Raum. Keine Staffelei, dafür hat Achter an der Stirnseite einen verstellbaren Rahmen befestigt. Er malt also „an der Wand“. Auf dem Rolltisch linker Hand sind Tuben mit den Ölfarben aufgereiht, die Malpalette liegt griffbereit, ebenso die sauberen Pinsel. Der Künstler schaut aus einem der Dachfenster auf unverbaute Wiesen und Felder. Hier ist gut sein.

Emmeran Achter hat sozusagen zwei Leben: Er ist ein überregional bekannter und preisgekrönter Künstler, hat aber auch eine Vollzeitstelle als Lehrer an der Mittelschule Scheyern (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm), die ihm viel Zeit abverlangt. Dieses Nebeneinander sieht er als Bereicherung und zugleich als Garantie dafür, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. „Geerdet bleiben“, nennt er das. In Beziehung zum realen Leben bleiben, also.

Ein Bild von ihm ist in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung

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Das Künstlerdasein bedeute ein Zurückgeworfensein auf sich selbst. Diese Gefahr der Vereinsamung sieht er dank seiner Lebensgestaltung gebannt. Emmeran Achters Bilder sind oder waren bereits in zahlreichen Ausstellungen zu sehen – mit Stationen in Augsburg, Aichach, Friedberg und Kissing. Ein Bild von Achter befindet sich in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung München.

Für sein „Set-Up 3“ erhielt er im vergangenen Jahr den Kissinger Kulturförderpreis. Die jüngste Auszeichnung ist der renommierte Meckatzer Kunstpreis der Schwabenakademie Irsee. „Baltimore“, so der Titel des 160 auf 120 Zentimeter großen, preisgekrönten Ölgemäldes, nimmt Bezug auf die rassistischen Umtriebe in der größten Stadt des US-Bundesstaates Maryland, die im vergangenen Jahr durch die Medien gingen.

Fotomotive werden ab- und altmeisterlich übermalt

Achters ursprüngliche Motive liegen in der Realität: Menschen, Natur, Ereignisse. Die sind nie so dargestellt, dass der Betrachter sie auf Anhieb genauso erkennen kann, wie sie etwa auf einem Foto zu sehen wären. Die fotografischen Aufnahmen sind Inspirationsquelle, sie verführen zur Deformation, zur Rekonstruktion. Der Künstler kombiniert mehrere Motive. Er bearbeitet die Fotos digital, sucht den passenden Ausschnitt, überträgt das Ergebnis rasterförmig auf die Leinwand. Dann bemalt und übermalt er altmeisterlich mit Ölfarbe.

Achter verweigert dem Motiv feste Konturen. Nicht ohne Grund hieß die Ausstellung in den Krankenhäusern in Aichach und Friedberg „Soft Edge“ (Deutsch: weiche Kante, weiche Grenze). So scheint das Dargestellte vor dem Zuschauerauge zu verschwimmen, wirkt wie verwaschen, verwackelt. Das scheinbar Unfertige, die Momentaufnahme eines Bewegungsprozesses, etwa beim schwungvollen Anziehen eines T-Shirts in zwei Phasen, eröffnet neue Perspektiven. Ein an sich statisches Bild spiegelt wie in einer Filmsequenz den Ablauf von Bewegungen. Diese Bewegung selbst wird in ihrer Unschärfe zum eigentlichen Bildmotiv. Die „Bildstörung“ irritiert und fasziniert gleichermaßen, da sie unweigerlich zur ursprünglichen Form zurückfinden und auf diesem Weg Emmeran Achters Kunstverständnis nachempfinden möchte.

Persönlicher Blick auf die Realität

Sinnfällig passiert das zumindest auf dem Bild „Vielleicht ich“, ein ganz in Gelb-Tönen verwischtes Selbstporträt des Künstlers höchstpersönlich. Karin Haslinger, die als Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstler Schwaben Süd (BBK) die Laudatio in Kloster Irsee hielt, sagte: „Der Künstler zeigt seine eigene Wahrheit, vermittelt den persönlichen Blick auf seine innere und äußere Realität.“

So sehr Achter die Bewegung, die Unruhe, das Flüchtige, das Geheimnisvolle, das Momentane auf seinen Bildern festhalten will – so ruhig, besonnen und bescheiden gibt er sich persönlich im Gespräch. Vor Kurzem hat er einen Zyklus mit dem Titel „Stresssituation“ gemalt: kleinere Bilder in kräftigen Ölfarben, sehr bunt, in deren Tiefenschärfe sich schemenhafte Figuren ausmachen lassen.

Vorlieben von Caravaggio bis zu Zeitgenossen

Er spricht von seinen momentanen Künstler-Vorlieben, holt ein Buch über japanische Holzschnitte aus dem Regal. Erwähnt den jungen rumänischen Maler Adrian Ghenie, 1977 geboren, den Polen Wilhelm Sasnal, Jahrgang 1972, die Deutsche Corinne Wasmuth, geboren 1964. Aber auch die alten Meister El Greco oder Caravaggio.

Achters Bilder in Bewegung fordern die konkrete, objektive Wirklichkeit heraus. Seine Form der künstlerischen Darstellung und Wahrnehmung bewegen dazu, den konventionellen Blick auf die Welt und die Kunst zumindest zu überdenken.

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