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Aichach

16.01.2021

"Die Bestie von Buchenwald" saß im Aichacher Gefängnis

Ilse Koch, die „Bestie von Buchenwald“, musste sich dreimal vor Gericht verantworten. Der letzte Prozess fand vor dem Landgericht Augsburg im großen Saal des Kolpinghauses statt.
Foto: Walter Sanders/The LIFE Picture Collection via Getty Images

Plus Ilse Koch, die "Bestie von Buchenwald“, stand in Augsburg vor Gericht. Das Urteil: lebenslänglich. Bis zu ihrem Suizid 1967 saß sie im Aichacher Gefängnis.

Wollte man eine Liste der prominentesten Insassen des Aichacher Gefängnisse aufstellen, würde Ilse Koch diese wohl anführen. Sie hatte nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald weltweites Aufsehen erregt. Als die schreckliche Wahrheit über das Geschehen in den KZ der Nationalsozialisten ans Licht kam, wurde ihr Name zu einem Synonym für die Brutalität und die Menschenverachtung des Hitlerregimes. Politmagazine, Zeitungen und Zeitschriften rund um den Globus berichteten über „die Kommandeuse“, die Frau des Lagerkommandanten, „die hoch zu Ross durch das Lager ritt, um tätowierte Männer in den Tod zu treiben, so dass deren Haut für Lampenschirme verwendet werden konnte“.

In den Nachkriegsjahrzehnten machten vor allem die Reportagen von Radiosendern und die Wochenschau, die vor dem Hauptfilm in den Kinos gezeigt wurde, Ilse Koch in ganz Deutschland bekannt. Ihr Leben wurde in etlichen Filmen, Theaterstücken und Büchern beleuchtet. Bemerkenswert ist, dass Ilse Koch sich vor der Justiz von drei Staaten verantworten musste. Nach einem ersten Prozess, noch in der NS-Zeit, befassten sich die amerikanische Militärgerichtsbarkeit und zuletzt das Landgericht Augsburg mit ihren verbrecherischen Taten.

Ilse koch führte ein luxuriöses Leben in der Villa "Buchenwald"

Ilse Koch wurde am 22. September 1906 in Dresden geboren. Sie arbeitete zunächst als Sekretärin. Bereits im April 1932 trat sie der NSDAP bei. Im Frühjahr 1934 lernte sie den SS-Mann Karl Otto Koch kennen, den sie im Alter von 30 Jahren im Mai 1937 heiratete. Nach der Hochzeit zog das Paar auf das Areal des KZ Buchenwald bei Weimar. Hier brachte Koch drei Kinder zur Welt. Während das Paar vor der Berufung Karl Otto Kochs zum Lagerkommandanten in eher bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte, führte es in der „Villa Buchenwald“ im SS-Führerquartier des KZ, ein luxuriöses Leben. Dieses gründete sich auf der Ausbeutung der Häftlinge als Sklavenarbeiter sowie Unterschlagung von Bargeld und Wertsachen der Lagerinsassen.

Das selbstherrliche Verhalten von Karl und Ilse Koch rief die NS-Justiz auf den Plan. Im August 1943 wurden Karl Otto Koch und wenig später auch Ilse wegen Korruption und dreifachen Mordes festgenommen. Ilse Koch wurde jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ihr Mann und andere SS-Funktionäre des Lagers wurden wegen Hehlerei, Wehrkraftzersetzung und Mordes verurteilt und hingerichtet.

Die US-Armee verhaftet Koch als mutmaßliche Kriegsverbrecherin

Im Juni 1945 wurde Ilse Koch in Ludwigsburg von der US-Armee als mutmaßliche Kriegsverbrecherin verhaftet. Während des Dachauer Buchenwald-Prozesses im Juli 1947 bestritt Koch, in irgendeiner Weise an Misshandlungen und dem Mord an Lagerinsassen beteiligt gewesen zu sein. Ebenso leugnete sie, vom Hunger- und Schwächetod zahlreicher Insassen gewusst zu haben. Das Gericht sah ihr Mitwissen und ihre zumindest indirekte Beteiligung an der Ausbeutung und Ermordung der Insassen jedoch als erwiesen an. Im August 1947 wurde sie, die einzige weibliche Angeklagte im Buchenwald-Hauptprozess, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die zynische und menschenverachtende Inschrift "Jedem das Seine" steht am Tor zum KZ Buchenwald.
Foto:  Martin Schutt, dpa (Archivbild)

Anschauliche Berichte über die Abläufe im KZ Buchenwald mit vielen Zeugenaussagen von Lagerinsassen sind im Buch „Die Bestie von Buchenwald“ von Pierre Durand zu lesen. Der Autor war selbst mit 18 Jahren wegen seiner Aktivität im französischen Widerstandskampf nach Buchenwald deportiert worden. Bereits einige wenige Beispiele aus dem Buch geben einen Eindruck von den menschenverachtenden Verbrechen der Ilse Koch: „Einer der Zeugen beim Augsburger Prozess sorgte für einen aufsehenerregenden Zwischenfall im Gerichtssaal. Er bat den Vorsitzenden um die Erlaubnis, der Angeklagten 13 Zähne auszuschlagen, ebenso viele, wie er unter ihren Reitpeitschenschlägen verloren hatte, als er den Zebraanzug der politischen Häftlinge trug.“

Zeugen berichten von Kochs Grausamkeit

Koch interessierte sich laut Durand eingehend für das Geschehen hinter dem Stacheldraht. In mindestens zwei Fällen, im Juni und in der Weihnachtszeit 1938, bestand Koch demnach darauf, beim Erhängen zweier Häftlinge zuzusehen, die bei einem Fluchtversuch einen SS-Mann getötet hatten. Häufig sei Koch im äußeren Lagerbereich am Weg gestanden, den die zur Arbeit ausrückenden Kommandos passierten. Die Häftlinge mussten in perfekt ausgerichteten Fünferreihen im Gleichschritt marschieren. Wenn jemand ins Wanken geriet, habe sie ihn bei den SS-Bewachern denunziert. Das habe sie auch bei Gefangenen getan, die mit einem schweren Stein auf der Schulter vom Steinbruch zurückkehrten, wenn sie meinte, die Last sei zu leicht. In beiden Fällen wurden die Schuldigen auf der Stelle barbarisch misshandelt, oder sie bekamen nach dem Abendappell 25 Stockhiebe auf das Gesäß. Zahlreiche Häftlinge haben laut Durand gesehen, wie „die Kommandeuse“ Häftlingen, die, ihrer Ansicht nach, zu kleine Steine trugen, mit ihrer Reitpeitsche ins Gesicht schlug. Zeuge Curt K. habe berichtet, wie Koch ihren Hund auf den Häftling Alfred W. hetzte und das Opfer obendrein mit 25 Stockhieben traktieren ließ, heißt es in dem Buch.

Aus dem Kriegsverbrechergefängnis nach Aichach

Bereits im Oktober 1948 hatte die amerikanische Besatzungsbehörde die bayerische Staatsregierung beauftragt, auch die von Koch begangenen Straftaten an deutschen Staatsbürgern in einem weiteren Strafverfahren zu verfolgen. Unmittelbar nach ihrer Entlassung aus dem amerikanischen Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg wurde Koch daher in deutsche Untersuchungshaft genommen.

Anfang Oktober 1949 wurde in Aichach bekannt, dass Ilse Koch in Kürze in die Paarstadt kommen werde. Am Montag, 17. Oktober, 1949 war es so weit. Koch wurde um 7 Uhr in Landsberg aus amerikanischer Haft entlassen, von zwei deutschen Polizeibeamten übernommen und in die Frauenstrafanstalt Aichach überführt. Am Bahnhof Aichach hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Man erwartete, dass die Kommandeuse mit einem der damals üblichen Sammeltransporte mit dem Mittagszug eintreffen würde. Koch war aber mit einem Auto bereits am Vormittag nach Aichach gebracht worden.

Pressevertreter warten vor dem Gefängnis

Im Gegensatz zur Bevölkerung konnten zahlreiche Pressevertreter und Bildberichterstatter, welche vor dem Gefängnis gewartet hatten, die Ankunft von Ilse Koch in Aichach beobachten. Koch jedoch war über so viel Interesse nicht erfreut, sondern überschüttete die Pressevertreter mit Schimpfworten. In der JVA wurde ihr dann der Haftbefehl bekannt gegeben. Sie protestierte, da sie nicht in einem Gefängnis für Untersuchungshäftlinge, sondern in der Strafanstalt Aichach untergebracht wurde. Ihr Anwalt drohte mit Verfassungsbeschwerde.

Das Luftbild zeigt das Aichacher Gefängnis in den 1950er-Jahren. Ilse Koch verbrachte dort ihre letzten Jahre.
Foto: Repro: Archiv Wolfgang Brandner

Das Untersuchungsverfahren leiteten Oberlandesgerichtsrat Jagomast und Oberstaatsanwalt Ilkow aus Bamberg, die beide selbst Opfer des Nationalsozialismus waren. Ein Auslieferungsverfahren der DDR, die Koch vor das für den Tatort zuständige Gericht in Weimar stellen wollte, lehnten die amerikanischen Behörden ab.

Die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Augsburg wurde am 27. November 1950 im großen Saal des Kolpinghauses in Augsburg von Vorsitzendem Richter Maginot eröffnet. Der erste Verhandlungstag und der Anfang des zweiten Tages dienten der Verlesung der 139 Seiten langen Anklageschrift und den Angaben zur Person der Angeklagten. Ilse Koch wurde täglich von Aichach nach Augsburg gefahren. Sie selbst war bis zum Ende des achten Verhandlungstages am 7. Dezember zugegen. Bis dahin wurden 46 Zeugen angehört. Am 8. Dezember weigerte sich Koch, sich vorführen zu lassen. Sie hatte in der Nacht die ganze Zelleneinrichtung demoliert. Man brachte sie deswegen in das Westkrankenhaus Augsburg. Die herangezogenen medizinischen Sachverständigen waren überzeugt, dass Ilse Koch den Umnachtungszustand simuliere. Das Gericht beschloss daher, die Hauptverhandlung in Abwesenheit der Angeklagten weiterzuführen.

In Augsburg werden 241 Zeugen gehört

Erst am 19. Verhandlungstag, 29. Dezember, erschien sie wieder vor Gericht und erklärte, wenn sie von Zeugen irgendwie belastet worden sei, hätten diese gelogen. An den folgenden Verhandlungstagen antwortete sie auf Fragen, leugnete jedoch weiter alles, was ihr vorgehalten wurde. Über Weihnachten und Neujahr trat sie in einen Hungerstreik. Am 11. Januar 1951 erschien sie nicht zur Verhandlung. Sie hatte nachts in ihrer Zelle wieder randaliert und mit Selbstmord gedroht. Die Ärzte werteten dies als vorsätzliche Zweckreaktion mit dem Ziel, den Prozess zu sabotieren. Die Verhandlung wurde in Abwesenheit der Angeklagten fortgesetzt. Am nächsten Tag kam sie wieder.

Insgesamt wurden 241 Zeugen geladen. Sie berichteten von schrecklichen Geschehnissen im Konzentrationslager Buchenwald. So schilderte der Zeuge Gossmann unter Tränen, dass Ilse Koch mit Freuden bei Misshandlungen zugesehen und oft selbst Anlass zu Bestrafungen gegeben habe. Einige Zeugen berichteten, dass Ilse Koch einen fürchterlichen Einfluss auf ihren Mann Karl gehabt habe. Ein weiterer Zeuge schilderte, dass Ilse Koch so zuschlagen habe können, dass sogar ein Zwei-Zentner-Mann auf den Hintern fiel. Die Entlastungszeugen waren alle SS-Leute. Bis auf einen leugneten alle in Bausch und Bogen. Die meisten wurden daher wegen Meineids angeklagt.

Staatsanwalt fordert Lebenslänglich, der Verteidiger Freispruch

An dem Tag, als Oberstaatsanwalt Ilkow als Vertreter der Anklage sein Plädoyer hielt, brach Ilse Koch erneut zusammen und drohte vom Stuhl zu fallen. Die Verhandlung wurde unterbrochen und die Angeklagte auf ihrem Stuhl von Polizeibeamten hinausgetragen. Während des Plädoyers hatten sich vor dem Gebäude ungefähr 250 Menschen versammelt. Sie trugen Plakate, auf denen die strengste Strafe für Ilse Koch verlangt wurde. „51.000 Buchenwaldtote fordern Gerechtigkeit“ und „Das Volk zahlt Millionen für den Prozess“ war zu lesen.

Der Oberstaatsanwalt beantragte lebenslängliches Zuchthaus. Koch sei dreier Verbrechen des vollendeten Mordes in Mittäterschaft sowie eines Verbrechens des versuchten Mordes in Mittäterschaft schuldig. Ebenso wurden ihr 16 Verbrechen der Anstiftung zum vollendeten Mord und drei Verbrechen der Anstiftung zum versuchten Mord angelastet. Pflichtverteidiger Alfred Seidl forderte Freispruch in allen Punkten. Koch sei die Frau, über die in den letzten Jahren in der ganzen Welt am meisten geredet und geschrieben worden sei. „Die Ilse Koch mit der Menschenhautlampe kannte jeder.“ Jetzt habe man aber den gesamten Tätowierungskomplex fallen lassen müssen, da kein Zeuge lückenlos bestätigen konnte, dass tatsächlich Häftlinge wegen ihrer Tätowierungen getötet worden seien. Ilse Koch verzichtete auf das letzte Wort.

Die höchstmögliche Strafe für Ilse Koch

Am Montag, 15. Januar 1951, wurde Ilse Koch der Anstiftung zu einem vollendeten und einem versuchten Mord, zu fünf gefährlichen und zwei anderen Körperverletzungen für schuldig befunden. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihr auf Lebenszeit abgesprochen. Vor dem Kolpinghaus musste die Polizei erneut eine große Menschenansammlung zerstreuen. Ilse Koch hatte die – nach Abschaffung der Todesstrafe in der Bundesrepublik – höchstmögliche Strafe erhalten. Sie selbst war bei der Urteilsverkündigung im überfüllten Kolpinghaussaal nicht anwesend. Sie hatte sich am Morgen krankgemeldet.

In der Urteilsbegründung stellte der Vorsitzende Richter Maginot nochmals heraus, dass im Lager Buchenwald 230.000 Häftlinge interniert gewesen seien, von denen 33.000 den Tod fanden. Die Mordlust habe sich dort unter der Führung des Lagerkommandanten Karl Koch ungehindert austoben können. Seine Frau Ilse Koch habe dank ihrer Gefühlskälte auf die Lagergeschehnisse großen Einfluss gehabt. Die Angeklagte habe außerdem durch ihr hartnäckiges Leugnen gezeigt, dass sie nicht die geringste Reue empfinde.

Kein Erfolg für Revision und Gnadengesuche

Koch war die einzige Frau, gegen die in der Bundesrepublik im Zusammenhang mit NS-Verbrechen eine lebenslange Haftstrafe verhängt wurde. Bis zur Justizreform 1970 war das Zuchthaus eine Strafanstalt für Gefangene, die wegen schwerer Verbrechen inhaftiert waren. Für sie galten verschärfte Haft- und Sicherheitsbedingungen. Die von Kochs Verteidiger gegen das Urteil eingelegte Revision wurde vor dem Bundesgerichtshof verworfen.

Am Samstag, 2. September 1967, wurde Ilse Koch beim allgemeinen Wecken tot in ihrer Zelle aufgefunden. Sie hatte sich aus ihrem Bettlaken eine Schlinge geknüpft. Nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung musste ihr Tod bereits am Freitag, 1. September, gegen 20 Uhr eingetreten sein. Noch am Tage zuvor hatte sie ein völlig normales Gefangenendasein geführt. Jedoch beurteilte die 61-Jährige ihre Lage wohl als aussichtslos, da ihre Gnadengesuche an das bayerische Justizministerium und die Menschenrechtskommission des Europarats immer wieder abgelehnt worden waren. Koch hatte in ihren letzten Jahren wiederholt unter Depressionen gelitten. Mehrere Monate ihrer Haft verbrachte sie deshalb in der Nervenklinik Haar.

Bestattung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Am Mittwoch, 5. September 1967, wurde Koch auf dem Friedhof Aichach unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestattet. Lediglich ihr 19-jähriger Sohn Uwe und die beiden Seelsorger des Gefängnisses, der katholische Pfarrer Gundlach und sein evangelischer Kollege Nauschütz, waren dabei anwesend.

Die schrecklichen Ereignisse des Nationalsozialismus sind mit der langjährigen Inhaftierung der Täterin Ilse Koch im Aichacher Gefängnis für immer auch ein Teil der Geschichte der Stadt Aichach. Wer im Internet „Ilse Koch Buchenwald“ eingibt, findet mindestens 99.500 Einträge. Auch bei Youtube gibt es zahlreiche Treffer. Besonders anschaulich wird Kochs Biografie in dem 45-minütigen Dokumentarfilm „Ilse Koch – Die Hexe von Buchenwald“ des Mitteldeutschen Rundfunks aus dem Jahr 2012. Schauspielerin Muriel Baumeister verkörpert in dem Film, in dem in Minute 40 auch die JVA Aichach ins Bild kommt, Ilse Koch.

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