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26.06.2009

Der Reiz der scheinbar zahmen Raubtiere

Aichach Ashanti will spielen. Mit schräg geneigtem Kopf kommt sie an die Gitterstäbe und streckt die wuchtige rechte Pfote heraus. Das gelbe Blasrohr von Tierärztin Dr. Christine Lendl hat die Tigerin neugierig gemacht. Doch die Tierärztin spielt nicht mit und zieht das Blasrohr zurück. Als Ashanti im Käfig abdreht, bläst sie ihr blitzschnell die Spritze mit dem Impfserum in die Flanke. Da ist es im Käfig vorbei mit der guten Laune. Die Tigerin ist sauer, faucht und steigt kraftvoll an den Käfigwänden hoch.

"Schatzi! Schon vorbei", beruhigt Lendl das Tier. Sieben Mal wiederholt sich die Prozedur. Tigerdompteur Christian Walliser aus Augsburg gastiert bis Sonntag mit seinen acht Raubkatzen beim Zirkus Crocofant am Aichacher Volksfestplatz. Er nutzt die Zeit, um seine Tiere gegen Katzenschnupfen und Tollwut impfen zu lassen. "Heute ist das einfach, weil ich noch nie hier war", sagt die Ärztin, die an der Tierklinik in Gessertshausen arbeitet und auch den Augsburger Zoo betreut. In anderen Zirkussen erinnern sich die Tiere an sie - nicht immer positiv. "Bei manchen Zirkusnummern traue ich mich nicht in die erste Reihe", sagt sie.

Die Tiere seien zu clever. Einmal war es knapp. Ein Elefant, den sie behandelt hatte, sah sie in der ersten Reihe sitzen, marschierte los und hatte schon einen Fuß auf dem Ring um die Arena, als der Dompteur eingriff. "Einen Schritt weiter und ich wäre weggewesen", sagt Lendl. Nach ihrem Tierarztstudium hängte sie vier Jahre Facharztausbildung für Zoo-, Gehege- und Wildtiere an. Seitdem ist sie so spezialisiert, dass sie für manchen Auftrag sogar nach Frankreich oder in die Schweiz fliegt.

Dass auch Tiere launisch sind, wird im nächsten Käfig deutlich. "Das ist 'ne Zicke", sagt die Tierärztin. Die Tigerin läuft im Kreis, beäugt misstrauisch das Blasrohr in Lendls Händen und springt mit aller Macht hoch, als sie den Stich im Fell spürt. Mit einer Pfote bleibt sie an einer Kette hängen. Sie humpelt leicht. Walliser fackelt nicht lange. Der 27-Jährige, Deutschlands jüngster Raubtierdompteur, klettert in den Käfig und sieht sich die Pfote an. "Alles in Ordnung", sagt er.

Der Reiz der scheinbar zahmen Raubtiere

Angst? Nein, Angst habe er nicht, wenn er zu seinen Tieren gehe. "Ich habe Vertrauen zu meinen Tieren und sie zu mir. Wenn ich sie schlecht behandeln würde, würden sie mir den Kopf abreißen", sagt er. Schwarze Schafe gebe es unter Zirkussen wie anderswo. Die Ärztin nickt und ergänzt: Wenn ein Pferd 24 Stunden in der Box stehe und die Besitzerin alle paar Tage mal zehn Runden reite, sei das auch fragwürdig. Sie nennt als weiteres Beispiel den klassischen Wellensittich im Käfig. "Zirkustiere haben da deutlich mehr Abwechslung."

Walliser spricht von seinen Tigern wie von Kindern. Ashanti und Neomi, beide zwei Jahre alt, zog er mit der Flasche groß. Die anderen kennen ihn, seit er sie vor vier Jahren einem polnischen Zirkus abkaufte. Davor war er mit Kamelen und Pferden aufgetreten. Doch er träumte von Raubkatzen. Bevor er sie kaufte, arbeitete er mit ihnen in dem polnischen Zirkus. "Ich wusste ja nicht, ob ich das schaffe." Heute ist er sich seiner Sache sicher. "Wenn ich Freizeitreiter bin, könnte ich mir auch das Genick brechen", sagt der schmächtige, kleine Mann trocken.

Das ganze Jahr ist der Sohn einer Schaustellerfamilie mit seinen Tigern unterwegs. Raubtiernummern seien bei Zirkusbesuchern immer noch sehr gefragt, sagt Walliser. Er tritt unter anderem auch im Zirkus Krone auf. Urlaub gibt es für ihn nicht, Freizeit nur selten. Deshalb hat er eine eigene Definition von Luxus: "Mit einer Flasche Cola vor dem Wohnwagen liegen und meine Tiere sehen. Was will man mehr?"

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