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26.09.2009

Demontagearbeiter, Volksschullehrer und nun auch noch Schriftsteller

Merching Alle sind mucksmäuschenstill, es ist fast so wie in einer Schulstunde des ehemaligen Lehrers Walter Bischoff. Gebannt hören die Besucher zu, als der 80-Jährige einen Auszug aus seinem geplanten zweiten autobiografischen Roman vorliest. Fesselnd sind die Schilderungen aus der Zeit von Mai bis August 1945, als er und seine vier Brüder zusammen mit der Mutter aus dem Sudetenland vertrieben wurden.

Bürgermeister Martin Walch, sein Kollege Eugen Seibert und die Gemeinderäte Dr. Werner Schrom, Eduard Lutz, Erich Bernhard, Josef Failer und Josef Kinader sind gekommen, um Walter Bischoff zu seinem 80. Geburtstag zu gratulieren. Lutz, wie Bernhard und Kinader auch Schüler bei dem ehemaligen Lehrer an der Merchinger Volksschule, erinnert sich gerne zurück: "Er war ein Lehrer, der nicht nur Wissen vermittelt hat, sondern auch Werte und an unserer Persönlichkeit interessiert war." Dr. Schrom studierte sogar gemeinsam mit dem Lehrerehepaar: "Ich weiß noch, dass die beiden immer in allen Kursen oder Seminaren gemeinsam anzutreffen waren." Damals waren sie unter den Studenten etwas Besonderes, weil sie schon verheiratet waren. "Ja, wir waren halt sogenannte Spätberufene", sagen die beiden und lachen.

Nur Wissen und Bildung bringen einen Menschen weiter

Das lag daran, dass sowohl Walter als auch seine Frau Lucia Bischoff durch Krieg und Flucht aus der DDR gezwungen waren, ihr Studium hinten an zu stellen und zunächst in anderen Berufen tätig zu sein. Bischoff, der am 8. September 1929 in Quedlinburg am Harz geboren wurde, musste, nachdem der Vater im Krieg gefallen war, die Rolle des Ernährers für seine Mutter und die vier Brüder übernehmen. "Zunächst war ich für ein Jahr bei einem Bauern, später arbeitete ich als Demontagearbeiter in der russischen Besatzungszone und schließlich bei einem Mineralölwerk", erzählt der 80-Jährige. Er tut das ohne Wertung. Allein die Zeit als Demontagearbeiter, in der er oft 30 Stunden ohne Schlaf und nur mit mangelhafter Verpflegung arbeiten musste, reicht aus, um sich vorzustellen, welche Strapazen er als Jugendlicher hatte auf sich nehmen müssen. Weil Bischoff erkannte, dass Wissen und Bildung ihn weiter bringen können, besuchte er abends die Volkhochschule. So gelang der ihm Sprung vom Arbeiter beim Mineralölwerk zum Sachbearbeiter beim Volksbildungsamt. Und schließlich holte er 1952 das Abitur nach.

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Drei Jahre lang studierte er in Jena Germanistik und Philosophie. Doch als er Spitzeldienste für die Polizei übernehmen sollte, beschlossen er und seine damalige Braut Lucia, die DDR zu verlassen. "1955 bot sich dazu die Gelegenheit, für kurze Zeit war es möglich Verwandte im Westen zu besuchen", erzählt das Ehepaar, das vor zwei Jahren seine Goldene Hochzeit feierte. Ein Onkel von Lucia Bischoff lebte in Augsburg und dort kam das junge Paar unter. Bischoff arbeitete als Hilfsarbeiter auf dem Bau und als Verkäufer bei Spielwaren Hartmann. Sein Weg führte ihn über die Stadtsparkasse bis zu NCR, wo er zwölf Jahre als Sachbearbeiter zunächst für die Buchhaltung, später für die Werbeabteilung tätig war. Doch 1967 kam für das Ehepaar Bischoff noch einmal eine berufliche Wende. Es wurden dringend Lehrer gesucht und sie griffen ihr Studium wieder auf.

"Die Arbeit mit Kindern gefiel mir und außerdem dachte ich, dass ich für meine heimliche Leidenschaft, das Schreiben als Lehrer mehr Zeit habe", sagt Bischoff. 1970 kam das Ehepaar an die neue Volksschule nach Merching. Dort unterrichteten sie beide, Walter Bischoff 18 Jahre lang die Haupt- und Lucia Bischoff 20 Jahre lang die Grundschüler. Seine Leidenschaft fürs Schreiben musste Bischoff aber hinten anstellen. "Ich hatte einfach zu viel zu tun", sagt er.

Doch 2007 hat er seinen Traum verwirklicht und seinen ersten autobiografischen Roman "Im Netz der Gewalt" auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt. Und der zweite Roman ist schon in Arbeit. Dabei liefern sich seine Frau, die für ihn das Lektorat übernimmt, und er so manches Wortgefecht. "Das sind kreative Diskussionen, kein Streit", versichern beide. "Ich würde unter den heutigen Frauen eh keine finden, die so ist wie meine", sagt Walter Bischoff. Und Lucia ergänzt: "Auch nach 52 Jahren, würde ich meinen Mann sofort wieder heiraten."

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