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Aichach-Friedberg

16.11.2018

Das tun Landwirte für den Erhalt der Artenvielfalt

Schwaben war einmal ein Hotspot der Artenvielfalt – dieser ist nun nach und nach bedroht: Denn stirbt einmal eine Bläuling-Population aus, weil etwa der Kreuzenzian auf dem Standort erloschen ist, zieht das am Ende nicht nur das Verschwinden des Schmetterlings nach sich. Blühstreifen, wie dieser kurz nach dem Aindlinger Ortsteil Hausen Richtung Arnhofen (links), könnten dieser Entwicklung entgegenwirken.
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Schwaben war einmal ein Hotspot der Artenvielfalt – dieser ist nun nach und nach bedroht: Denn stirbt einmal eine Bläuling-Population aus, weil etwa der Kreuzenzian auf dem Standort erloschen ist, zieht das am Ende nicht nur das Verschwinden des Schmetterlings nach sich. Blühstreifen, wie dieser kurz nach dem Aindlinger Ortsteil Hausen Richtung Arnhofen (links), könnten dieser Entwicklung entgegenwirken.

Um das Artensterben in der Region ging es beim zweiten Biodiversitätstag in Aichach-Blumenthal. Warum der Schmetterling ohne die Ameise nicht leben kann.

Der Rückgang der Wirbeltiere zwischen 1970 und 2014 beträgt mehr als 60 Prozent. So steht es in einer Erklärung von WWF und der Zoologischen Gesellschaft London vom 30. Oktober. Wie dramatisch sich der Rückgang nicht allein der Wirbeltiere darstellt, hat Eberhard Pfeuffer beim zweiten Biodiversitätstag auf Schloss Blumenthal belegt.

Landkarten aus der Zeit um 1900 zeigen einen zwei Kilometer breiten Fluss, ungebändigt, zerstörerisch für Menschenwerk, aber segensreich für eine riesige Artenvielfalt. Schriftliche Belege zeugen von 10000 gefangenen Nasen auf ihrem Zug zu ihren Laichquellflüssen vorbei an Augsburg, der Huchen war einst ein Massenfisch in diesen Gewässern. Heute sind beide Arten vom Aussterben bedroht.

Schwaben sei damals ein Hotspot der Artenvielfalt gewesen. „Aus dieser Region ist ein bedrohter Hotspot geworden“, erklärte der Experte und gestand: „Es ist wenig erbaulich, was ich ihnen hier erzähle.“ 44 Prozent (auf der Vorwarnliste sogar 54 Prozent) aller Brutvögel stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere, 43 Prozent aller Libellen, 44 Prozent aller Heuschrecken und sogar knapp 60 Prozent aller Tagfalter.

Biodiversität: Das machen die Landwirte

Die Politik hatte mit der Bayerischen Biodiversitätsstrategie reagiert. Bis 2020 sollte die Gefährdungssituation von mehr als 50 Prozent der Rote-Liste-Arten verbessert werden. Nun sei abzusehen, dass dieses Vorhaben scheitern werde, so Pfeuffer. Weder die „gnadenlose Verbauung des Lechs“ sei rückgängig zu machen, noch sei die Bewirtschaftung der Gewässerrandstreifen in Bayern eingeschränkt worden und die neue Staatsregierung signalisiere ein „Weiter so“. Hoffnung setzt Pfeuffer auf „die Jahrhundertchance Licca liber“. Doch für Arten wie die Flussstrandschrecke kommt das Projekt zu spät. Sie hatte ihren einzigen Lebensraum in Deutschland im Lechbett bei Kissing.

Der stellvertretende Landrat Peter Feile lobte den aus dem Forum Zukunft hervorgegangenen Arbeitskreis Biodiversität als „ein Netzwerk für bürgerliches Engagement im Landkreis“, das unterstützt wird vom Landkreis Aichach-Friedberg, der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und dem Landschaftspflegeverband. Die frisch in den Landtag gewählte Christina Haubrich forderte: „Wir müssen alle umdenken, um das Artensterben zu stoppen.“ Organisator des zweiten Biodiversitätstages in Blumenthal und Leiter des Arbeitskreises Biodiversität ist der Kissinger Biologe Wolfhard von Thienen. Er fand, die Politik reagiere schon auf das Artensterben. „Da sind gute Ansätze wie der Blühpakt Bayern, die auch in die Gesellschaft hinein Wirkung zeigen.“ Außerdem gingen vom Arbeitskreis inzwischen die Initiativen „Wittelsbacher Land summt“ oder „Wittelsbacher Land blüht“ aus. Das Forum Zukunft habe ein Organisationsteam eingesetzt, das die Bewerbung für die Öko-Modellregion Paartal auf den Weg gebracht habe. Immer wieder steht in Sachen Artenschwund die Landwirtschaft im Fokus. Martin Schmid wies als stellvertretender Kreisobmann des Bauernverbandes darauf hin, dass Landwirte in Bayern durch privaten Einsatz einen zwei bis sechs Meter breiten und insgesamt zwölf Kilometer langen Blühstreifen gesät und gepflegt hätten. 800000 Hektar Fläche stünden im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms unter strengen Auflagen im Sinne des Artenschutzes.

Stephan Kreppold ließ das als Vertreter der Biobauern so nicht stehen. Immerhin würden in Deutschland 30000 Tonnen Agrargifte für einen Schub beim Artenschwund sorgen. Unter den 249 verschiedenen toxischen Präparaten werde derzeit über den Namen Glyphosat lediglich eine Stellvertreterdebatte geführt. Vor allem falsche Bodenbearbeitung mit dessen Verdichtung als Folge und fehlender Humusaufbau würden dazu führen, dass mehr Stickstoff ausgebracht werden müsse, als der Boden aufnehmen könne. „Bis zu 80 Kilogramm Stickstoff pro Hektar sickern ins Grund-, Trink- oder Oberflächenwasser und landen letztlich im Meer“, bilanzierte Kreppold und sprach von „500 Millionen Euro Verlust durch Überdüngung, eine Belastung für die Allgemeingüter wie die Artenvielfalt“.

Der ausgeschiedene bayerische Agrarminister Brunner wollte bis 2020 zumindest 20 Prozent der Höfe auf Biobetrieb umgestellt sehen, habe dieses Ziel aber um 95 Prozent verfehlt. Hoffnung sah Kreppold in der Bewerbung des Paartals als Öko-Modellregion. Dort stehe man in der Auswahl „sechs aus 27“. Das heißt: 27 bayerische Landstriche haben sich auf die sechs zusätzlichen Modelregion-Plätze beworben. Das Leben ist mitunter viel komplexer. So braucht der Kreuzenzian-Bläuling nicht nur seine im Namen auftauchende Wirtspflanze, sondern auch eine bestimmte Ameisenart, die seine Raupe bis zur Verpuppung in ihrem Bau füttert. Die Raupe beherrscht die Klaviatur der Ameisen-Pheromone so exakt, dass sie als Ameisenbrut anerkannt wird. Stirbt aber eine Bläuling-Population aus, weil etwa der Kreuzenzian auf dem Standort erloschen ist, zieht das nicht allein das Verschwinden des Schmetterlings nach sich.

Artensterben: Was die Vögel zum Leben brauchen

Ornithologe Uwe Bauer berichtete vom Verschwinden des Kiebitz aus den Landschaften: „Es finden sich zwar vier Eier im Gelege, doch letztlich überlebt nur ein Küken bis zum Flüggewerden“, erklärte Bauer. Als Gründe für den eklatanten Rückgang des Zeigervogels hat Bauer eine Mängelliste zusammengestellt. Fehlt die Feuchtwiese als angestammter Brutplatz, weicht der Vogel auf Maisfelder aus. Eine Trockenperiode kann dann aber schnell den Tod des Nachwuchses bedeuten. Nahrungsmangel sei ein weiteres Kriterium. Kurz: Der Kiebitz versucht alles, aber die Widrigkeiten nehmen zu.

Es ist zu wenig Beikraut in den Äckern, sagt der Bioland-Verband. Dessen Vertreterin, Anna Bühler, berichtete von einem Ackerkräuter-Wettbewerb unter Bioland-Bauern.

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