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Weinanbau

23.08.2018

Der Winzer von Haunswies

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700 Rebstöcke hat Seyfried gepflanzt, um auch Wein herstellen zu können. Auf der Amerikaner-Unterlage wächst ein pilzresistenter Weißwein.
Bild: Martin Golling

Auf 3000 Quadratmetern Steilhang baut Christian Seyfried im Affinger Ortsteil Trauben für die Weinherstellung an. Warum die Reben dort gedeihen.

Der Remüer von Haunswies, so der alte Hofname, füttert längst keine Schweine mehr, melkt keine Kühe und baut auch kein Getreide mehr an. Der Haunswieser Christian Seyfried frönt einem seltenen Hobby: Er baut Wein an. Auf 3000 Quadratmeter Steilhang, ausgerichtet nach Südwesten, gedeihen seit ziemlich genau einem Vierteljahrhundert Rebstöcke. „Ich habe damals etliche verschiedene Sorten gepflanzt und getestet, zwei oder drei Sorten waren einigermaßen vielversprechend“, sagt Christian Seyfried.

2005 habe er dann 30 Tafeltraubensorten gepflanzt, ebenfalls, um die am besten geeigneten für diesen Standort herauszufinden. Davon hätten sich zwei Sorten bewährt, deren Namen er aber hier nicht lesen will. Als die Europäische Union im 2015 ihr Weingesetz novellierte, bekam auch Bayern mehr Weinbaufläche zugeteilt. Christian Seyfried bewarb sich mit seinem Steilhang und bekam tatsächlich die Genehmigung, künftig Wein für die Kelter anzubauen zu dürfen.

Heuer im Frühjahr pflanzte er mit seiner Familie auf zwei Drittel seines Weinberges 700 junge Rebstöcke ein. „Das heißt, gepflanzt hat sie hauptsächlich meine Mutter, der mittlere meiner drei Söhne hat die Pflanzlöcher gebohrt und ich habe sie verfüllt und gewässert“, beschreibt Seyfried in knappen Worten die Arbeitsteilung. Als Unterlage dient ein reblausresistenter Amerikaner, darauf sitzt ein pilzresistenter Weißwein“, erklärt der Winzer.

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Was macht der Frost?

Die demnächst anstehende Arbeit in seinem Weinberg wird sein, die Netze gegen Wespen und Kirschessigfliege zu spannen. „Sonst bleibt hier kaum eine Traube heil“, weiß Seyfried aus Erfahrung. Seit 2014 habe er den neuen Fruchtschädling Kirschessigfliege am Hang. Der Schaden bleibe aber fast ausschließlich auf die dunklen Traubensorten beschränkt. „Helle Früchte sind kaum gefährdet“, erklärt Seyfried.

Was macht der Frost? Oben am Hang seien die frischen Triebe kaum betroffen von den späten Kälteeinbrüchen. „Es trifft vor allem die unteren Stöcke, die an jenen wenigen kalten Frühlingsmorgen in den Kaltluftsee eintauchen, der sich am Fuß des Hanges bildet“, berichtet der Haunswieser Winzer.

Erst vor Kurzem, Ende Juli, sei der Grünschnitt erfolgt. „Dabei lasse ich die Geiztriebe immer stehen, denn sie bringen noch Zucker, sprich Fotosynthese-Leistung in die Trauben. Jede von ihnen braucht circa 15 Blätter. Schnittziel ist immer eine hohe, lichte Laubwand“, fachsimpelt der Weinbauer. Im eigentlich erlernten Beruf vertreibt der gelernte Metzger Maschinen für sein Handwerk. Doch ganz offensichtlich kann er auch im Winzermetier mit Fachwissen glänzen. „Das meiste habe ich mir angelesen und vieles bei den letzten Winzern des Baierweines abgeschaut und erratscht.

Wein braucht Sonne

Einmal, so berichtet er, sei er an einem der wenigen Weingärten an der Donau entlang auf der Suche nach dessen Winzer gewesen. Er habe ihn auf Nachfrage auch tatsächlich gefunden. Nach zwei Stunden intensiven Fachgesprächs wollte ihm der Mann ein Buch mitgeben mit den Worten: „Das habe ich selber geschrieben.“ „Genau dieses Buch habe ich zu Hause“, lautete die Antwort Seyfrieds, der zufällig bei Theodor Häusler, dem Autor von „Der Baierwein“ gelandet war.

Wein braucht Sonne, liebt Wärme und laue Nächte. Die steilen Südhänge an der Mosel etwa garantieren diese Voraussetzungen auf ideale Weise. Hier kann die kalte Luft schnell über die glatte Wasserfläche abfließen. Doch auch Bayern war einst Weinland. Wohlgemerkt, noch bevor das Frankenland dazu gehörte.

An den nördlich der Donau aufragenden, nach Süden ausgerichteten Steilhängen von Kelheim bis Passau gedieh seit der Römerzeit bis ins 15. Jahrhundert guter und vor allem auch reichlich Wein – bis die kleine Eiszeit diese Einnahmequelle versiegen ließ. Theodor Häusler nennt den Tropfen aus diesen Regionen Baierwein.

Er ist selber einer der verbliebenen Weinbauern dieser Region und hat über seine Leidenschaft das Buch „Der Baierwein“ verfasst, in dem er den Werdegang, die Anbaumethoden und Gerätschaften, die sich wandelnden Herrschaftsverhältnisse und vor allem auch die damals produzierten Mengen aufgelistet hat.

Wo der Essig wächst

Das Kloster Prüfening bei Regensburg bezog im 14. Jahrhundert zeitweise 60 Prozent seiner Einnahmen aus dem Weinverkauf. „So schlecht kann der Baierwein damals nicht gewesen sein“, folgert Häusler, „denn immerhin bezog das Kloster Scheyern noch im Jahr 1454 insgesamt rund 7000 Liter Baierwein, obwohl es doch selbst Weinberge im Isartal und sogar in Südtirol besaß.“ Bei der Aufhebung des Klosters Prüfening im Rahmen der Säkularisation (1806) war keine Rede mehr von Weinbergen.

Der Klimawandel ließ diese Form des Landbaus kaum mehr zu. Bayern war zum Bier(trinker)land geworden. Wer hier dennoch unverdrossen Wein anbaute, forderte die Spötter heraus: Baierwein sei ein Dreimännerwein, hieß es. Wenn da ein Mann einen Schluck dieses säurebetonten Stoffes zu sich nehme, schüttele es ihn dermaßen, dass ihn zwei weitere Männer festhalten müssten. „O glückliches Land, wo der Essig, den man anderswo mit großer Mühe bereiten muss, von selbst wächst“, höhnte Freiherr Wigulaeus von Kreittmayr.

Nun, die klimatische Situation hat sich seit den katastrophalen Hungerjahren um die Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidend gewandelt. Ein untrügliches Indiz: So früh wie heuer hat die Weinlese in Deutschland noch nie begonnen. Die Jahre mit den höchsten Durchschnittstemperaturen finden sich im Rückblick der Statistiker alle in den letzten beiden Dekaden. Die Zeit, in der über den Baierwein derbe Witze gerissen werden, scheint für lange Zeit vorbei zu sein.

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