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Todtenweis

09.09.2019

Der alte Konfliktherd namens Lechauwald sorgt erneut für Zwist

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Ortstermin im Lechauwald: (von links) Bürgermeister Konrad Carl, Förster Rolf Banholzer und Ralph Gang begutachten den vom letzten Fällvorgang noch liegen gebliebenen Reisighaufen.
Bild: Martin Golling

Im Naturschutzgebiet bei Todtenweis prallen ganz unterschiedliche Interessengruppen aufeinander. Für den größten Zwist sorgen Fichten und Zäune.

Wenn Konrad Carl die Lechauwald-Fraktionen aufzählt, dann reicht eine Hand eigentlich nicht aus: Die Jäger, die Naturschützer, die Landwirte und die Förster. Dazu kommen die Holzrechtler und andere Gemeindebürger, die Brennholz brauchen und natürlich Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker, Badegäste an den vielen Baggerseen und andere Freizeit-Aktivisten. Sie alle nutzen das Naturschutzgebiet am Lech. Das sorgt für verschiedene Konflikte – und mitten drin steckt der Todtenweiser Bürgermeister Konrad Carl: „Ich bekomme die Knüppel von allen Seiten drauf.“

Was die verschiedenen Zielgruppen gegeneinander aufbringt

Die Landwirte klagen über Wildschäden durch die vielen Wildschweine. Die Jäger können nicht schießen, weil „Zweirädrige“ und Waldläufer mit Stirnlampen bei Anbruch der Dunkelheit durchs Gelände radeln und hasten. Die Biberpopulation ist explodiert und beißt und schält sich nicht nur durch Bäume und Rinde, sondern lässt sich auch die Feldfrüchte schmecken. Die Naturschützer liegen im Clinch mit den Jägern, die Förster klagen über den Wildverbiss, Gemeindebürger pochen auf Brennholz für den Winter und der Borkenkäfer macht keinen Bogen um den Wald. Ganz im Gegenteil: Fast nirgendwo in der Region haben es die Schädlinge so leicht wie hier auf den kiesigen Standorten im Lechfeld. Die Fichten im Lechauwald werden unweigerliches Opfer des spürbaren Klimawandels, da sind sich zumindest die Fachleute aus dem Forst einig.

Vor der Kommunalwahl schwappt das Thema Lechauwald erneut hoch

Ein Teil der Ortsansässigen sieht das aber anders. Und spätestens dann, wenn es auf eine Kommunalwahl zugeht, kommt in Todtenweis das Thema aufs Tableau. Diese Erfahrung machte schon Altbürgermeister Josef Kodmeir. Auch derzeit – ein gutes halbes Jahr vor dem Urnengang – schwappt es hoch. Im Mittelpunkt stehen dabei die Nadelbäume: Für die Forstverwaltung ist absehbar, dass die letzten Fichten in diesem Bereich die hohen Temperaturen der vergangenen Jahre und vor allem die der vergangenen Wochen nicht überleben werden. Das machte jetzt Ralph Gang vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Augsburg bei einem Ortstermin deutlich. Einer um den anderen der stolzen und mächtigen Bäume mit ihrem zum Teil extra sperrigen Geäst lässt seine Nadeln fallen.

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Am Bürgermeister und am Staatsförster gibt es Kritik

Kritiker, vor allem aus der Jagdgenossenschaft, werfen Bürgermeister Carl und dem zuständigen Staatsförster Rolf Banholzer falsches Agieren vor (wir berichteten). Die kranken Bäume seien zu zögerlich entfernt worden. Der Borkenkäfer habe sich deshalb ausbreiten können und jetzt sei der Schaden da. Im Auwald versichert Banholzers Vorgesetzter Ralph Gang beim Blick in die Kronen der Schwemmfichten: „Das sind ursprünglich Trockenschäden. Der Käfer hat bei derart geschwächten Fichten leichtes Spiel.“ Er zeigt auf eine typische Erscheinung: Eine Fichte ist in vollem Saft. Von den Ästen leuchtet es in gesundem Grün. Oben jedoch ist der Gipfel auf drei Metern Länge schon eine Zeitlang abgestorben. Das sei ein klassischer Trockenschaden. Der Baum ist also kein Opfer des Borkenkäfers – noch ist er nicht einmal befallen.

Runder Tisch zwischen allen Beteiligten

Für Konrad Carl bedeutet das Sterben der Schwemmfichten, beinahe täglich den Spagat zu üben zwischen den Forderungen aus der Jagdgenossenschaft und denen des Forstes, zwischen berechtigten Anliegen der Landwirtschaft und denen der Erholungssuchenden. Bei einem runden Tisch aller Beteiligten seien die Themen angesprochen worden, berichtet Carl. Ergebnis? Es habe sich was bewegt, aber es sei auch kein „Befreiungsschlag“ gewesen, so der Rathauschef.

Ein massiver, 170 Zentimeter hoher Zaun, an dessen Fuß 30 Zentimeter Drahtgeflecht mit Holz-Heringen auf den Boden gespannt sind, soll die Anpflanzungen nun besser schützen.
Bild: Martin Golling

Zaun am Waldrand sorgt seit Jahren für Zwist

Schon gar nicht für den Dauerkonflikt zwischen Naturschutz und Jagd im Lechauwald und den unterschiedlichen Standpunkten zum Thema Wildverbiss zwischen Forst und Jägerschaft. Zum einen werfen die Naturschützer den Grünröcken vor, mehrere TonnenMais in einem Naturschutzgebiet zu verfüttern. Zum anderen gibt’s seit Jahren einen Zwist um einen rund vier Kilometer langen, dreifach elektrisch gesicherten Zaun am Waldrand. Durch das flächendeckende Einsperren der Wildschwein- und der Rehwildpopulation liege der Verbiss der Jungpflanzen extrem hoch, sagen die Forstverantwortlichen. Zum wiederholten Mal tauche der Lechauwald als „Rotes Revier“ im Verbissgutachten auf. Rolf Banholzer musste seine jüngsten Aufforstungen dort deshalb durch massive Zäune schützen, die sowohl Schwarzwild als auch Rehwild abzuwehren imstande sind. „Ich werde mir künftig alle zusätzlichen Kosten, die dem Steuerzahler durch die nicht tragbare Verbiss-Situation entstehen, aufschreiben“, kündigt der Förster an.

Ralph Gang kommt auf die Vorwürfe aus der Jagdgenossenschaft zurück und empfiehlt Bürgermeister Carl: „Sollten wieder einmal welche im Raum stehen, dann geben Sie diese weiter an die Fachstellen.“ Carl und Banholzer wollen künftig sogenannte Weiserzäune errichten und die darin aufwachsende Vegetation mit jener im unmittelbaren Umfeld vergleichen.

Warum der umstrittene Zaun aufgestellt wurde

Der Wildschutzzaun steht seit sieben Jahren entlang der Lechauen. Aber nur im Zeitraum von der Maisaussaat bis zur Maisernte, also etwa von April bis Ende September. Das Gelände ist also auf drei Seiten frei. Aufgestellt wurde der Zaun von der Jagdgenossenschaft, um das Schwarzwild davon abzuhalten, in angrenzenden Äckern Schaden anzurichten. Der Bund Naturschutz (BN), der das Naturschutzgebiet pflegt, fürchtet dagegen um den dortigen Bestand an geschützten Pflanzen. Denn Wildschweine würden diese jetzt fressen.

Untere Naturschutzbehörde hält Zaun für „nicht zulässig“

Sachgebietsleiter Wolfgang Grinzinger von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt in Aichach ist seit Jahren mit dem Konflikt befasst und hält den Zaun rechtlich „für nicht zulässig“. Die Behörde dulde ihn aber in ihrem Ermessensspielraum. Im Hintergrund steht ein mehrjähriger Streit vor den Verwaltungsgerichten um einen Wildschutzzaun bei Oettingen im Landkreis Donau-Ries. Dort musste die Fürst zu Oettingen-Spielberg’sche Verwaltung ihren Zaun 2017 nach einer Klage eines Naturschutz-Mitglieds abbauen. Der Verwaltungsgerichtshof bestätigte in zweiter Instanz das Urteil des Augsburger Verwaltungsgerichts. Begründung: Der Zaun, der auch dort Schäden durch Wildsauen verhindern sollte, verstoße gegen das in der Bayerischen Verfassung verbriefte Grundrecht auf freien Zugang zur Natur. Grinzinger kennt natürlich das Urteil: Der Zaun am Lechauwald sei aber nicht so massiv, sperre nicht alle vier Seiten eines Areals, sondern nur eine Seite ab und werde nur temporär aufgestellt. Deshalb ist für ihn der „Rechtsfrieden nicht gefährdet“ und darum werde der Zaun von der Naturschutzbehörde geduldet. Grinzinger würde es aber deutlich besser finden, wenn Zäune um die Maisfelder herum und nicht am Waldrand stehen würden. In Norddeutschland ist das in vielen Gegenden mit hoher Wildschwein-Belastung üblich.

Trockenschaden: Diese noch vitale Fichte hat ihren Gipfel aufgeben müssen, weil sie ihn nicht mehr versorgen konnte.
Bild: Martin Golling

Brennholz einiger abgestorbener Fichten wird in Todtenweis vermarktet

Und was ist mit dem Konfliktherd Brennholz? Rolf Banholzer wird einige Stämme von abgestorbenen Fichten mit Nummern versehen. Deren Holz – geschätzte 100 Ster – soll transparent in Todtenweis vermarktet werden. Das sei nämlich ein vielfach geäußerter Wunsch, so der Bürgermeister. Der Verlosungstermin für das Brennholz soll rechtzeitig in Todtenweis bekannt gemacht werden, lautet die Einigung. Die danach kahlen Stellen wird Banholzer wiederaufforsten lassen müssen, denn so lautet die gesetzliche Vorgabe für den Bannwald. Die Pflanzen wird er teils mit Zäunen und teils durch Einzelschutz vor Verbiss schützen. Banholzer tendiert zur Elsbeere. Sie ist eine der klimatoleranten Baumarten. Ralph Gang plädiert sogar für die Wildbirne. Beide sind sich mit Bürgermeister Carl einig: Der Lechauwald der Zukunft wird ohnehin ein ganz anderes Gesicht haben – ohne die mächtige Schwemmfichte. Ob dann zumindest einer der Konfliktherde des Naturschutzgebietes gelöscht ist, ist die andere Frage. (mit mgw)

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