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Natur

12.09.2018

Den Wald von heute gibt es bald nicht mehr

Im Bast, genau zwischen Holz und Außenrinde, zernagt der Buchdrucker die Saftbahnen der Fichte.
Bild: Martin Golling

Borkenkäfer zerstören Bäume, im Landkreis gibt es aber weniger Schädlinge als erwartet. Warum die Wälder in Zukunft wohl anders aussehen werden.

Der Borkenkäfer ist eine große Gefahr für die Wälder. Auch im Wittelsbacher Land treiben Buchdrucker und Kupferstecher ihr Unwesen und zerstören die Fichten der Waldbesitzer. Nicht alle Betroffenen handeln allerdings und melden den Schädlingsbefall bei den zuständigen Behörden. Sie überlassen die Bäume ihrem Schicksal, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind, die Borkenkäfer zu bekämpfen. So aber droht ganzen Fichtenwäldern der Tod – und dem tatenlos zusehenden Waldbesitzer gegebenenfalls eine empfindliche Strafe.

Die Wälder im Landkreis sind allerdings nicht nur wegen der Borkenkäfer in Gefahr. Der Klimawandel sorge für weitaus größere Probleme, erklärt Bernhard Breitsameter, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Aichach: „Durch den Klimawandel müssen wir alles, was wir über den Borkenkäfer wissen, über Bord schmeißen.“ Bis 2015 hätten die Käfer überwiegend geschwächte Fichten am Süd- und Westrand der Wälder befallen. Heute sei es selbst den Insekten dort zu heiß. Der Borkenkäfer niste stattdessen tief im Innern der Wälder. „Das ärgert uns natürlich, aber wir dürfen nicht den Kopf verlieren“, sagt Breitsameter.

In diesem Jahr sei der Befall zumindest wesentlich geringer, als erwartet. Die Population gehe zudem zurück. „Wir werden voraussichtlich nicht einmal das Niveau vom Vorjahr erreichen“, sagt der WBV-Geschäftsführer. Der Grund für die niedrige Befallsrate sei das Wetter, den Käfern sei es schlicht zu heiß.

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Bald könnte es keine Fichten mehr geben

Die extremen Temperaturen machen allerdings nicht nur den Schädlingen zu schaffen, warnt Breitsameter: „Wenn der Trend mit extrem heißen Sommern, starken Stürmen und Niederschlägen und extrem kalten Wintern anhält, werden ganz andere Probleme auf uns zukommen.“ Probleme, die weit tiefgreifender sind als ein Borkenkäferbefall: „Dann wird es bei uns bald keine Fichten mehr geben.“ Die Baumart sei nicht robust genug, um die hiesigen Wetter-Extreme über längere Zeiträume zu überleben. „Auch die Tanne wird Probleme bekommen und für die Buche sehe ich schwarz“, prognostiziert Breitsameter.

Er hat aber eine mögliche Lösung parat: „Die Waldbesitzer müssen die Altbestände an Fichten schnell nutzen, bevor sie die Natur zerstört, und mit klimatoleranten Arten wie Kiefern, Lärchen oder auch Eichen aufforsten.“ Eine stabile Mischforstung sei unbedingt notwendig, auch um den Boden- und Luftraum optimal auszunutzen. Derartige Mischwälder machen nebenbei bemerkt auch dem Borkenkäfer das Leben schwer.

Momentan sei die zweite Generation der Buchdrucker in der Schwärmphase, sagt der Aichacher Förster Ralf Lojewski. „Je nach Witterung wird die dritte Generation in ein paar Wochen fertig.“ Es ist also nach wie vor Vorsicht geboten bei den Waldbesitzern im Landkreis. Was passiert, wenn Betroffene nicht handeln, erklärt Lojewski: „Wenn Borkenkäferbefall festgestellt wird, wird der Waldbesitzer zuallererst – meist telefonisch – kontaktiert und auf den Befall aufmerksam gemacht.“ Unternimmt der Waldbesitzer nichts, greife ein dreistufiges Modell. „In der ersten Stufe erhält der Waldbesitzer ein offizielles Anschreiben mit Nennung der Flurnummer und Markung und wird auf die Befallsintensität hingewiesen“, so Lojewski. Nach dem Erhalt dieses Schreibens gelte eine zwei- bis dreiwöchige Frist, in der der Waldbesitzer handeln muss. „Lässt er die Frist tatenlos verstreichen, greift Stufe zwei: Das Landratsamt wird eingeschaltet.“ Die Kosten für den Waldbesitzer belaufen sich laut Lojewski auf etwa 100 Euro. „Wir versuchen natürlich, das Ganze früher zu klären, um unnötigen Ärger zu vermeiden“, betont der Aichacher Förster.

Das passiert, wenn Betroffene nicht handeln

Falls jedoch auch diese Maßnahme nicht greift und der Waldbesitzer seine gesetzliche Pflicht weiter ignoriert, wird es ernst. Denn Stufe drei wird eingeleitet, die sogenannte Ersatzvornahme. Die Behörde dürfe die betroffenen Bäume ohne Einverständnis des Besitzers auf dessen Kosten entfernen, erklärt Lojewski. Das sei ein enormer bürokratischer Aufwand und könne teuer werden.

Die entsprechende Verordnung zur Bekämpfung von Schädlingen wird jedes Jahr neu aufgelegt und gilt ausschließlich für den Buchdrucker. Der derzeit einzige wirkungsvolle Weg, Borkenkäfer zu bekämpfen, ist, befallene Bäume möglichst frühzeitig zu erkennen – zum Beispiel an herausrieselndem Bohrmehl, erklärt Lojewski.

Befallene Bäume müssen schnellstmöglich eingeschlagen werden, bevor die Käfer wieder ausfliegen. Außerdem muss das geschädigte Holz schnellstmöglich aus dem Wald gebracht werden. Betroffene Waldbesitzer sind jedoch nicht auf sich alleine gestellt, bekräftigt Lojewski: „Es gibt verschiedene Selbsthilfeangebote im Wittelsbacher Land, etwa die Waldbesitzervereinigung Aichach.“ Die Ansprechpartner sind mittwochs von 8 bis 12 Uhr erreichbar und helfen bei Bedarf.

Kontaktdaten sind im Internet auf der Website der Waldbesitzervereinigung zu finden.

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