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Aichach-Friedberg

23.03.2019

Damit der Kiebitz im Wittelsbacher Land stolziert

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5 Bilder
Der Kiebitz: erkennbar an seinem Haarschopf und der schwarz, weißen Färbung.
Bild: Thomas Günther

Die Wiesenbrüter sind in großer Gefahr. Ihr Lebensraum schwindet. Im Kreis brüten nur noch 45 Paare. Der Landschaftspflegeverband startet deshalb ein Programm

Was unsere tierischen Mitbewohner des Raumschiffs Erde zu leisten imstande sind, erstaunt uns, die angebliche Krönung der Schöpfung immer wieder. „Der Kiebitz ist vor rund 150 Jahren umgestiegen von Wiesenbrüter auf Ackerflächen.“ Das berichtete Dr. Uwe Bauer bei einem Treffen auf Rehlinger Flur. Angela Rieblinger, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes (LPV) Aichach-Friedberg, stellte dort das Brutplatzmanagement vor, das den geflügelten, schwarz-weißen Sympathieträger vor dem Verschwinden aus dem Wittelsbacher Land retten soll.

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Noch vor 25 Jahren war der Kiebitz ein häufiger Vogel auf Wiesen und Feldern. Deutschlandweit ist der Bestand bereits um fast 90 Prozent zurückgegangen und nimmt auch in der Region weiter drastisch ab. Waren es im Zeitraum von 2010 bis 2013 noch 50 bis 60 Brutpaare im Landkreis, so schrumpfte ihre Population von 2013 bis 2017 noch einmal um 15 Prozent ab auf unter 45 Brutpaare.

Überlebensquote des Nachwuchses ist stark gesunken

Außerdem sei die Überlebensquote des Nachwuchses von 0,5 Junge pro Brut im Jahr 2010 auf mittlerweile 0,44 Junge gesunken, so Uwe Bauer zu den alarmierenden Zahlen. Um den Bestand zu erhalten, müsste es doppelt so viele Überlebende geben. Will man, dass sich der Bestand erweitert, müssten die Kiebitz-Eltern mindestens ein Junges aus den meist vier Eiern im Gelege durchbringen. Dies war nur auf Derchinger Flur erreicht worden – bevor die Stadt Friedberg auch dieses Brutgebiet teilweise in Gewerbeflächen verwandelte.

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Die Situation des Kiebitz erfordert also Handlungsbedarf. Durch den Rückgang der Feuchtwiesen weicht er zunehmend auf Ackerflächen aus. Als Bodenbrüter sind Kiebitze auf landwirtschaftlichen Flächen aber vielen Gefahren ausgesetzt. Im Grünland insbesondere durch Schleppen, Walzen und Mähen und im Ackerland durch die Bodenbearbeitung und mechanische Unkrautbekämpfung im Frühjahr.

Drei Landkreise in Schwaben nehmen bereits am Brutplatzmanagement teil

Margarete Siering von der Regierung von Schwaben berichtete, dass die Kreise Donau-Ries, Dillingen und Günzburg bereits am Kiebitz-Brutplatzmanagement teilnehmen. Nun komme auch Aichach-Friedberg mit dem Projektträger LPV ins Programm.

Uwe Bauer beobachtet, zählt und kartiert die Kiebitz-Bestände im Landkreis seit 1996. Er und Naturschutzwächter Axel Del Mestre wissen also als Wiesenbrüter-Berater am ehesten, wo Kiebitze ihre Gelege haben.

Da vorne pickt sogar ein Kiebitz-Pärchen, haben Uwe Bauer und Axel Del Mestre durch ihr Fernglas gesehen. Die beiden Wiesenbrüterberater werden auf die Landwirte, auf deren Flächen sich Kiebitznester befinden, zugehen.
Bild: Martin  Golling

Ihre Aufgabe ist es nun, auf Landwirte zuzugehen, um den Vögeln über eine verspätete Aussaat (ab 20. Mai) Zeit zu verschaffen. Eine Bewirtschaftungsbahn oder -fenster soll Gelege schützen und zugleich für Nahrung, Deckung und Ruhe sorgen. Der Kiebitz braucht freie Sicht, spätestens wenn der Mais 40 Zentimeter Höhe erreicht hat, muss er abwandern. Es ist also überlebenswichtig, dass Freiflächen, sogenannte Kiebitz-Inseln im Acker verbleiben, um Eltern und Jungen Auskommen und Lebensraum zu gewähren.

Landwirte bekommen eine Aufwandsentschädigung

Solche Dienstleistungen sind von Landwirten nicht entschädigungslos zu bekommen. Müssen sie auch nicht, der LPV und die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt in Aichach stimmen die Aufwandsentschädigung mit dem Amt für Landwirtschaft ab, um Doppelförderungen zu vermeiden.

Eine feuchte Bodenmulde mit Oberflächenwasser kann als Kiebitzlebensraum dienen.
Bild: Anton Burnhauser

Uwe Bauer macht neben veränderten Anbaumethoden der Landwirtschaft den Klimawandel mit dafür verantwortlich: „Der Kiebitz ist nach wie vor auf feuchte Stellen angewiesen, denn die Jungen ernähren sich als Nestflüchter nur in den ersten zehn Tagen von Insekten. Danach suchen sie im feuchten Boden nach Regenwürmern.“

Doch Nässe sei in den vergangenen Jahren kaum noch vorhanden gewesen, sodass die Würmer sich in tiefere Bodenregionen zurückgezogen hatten.

Kiebitz-Küken an einer Wassermulde.
Bild: Anton Burnhauser

Das Beispiel des Gewerbegebiets in Derching zeigt, dass auch Siedlungs- und Straßenbau zur Populationsminderung ihren Beitrag zum Artenschwund leisten. Darauf verweist Georg Wenger von der Naturschutzbehörde. Trotzdem verspricht sich Wenger eine Stabilisierung der Kiebitz-Bestände: „Von einer stabilen Population können Eingriffe in deren Lebensräumen eher verkraftet werden, als von einer ohnehin schon geschwächten. Das neue Projekt richtet sich damit nicht gegen geplante bauliche Vorhaben in Kiebitzbrutgebieten, sondern soll mithelfen, deren Auswirkungen abzumildern.“

Eine weitere Gefahr für die Kiebitze: Freilaufende Hunde

Zusammen mit Reinhard Herb, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, haben Behörde und BBV einen weiteren Grund für den Kiebitz-Rückgang gefunden: Den Erholungsdruck. Bauer bestätigt: „Das ist mir schon mehrfach aufgefallen: wenn Hunde die Jungen jagen, sind die Kleinen nachher oft verschwunden.“ Georg Wenger dazu: „Hunde sollten immer an der Leine gehen.“ Uwe Bauer: „Wir haben nun schon oft Mulchsaaten auf den Äckern. Das ist grundsätzlich positiv.“ Doch wenn diese mit Herbiziden abgespritzt werden, verschwinde auch ein großer Teil der Insekten, stellte Bauer fest. Dann könne der Kiebitz seine Jungen kaum ernähren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Christian Lichtenstern: Kiebitze statt A8-Zubringer im Wittelsbacher Land

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