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Aichach

24.02.2020

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot spielt im Canada

Sie hatten viel Spaß auf der kleinen Bühne im Canada-Saal, die 17 Musiker der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot aus Ost-Berlin. Da darf man auch, wie im Bild, die Trompete mal mit einer Bierflasche vertauschen.
Bild: Manfred Zeiselmair

Die ungewöhnliche Blaskapelle aus Ostberlin sorgt in Obermauerbach für Stimmung. Die Musiker interpretieren Arbeiter- und Widerstandslieder neu.

Wie viele Musikanten passen – einschließlich Instrumente – auf eine Bühne, die gerade mal vier auf drei Meter misst? Seit dem Konzert der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot aus Berlin im Canada-Saal in Obermauerbach (Stadt Aichach) wissen wir es. Denn da spielten und hüpften 17 Blasmusiker auf zwölf Quadratmetern und sorgten für beste Stimmung unter den rund 80 Besuchern. Und das trotz – oder gerade wegen? – der vielen politischen Botschaften, die sie in ihrer leicht-lockeren Art zum Besten gaben.

Blasmusik beim Canada? Aus Berlin? Und dann auch noch von Sozialisten? Oder gar Kommunisten? Allein der Name Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot sorgt schon in der Vorankündigung für Verwirrung. Viele im Saal sind wohl aus reiner Neugierde gekommen. Andere haben sich zuvor informiert und den Bandnamen gegoogelt. So wie Manfred Kircher aus Kleinberghofen im Nachbarlandkreis Dachau, der am Ende – wie die Mehrzahl der Besucher – „sowohl die Musik als auch die politische Botschaft einfach großartig“ fand.

Die Kurkapelle will Arbeiterlieder wieder hörbar machen

Die Bolschewistische Kurkapelle wurde 1986 in Ostberlin gegründet, mit dem Anspruch, Arbeiterlieder wieder hörbar zu machen und diese aus der bloßen Folklore und der politischen DDR-Propaganda zu befreien. Seitdem hat sich die Besetzung mehrfach verändert, die Botschaft aber bleibt: Was die 17 Hobbymusiker beim Canada auf die Bühne bringen, ist zum einen ein meisterliches Bekenntnis zur klassischen, wenn auch neu interpretierten Blasmusik, zum anderen ein – oft satirisch hinterfragtes – Bekenntnis zu Heimat, Frieden, Freiheit, Widerstand und Sozialismus. Sie beweisen, dass die alten Texte und Lieder von Bert Brecht, Hanns Eisler oder Herrmann Scherschen auch in der heutigen Zeit nichts an politischer Brisanz verloren haben. Ihre modernen Interpretationen alter Arbeiter- und Widerstandslieder sowie osteuropäischer Folklore werden – musikalisch aufgepeppt und vermischt mit Ska, Rock, Punk, Klezmer, Swing- und Jazzklängen – sogar tanzbar und laden zum Mitsingen ein. Letzteres macht das Canada-Publikum bekanntlich sehr gerne, sodass die Tanzfläche vor der Bühne nicht leer bleibt und so mancher Refrain lautstark unterstützt wird.

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot spielt im Canada

Ska-betont geht es los, und schon zu Beginn gibt’s „Heiße Musik für kalte Füße“. Es darf gehüpft werden. Die Sänger wechseln sich ab und lassen in humorvollen und lockeren Ansagen ihren Spaß an der Sache erkennen. Einen Bandleader gibt es nicht. Die Blech-Bolschewisten auf der Bühne bezeichnen sich als Kollektiv und bekennen sich, oft mit typisch Berliner Schnauze, zu ihrer Ostberliner Heimat: zunächst mit dem Rotfront-Song „Berlin Style“, dann mit der Punkrock-Szenenbeschreibung „Rote Liebe“.

Ein Augsburger ist auch mit dabei

Aus der Männerriege in ihren schwarzen Anzügen stechen die drei Mädels in der ersten Reihe etwas hervor. Eine davon ist Romy Sydow, die, mit einer tollen Chanson-Stimme ausgestattet, unter anderem Hildegard Knef und ihr „Berlin hat Sommersprossen“ zum Besten gibt. Bei Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ aus dem Jahr 1991 muss man den Protest gegen das DDR-System zwischen den Zeilen lesen. „Die Realität war damals schwarz-weiß“, heißt es in der Moderation.

Einen Augsburger gibt’s auch in der Kapelle: Konrad Hölzl blieb nach seinem Geografie-Studium in Berlin hängen, wie er sagt. Er stimmt unter anderem den „Heimlichen Aufmarsch“ von Hanns Eisler an, die Revolutionshymne der Sozialisten in den 30er-Jahren. Und auch dabei singen einige im Saal mit. Gesellschaftspolitisch wird es bei Georg Kreislers „Meine Freiheit, deine Freiheit“, ehe vielstimmig „Ciao, Bella, ciao“ ertönt. Die ursprüngliche Version der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg wurde – auch in der DDR – zu einer Hymne der antifaschistischen Bewegungen, ehe es als greller Remix zum Sommerhit 2018 aufstieg. Die Kurkapelle lässt davon eine besondere Version hören, die als Original beginnt und mit treibenden Ska-Tönen endet.

Spezielle Tanzrunde mit Geschichtsunterricht

Zu einer speziellen Tanzrunde mit Geschichtsunterricht lädt Gilbert Bécauds „Nathalie“ ein. Kaum einer weiß, dass der Chansonnier darin einen jungen Franzosen besingt, der sich – nach der vorsichtigen kulturellen und touristischen Öffnung der UdSSR zu Frankreich – in Moskau in eine russische Kommunistin verliebt. Gut gelaunt setzen die Bolschewisten (übersetzt „Die Mehrheitler“) der Kurkapelle mit temperamentvollen russischen Mitsing-Weisen zur Schlussoffensive an. Nach zwei Stunden ohne Pause und zwei Zugaben endet unter einem Beifallssturm ein sehr spezielles Bläserkonzert, das ganz unter dem Zeichen musikalisch-sozialistischer Fortbildung stand. Für die 17 Musiker steht schon am nächsten Tag ein besonderer Auftritt an – beim Abschlussabend des Brechtfestivals in Augsburg.

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