1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Der bayerische Löwe ist ein Pfälzer

Geschichte

17.09.2013

Der bayerische Löwe ist ein Pfälzer

Copy%20of%20schwetzingen.tif
3 Bilder
Das Schwetzinger Schloss mit seinem Barockgarten war nur die Sommerresidenz des Kurfürsten Carl Theodor. Kein Wunder, dass er ungern nach München umzog und Bayern lieber gegen die Niederlande eingetauscht hätte, um in der Pfalz bleiben zu können.
Bild: Uwe Anspach/dpa

Kommunalpolitiker aus dem Landkreis erleben an Neckar und Rhein die Wittelsbacher aus einem ganz anderen Blickwinkel. Und entdecken manches aus der Heimat.

Der Bayernherzog Franz, Erzbischof Robert Zollitsch, Staatsminister Bernd Neumann aus dem Bundeskanzleramt, Vertreter der Landesregierungen von Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg – und mitten drin eine Delegation aus dem Landkreis Aichach-Friedberg: Vor großem Publikum wurde bei einem Festakt in der Mannheimer Jesuitenkirche die Ausstellung „Die Wittelsbacher am Rhein. Die Kurpfalz und Europa“ eröffnet. Landrat Christian Knauer nahm die Schau zum Anlass für die diesjährige Informationsfahrt von Kreistag und Bürgermeistern aus dem Wittelsbacher Land.

2013/14 steht in der Metropolregion Rhein-Neckar ganz im Zeichen der Wittelsbacher. Über 40 Städte und Gemeinden aus drei Bundesländern, deren Geschichte eng mit der des bayerischen Adelsgeschlechts verbunden ist, feiern den 800. Jahrestag eines Ereignisses von europäischer Bedeutung. Der Staufer Friedrich II. verlieht 1214 der aufstrebenden Dynastie die Pfalzgrafschaft bei Rhein – und damit eine der höchsten Würden im Reich.

Zum Jubiläum sollen Burgen, Klöster, Schlösser und Städte diese Geschichte erlebbar machen. Allein zur Wittelsbacher–Schau in Mannheim, die mit einem Etat von 2,5 Millionen Euro auf die Beine gestellt wurde, werden bis März rund 250000 Besucher erwartet. „Das Ausstellungsereignis im deutschen Südwesten“, schwärmte der Mannheimer OB Peter Kurz bei der Eröffnung. Sogar dass die Farben Weiß und Blau nicht immer nur mit Bayern, sondern endlich auch einmal mit dem Dreiländereck zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz in Verbindung gebracht würden, wünschten sich die Festredner in der Jesuitenkirche.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Bei so viel Begeisterung sah sich Landrat Knauer immer wieder veranlasst, auf den wahren Ursprung der Wittelsbacher hinzuweisen. Der liegt nämlich nicht etwa an Neckar und Rhein, wie es das Wittelsbacher-Fieber der Pfälzer vermuten lässt. Die Familie stammt ursprünglich aus Scheyern und verlegte um 1120 ihren Sitz auf die Burg in Oberwittelsbach. Und auch wenn dies im zweibändigen Ausstellungskatalog irrtümlich nach „Oberschwaben“ verortet wird, so ist und bleibt es doch ein Stadtteil von Aichach. Und auch die spätere Kaiserin Sisi – aber die erwähnte der Landrat auf dieser Fahrt nur ein einziges Mal.

Bereits 1208, nach der Ermordung König Philipps von Schwaben durch Otto VIII. von Wittelsbach, wurde die Burg geschleift und in der Folge als Steinbruch benutzt. Heute weist aus dieser Zeit nur noch ein Graben, der die Vorburg von der Hauptburg trennte, auf die Anlage hin. Zum Wittelsbacherjahr 1980 fanden allerdings umfangreiche archäologische Grabungen statt, die heute noch Zeugnis vom höfischen Leben geben: Schmucknadeln, verzierte Kämme, Spielsteine aus Knochen und Türbeschläge mit Drachenmotiv stehen am Anfang der Ausstellung über die Wittelsbacher in der Pfalz, die angesichts ihres Umfangs auf zwei Standorte verteilt ist.

Die Schau im Mannheimer Zeughaus widmet sich der Epoche bis zum Ende des Mittelalters, im Mannheimer Barockschloss wird die Neuzeit bis zum Abschied der Pfälzer vom Rhein dargestellt. Mit dem Erlöschen der bayerischen Linie fiel das ungeteilte Erbe im Jahr 1777 an den Pfälzer Carl Theodor, der damit seine Residenz nach München verlegen musste und einen Grundstein legte für den Mythos Bayern.

600 Jahre treten hinter 100 Jahren zurück

Die Kurpfalz hatten die Wittelsbacher da aber schon längst zu einer Macht geformt, die über 600 Jahre hinweg politisch und kulturell auf der großen europäischen Bühne mitspielte. In der heutigen Wahrnehmung tritt dies jedoch hinter dem einen Jahrhundert zurück, während dem die Wittelsbacher Bayern als Könige regierten. „Angesichts der weltweiten Berühmtheit der bayerischen Königsschlösser gerät manchmal fast in Vergessenheit, wie weit unsere Geschichte in der Rhein-Neckar-Region zurückreicht“, stellt Herzog Franz, der Chef des Hauses Wittelsbach, fest. Immerhin war die Pfalz seinerzeit ein Landstrich der Superlative: der mächtigste romanische Dom der Welt in Speyer, die größte barocke Schlossanlage Europas in Mannheim, die 72 Hektar umfassende Sommerresidenz in Schwetzingen mit ihren Gärten, die noch heute rund 750000 Besucher im Jahr anzieht. Kein Wunder, dass Carl Theodor zunächst versuchte, Bayern gegen die Niederlande zu tauschen – nur um in der Pfalz bleiben zu können.

Dennoch bereisten die Wittelsbacher später auch als bayerische Könige regelmäßig ihre Besitztümer in der Pfalz. Ludwig I. ließ am Fuß des Pfälzer Waldes bei Edenkoben die Villa Ludwigshöhe errichten. Die Bevölkerung bereitete ihrem Herrscherhaus noch immer begeisterte Empfänge, auch wenn die inzwischen im fernen München residierte: „Der Bürgermeister in Begleitung der königlichen Forstbeamten und der berittenen Landesgendarmerie verfügen sich an die Grenzen des Stadtbannes, um die Allerhöchste Person daselbst im Namen der Einwohnerschaft zu empfangen und die Gnade zu erbitten, Allerhöchstdieselbe nach der Stadt begleiten zu dürfen“, heißt es in einer Verordnung aus dem Jahr 1829, in der die Begrüßung der Majestäten geregelt wurde.

Die von der italienischen Renaissance inspirierte Villa Ludwigshöhe bietet einen weiten Blick über die Weinberge hinweg in die Rheinebene. Den können die Besucher auch heute noch genießen, am besten bei einem Glas Sekt, den das vielfach ausgezeichnete Weingut Wilhelmshof aus Siebeldingen aus der Weißburgundertraube keltert und den Schloss-Caterer Holger Blank auf der Terrasse der Villa serviert.

Allerdings – das nahe Hambacher Schloss zeugt von den Umwälzungen des 19. Jahrhunderts. Als Ludwig I. die Sommerresidenz 1852 erstmals bezog, war er schon kein König mehr. Vier Jahre zuvor hatte er auf den Thron verzichtet, weil der Unmut des Volkes über seine restriktive Politik und die persönlichen Eskapaden immer stärker geworden war. Bis hin zu Prinzregent Rupprecht, der 1939 vor den Nazis ins Exil nach Italien flüchtete, wurde die Villa Ludwigshöhe aber regelmäßig von den Wittelsbachern bewohnt. Die herrschaftliche Küche aus dem Jahr 1852 ist noch immer voll einsatzbereit.

Auch die Besucher aus dem Landkreis Aichach-Friedberg fühlten sich in der Pfalz herzlich willkommen, egal ob bei einer kulinarischen Stadtführung durch Speyer, bei einer Weinprobe in Deidesheim oder beim Speyrer Altstadtfest, die auf dem Programm der Reisegruppe standen. Landrat Christian Knauer freute sich über ein Wiedersehen mit seinem Kollegen Clemens Körner aus dem Rhein-Pfalz-Kreis, den er schon vor einiger Zeit bei einer Landrätetagung in Rottach-Egern kennengelernt hatte und der die Gruppe aus dem Wittelsbacher Land gemeinsam mit Oberbürgermeister Hansjörg Eger im historischen Ratssaal von Speyer empfing.

Die Pfälzer seien angesichts ihres Wittelsbacher Erbes „die richtigen Bayern“, reklamierten die Hausherren dabei. Die erlebte Gastfreundschaft auf dieser Reise, für deren Kosten die Kommunalpolitiker übrigens selbst aufkommen, ließen darüber großzügig hinwegsehen. Manches kann man ja auch nicht bestreiten: Sogar der bayerische Löwe, stolzes Sinnbild von Macht und Kraft des Freistaats, ist in Wirklichkeit ein Zugereister. Agnes von der Pfalz brachte ihn im 13. Jahrhundert als Wappentier mit in die Ehe mit Herzog Otto II.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren