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Vortrag

12.05.2015

Der Irrsinn wird Normalität

Paul Hoser referierte zum Thema „Pöttmes im Nationalsozialismus 1933-1945“ im Kultursaal: (von links) Bürgermeister Franz Schindele, Moderator Bernd Wagner, Referent Paul Hoser, Harfenistin Annelie Hammerl und Ernst Haile vom Bund Naturschutz.
Bild: Vicky Jeanty

Der Historiker Paul Hoser informiert über Pöttmes zur Zeit des Nationalsozialismus. Es gab Begeisterte und Mitläufer. Und fünf Männer sorgen in einer filmreifen Aktion dafür, dass Pöttmes noch vor dem 8. Mai „befreit“ ist

Es erscheint müßig, die Namen jener Bürger aus Pöttmes und Umgebung zu erwähnen, die sich einen Namen innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung ab der Machtergreifung Hitlers im Februar 1933 bis zur endgültigen Niederlage im Mai 1945 gemacht haben.

Fakt ist, und das bestätigte auch Paul Hoser in seinem Referat über „Pöttmes zur Zeit des Nationalsozialismus“ im Kultursaal, dass Pöttmes im Vergleich zu anderen Gemeinden „weder besser noch schlechter“ war.

Das heißt, wie überall gab es von Beginn an begeisterte, überzeugte Anhänger, die sich zum Ortsgruppenleiter, zum Sturmbannführer, ernennen ließen; die martialische SA-Aufmärsche im Ort organisierten, am Rathaus die Hakenkreuzfahne hissten. Wie überall, gab es die, die aus Angst zu Mitläufern wurden. Es gab die Opportunisten, die sich Vorteile erhofften. Es gab die Denunzianten, aber auch die Kritischen, die sich unsinnigen Vorschriften widersetzten und dafür bestraft wurden. Es gab die örtlichen Honoratioren – Lehrer, Ärzte, Apotheker, Adlige, gelegentlich auch Kirchenleute – die Parteimitglieder wurden. Es gab Tageszeitungen, die sich auf die Seite der Nationalsozialisten schlugen. Das alles, so Hoser , war relativ üblich in der Nazi-Zeit.

Der Referent erläuterte die stetig voranschreitende Entwicklung und Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie in der Gemeinde Pöttmes. Verdeutlichte die immer schärfer formulierten parteiinternen Vorgaben, denen sich NSDAP-Mitglieder vor Ort zu beugen hatten. Eines hatte Pöttmes den anderen dann doch voraus: Bei mehreren Wahlen im Lauf des Jahres 1933 schnitt die NSDAP dort deutlich besser ab als im übrigen Bezirk Aichach. Es gab auch bereits Mitte Juli des gleichen Jahres in Pöttmes eine 200 Mann starke SA-Truppe.

Angesichts der Tatsache, dass Pöttmes keine Garnisonsstadt war, keinen Bahnhof hatte, blieb der Ort lange Zeit vor den wahren Schrecken des Krieges bewahrt. Es gab natürlich die Toten, die Gefangenen, aber, so Hoser, „wirkliche Grausamkeiten haben die Pöttmeser nicht kennengelernt“. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse litt der Großteil der Bevölkerung keinen Hunger. Dennoch war der Alltag, vor allem ab 1943, zunehmend von den Kriegswirren geprägt. Es herrschte Mangel an Arbeitskräften, da ganze Jahrgänge eingezogen worden waren. Die Zwangsarbeiter aus Polen und Kriegsgefangene aus Frankreich waren nicht immer gern gesehen. Evakuierte aus dem bombardierten Augsburg und München wurden in beschlagnahmte Räumen einquartiert. Kurz vor Kriegsende zogen Hunderte von Soldaten auf dem Rückzug durch den Ort. Ein amerikanischer Tiefflieger nahm einen beschädigten Panzer ins Visier. Am 26.und 27. April 1945 wurde Pöttmes einmal vom Gumppenberg, dann von Schorn aus beschossen. Es gab mehrere Tote.

Noch vor dem 8. Mai war Pöttmes „befreit“ und die Amerikaner zogen in den Ort. Filmreif die Szene, die letztendlich diesen Prozess beschleunigt hatte: Fünf gestandene Männer aus Pöttmes mit begrenzten Englischkenntnissen und einer weißen Fahne machten sich in der Nacht vom 27. auf 28 April um Mitternacht auf den Weg nach Schorn. Sie wollten die dort stationierten Amerikaner vom weiteren Beschuss abhalten. Tags drauf wurde am Kirchturm die weiße Fahne gehisst.

Die Nachkriegszeit in Pöttmes forderte die Bevölkerung. Die Zahl der Evakuierten im Ort lag im November bei 542, zusätzlich zu den 315 Flüchtlingen, davon viele aus Schlesien. Erst Anfang Mai 1949 wurde mit Andreas Schmid ein Sozialdemokrat zum Ersten Bürgermeister gewählt. Knapp drei Wochen später wurde das Grundgesetz verabschiedet.

Paul Hosers Referat machte betroffen – durch die vielen Hinweise auf Menschen, Vorfälle und Ereignisse, die dem Irrsinn den Schein einer nicht mehr nachzuvollziehenden Normalität gaben.

Hoser war auf Einladung der Initiative des Freundeskreises der Friedenssäule nach Pöttmes gekommen, denen der Historiker sein Honorar zugutekommen ließ. Bernd Wagner moderierte die Veranstaltung. "Kommentar Seite 1

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