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Inchenhofen/Aichach

19.06.2020

Corona-Fälle auf Spargelhof: So lebten die Erntehelfer

Auf einem Spargelhof im Landkreis Aichach-Friedberg sind 96 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden. Dennoch ist das Gesundheitsamt voll des Lobes für das Hygienekonzept des Betriebes.
Bild: Ulrich Wagner (Archiv)

Plus 96 Mitarbeiter wurden auf einem Spargelhof im Landkreis Aichach-Friedberg positiv auf Covid-19 getestet. Wie das Hygienekonzept in dem Betrieb aussah.

Der Landkreis Aichach-Friedberg trägt nicht mehr die rote Laterne. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am Donnerstag übereinstimmend mitteilten, überschreitet der Landkreis nicht mehr den bundesweiten Grenzwert von 50 Covid-19-Fällen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen – und auch nicht mehr den strengeren bayerischen Wert von 35 Fällen je 100.000 Einwohner. Vorübergehend war Aichach-Friedberg der einzige Landkreis im gesamten Bundesgebiet gewesen, der auf der Internetseite des RKI leuchtend rot hervorstach.

Das lag an einem Reihentest auf Covid-19 auf einem Spargelhof in Inchenhofen. 96 von 525 Mitarbeitern waren dort positiv getestet worden. Am Montag hatte das Landratsamt die Testergebnisse vorgestellt. Wie die positiv Getesteten blieben auch 28 Kontaktpersonen in Quarantäne: Sie werden in diesen Tagen erneut getestet. Alle anderen haben die Rückreise nach Rumänien und Polen angetreten.

Für die Bewohner Inchenhofens und des Landkreises hatten und haben die Testergebnisse keine negativen Folgen. Spekulationen in sozialen Netzwerken über eine Verschärfung von Kontaktbeschränkungen oder gar eine Einstellung des Betriebs in der örtlichen Grundschule erteilten Landrat Klaus Metzger und Dr. Friedrich Pürner, Leiter des Gesundheitsamtes, eine klare Absage. Es handle sich um ein „punktuelles Geschehen“ auf dem Spargelhof. Metzger sagte am Montag: „Die Leute im Landkreis hätten kein Verständnis dafür, wenn deswegen ab morgen die Eisdielen zu wären.“

Mitarbeiter lebten in Inchenhofen in Containern mit Zwei-Bett-Bereichen

Allerdings hatten Urlauber aus dem Landkreis Aichach-Friedberg vereinzelt Probleme und wurden beispielsweise bei Reisen nach Mecklenburg-Vorpommern in ihren Hotels abgewiesen.

Offiziell endet die Spargelsaison an Johanni am 24. Juni. Der betroffene Betrieb, die Lohner Agrar GmbH, hat die Spargelsaison nach den ersten positiven Testergebnissen von rund 20 Arbeitern vor zwei Wochen freiwillig vorzeitig beendet.

Doch wie sah das Hygienekonzept vor Ort aus? Der Leiter des Gesundheitsamtes bezeichnete es als „hervorragend“ – und zwar sowohl vor als auch nach den ersten positiven Tests. Die Mitarbeiter seien in vielen Containern untergebracht gewesen, in denen es abgetrennte Bereiche mit Zwei-Bett-Zimmern gebe. Sie seien nach Zimmern getrennt in die Waschräume gegangen. Nach den ersten positiven Tests habe die Firma die meisten Arbeiter alleine untergebracht. Zum Essen wurden sie Pürner zufolge in kleinen Gruppen gebracht, am Tisch saßen sie zu dritt mit Mindestabständen.

Spargelhof im Kreis Aichach-Friedberg: Sechs getrennte Quarantänestationen

Positiv Getestete und enge Kontaktpersonen seien in sechs getrennten Wohnblöcken unter Quarantäne gestellt worden. Bei ihnen wurden zweimal täglich die Temperatur gemessen und Krankheitssymptome abgefragt. Das Essen sei zu ihren Containern gebracht worden, wo sie es - nach Zimmern getrennt - holten. Der Betrieb habe heuer mehr Busse gekauft, um die Arbeiter in kleinen Gruppen und mit Schutzmasken auf die Felder zu fahren. Im Betrieb sei ein Supermarkt eingerichtet worden. Auf dem Gelände gab es private Sicherheitsleute. Die Arbeiter hätten keinen Anlass gehabt, das Betriebsgelände zu verlassen. Doch selbst wenn sie außerhalb einkaufen gegangen wären, wäre das nach Ansicht Pürners aufgrund von Maskenpflicht und Sicherheitsabständen unproblematisch gewesen.

 

Aus seiner Sicht spreche viel dafür, dass die Maßnahmen vor Ort eingehalten wurden, auch wenn die Kontrollen seines Amtes zwar mehrfach, aber freilich nur punktuell stattfanden. Die erste Kontrolle sei unangemeldet gewesen.

96 Mitarbeiter in Inchenhofen sind positiv auf das Coronavirus getestet

Als Infektionsherd sieht das Gesundheitsamt den Ort und den Spargelhof nicht. Pürner hält es für wahrscheinlich, dass die Arbeiter die Erkrankung schon vor einiger Zeit durchgemacht haben - möglicherweise bereits vor der Einreise. Beweisen lasse sich das mit den aktuellen Testverfahren nicht, doch vieles spreche dafür. Denn der Abstrichtest schlägt nicht nur auf aktive, sondern auch auf bereits abgestorbene Viren an. Die 96 Arbeiter im Alter von 18 bis 58 Jahren seien zwar positiv getestet, aber nicht krank, so Pürner. Nach wie vor zeige kein einziger Symptome von Covid-19. Damit wäre die anstrengende Arbeit auf den Feldern auch niemals leistbar.

Knapp die Hälfte der positiv Getesteten komme aus zwei benachbarten Landkreisen in Rumänien, in denen die Infektionszahlen relativ hoch seien. Einige unter ihnen hätten berichtet, in den Wochen oder Monaten vor ihrer Einreise grippeähnliche Symptome gehabt zu haben. Unter den positiv Getesteten sei auch eine Verwaltungsmitarbeiterin, die aber nicht im Landkreis Aichach-Friedberg wohne. Sie habe berichtet, im Februar krank gewesen zu sein.

Landrat kritisiert chronische Unterbesetzung der Gesundheitsämter

Das Gesundheitsamt will weitere Informationen über die Herkunft der rumänischen und polnischen Erntehelfer sammeln. Die epidemiologische Aufarbeitung ist jedoch sehr zeitaufwendig. Landrat Metzger sagte, die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes hätten in der Corona-Pandemie „ganz große Fachlichkeit“ bewiesen. Er sagte: "Wir wünschen uns dringend, dass die Gesundheitsämter konstant mit mehr Personal ausgestattet werden." Die vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass es höchste Zeit sei, die chronische Unterbesetzung zu beenden.

Auch die Diskussion über den Wert kommunaler Krankenhäuser habe sich "hoffentlich ein für allemal erledigt", so Metzger. Der Landkreis sei mit seinen Kliniken in Aichach und Friedberg "deutlich besser aufgestellt" als andere. Während Covid-19-Patienten in Aichach behandelt wurden, wurden andere Patienten überwiegend in Friedberg aufgenommen.

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