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Aichach-Friedberg

27.06.2019

Diese Mädels erobern die Männerwelt

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3 Bilder
Die Zerspanungsmechanikerin Lena Dempfle (links) und die Industriemechanikerin Anja Breitsameter fühlen sich wohl in ihren Männerberufen. Sie sind nicht die Einzigen.
Bild: Julia Kuen

Plus Frauen in Männerberufen sind immer noch eine Ausnahme. Doch es gibt sie. Fünf von ihnen erzählen, wie sie klarkommen und welche Tipps sie für andere haben.

Die Jagd nach einem Ausbildungsplatz im Herbst läuft auf Hochtouren. Die Bewerber haben die Qual der Wahl: In Deutschland werden knapp 500 verschiedene Ausbildungsberufe im Handwerk und in der Industrie angeboten. Die sogenannte Duale Ausbildung, in der ein Berufseinsteiger im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule unterrichtet wird, ist eine Besonderheit der deutschen Wirtschaft.

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Im Ausland wird das Modell geschätzt und zum Teil auch nachgeahmt. Die beiden Ausbildungsstätten garantieren eine fundierte Bildung der künftigen Fachkräfte. Auch die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind seit Jahren gut. In der jüngeren Vergangenheit gab es sogar mehr Lehrstellen als Bewerber. Trotz der guten Lage bleibt ein Umstand allerdings noch immer gleich: die klassische Geschlechterverteilung in den verschiedenen Lehrberufen.

Ein junger Mann, der eine Ausbildung zum Arzthelfer oder Florist beginnt, ist ebenso selten wie eine Berufsanfängerin auf einer Baustelle oder in einer Autowerkstatt. Fünf junge Frauen aus der Region trotzen verstaubten Klischees und erlernen klassische Männerberufe. Sie berichten von ihrem Berufsalltag, den Herausforderungen und dem Kampf gegen Vorurteile.

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Den Malerinnen und Lackiererinnen Sarah Jalowietzki (links) und Ramona Glas (rechts) gefällt an ihrem Beruf, dass sie kreativ arbeiten können.
Bild: Andreas Dengler

Ramona Glas, 18, Ausbildung zur Malerin und Lackiererin im Meisterbetrieb Dohl in Aindling, zweites Lehrjahr

„Ich wollte unbedingt ins Handwerk, dort gibt es immer Abwechslung. Jeder Tag ist ein bisschen anders. Dass ich auch kreativ arbeiten kann, gefällt mir an meiner Ausbildung besonders gut. Ich bin gerne kreativ und mag es, zu gestalten. Bevor ich mich für meine Lehre entschieden habe, habe ich viele Praktika gemacht. Ich war bei zwei Malerbetrieben, einem Hufschmied, in einer Schreinerei und in einer Schlosserei. Typische Frauenberufe haben mich nicht so gereizt. Wenn ich auf eine Baustelle komme, falle ich natürlich wegen meines Geschlechts auf. Vor allem Frauen sind immer interessiert daran, warum eine junge Frau Malerin wird. Da das Malen auch körperlich viel abverlangt, erlernen wohl eher weniger Frauen den Beruf.

Ich sehe mein Geschlecht aber nicht als Nachteil für den Beruf, außer vielleicht beim Auf- und Abbau der Gerüste. Aber wir helfen zusammen und dann klappt das auch. Meiner Erfahrung nach kann ich jedem nur raten, seine Wunschausbildung auszuprobieren. Dann sieht man, ob sie einem liegt oder eben nicht. Und Praktika sind natürlich für den Anfang auch immer eine gute Idee.“

Sarah Jalowietzki, 17, Ausbildung zur Malerin und Lackiererin im Meisterbetrieb Dohl in Aindling, erstes Lehrjahr

„In der achten Klasse wusste ich schon, dass ich eine Ausbildung zur Malerin und Lackiererin machen möchte. Noch während der Schulzeit habe ich in verschiedenen Handwerksberufen Praktika absolviert: Schreinerin, Köchin und Industriemechanikerin – ich habe mir alles mal angeschaut. Kunst und Werken waren in der Schule meine Lieblingsfächer. Meine Kollegin Ramona und ich sind die einzigen beiden Mädels im Betrieb. In meiner Bewerbungszeit hatte ich schon das Gefühl, in manchen Betrieben wegen meines Geschlechts abgelehnt zu werden. Die dachten sich wohl, das schaffe ich nicht. Aber wenn man zusammen mit anpackt, gibt es nichts, was ein Mädchen nicht auch machen kann.

Wenn ich mit Kunden in Kontakt komme, sind es vor allem Frauen, die mein Geschlecht wahrnehmen und mich darauf ansprechen. Viele haben großes Interesse an meiner Berufswahl und meiner Arbeit. Vor allem, wenn Ramona mit dabei ist. Mein Tipp an alle Berufseinsteiger: Lasst euch nicht reinreden und erlernt genau den Beruf, den ihr für richtig findet.“

Kaminkehrerin Lisa Lenz war klar, dass sie nicht ins Büro wollte.
Bild: Beate Lenz

Lisa Lenz, 18, Ausbildung zur Kaminkehrerin bei dem Bezirksschornsteinfeger Rainer Schmid in Friedberg, zweites Lehrjahr.

„Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht ins Büro will. Mein Onkel ist Kaminkehrmeister, und durch ihn bin ich auf den Beruf gekommen. Die Abwechslung, die Bewegung und der Kontakt mit den Menschen waren die Gründe für meine Berufswahl. Um mir ganz sicher zu sein, habe ich vor der Ausbildung zwei Praktika gemacht. Mein Geschlecht ist im Berufsalltag kein Problem. Vielleicht nur, wenn ich die große Leiter tragen muss. Da denke ich mir schon manchmal: Jetzt wäre etwas mehr Kraft nicht schlecht. Aber ich bin nicht alleine unterwegs und wir Arbeitskollegen helfen uns gegenseitig. Dass weniger Mädchen Kaminkehrerinnen werden, liegt wohl daran, dass viele den Ausbildungsberuf gar nicht kennen. Und auch der Schmutz schreckt ab.

Jeden Tag zu duschen, ist Pflicht. In meinem Ausbildungsbetrieb bin ich die einzige Frau und in der Berufsschule sind knapp zehn Prozent Mädchen. Die meisten Leute zollen mir Respekt, wenn ich ihnen sage, dass ich Kaminkehrerin werde. Ich kann jedem nur raten: Nicht entmutigen lassen und den Beruf erlernen, den ihr machen wollt.“

Anja Breitsameter, 19, Ausbildung zur Industriemechanikerin bei Haimer in Hollenbach, drittes Lehrjahr

„Nach meinem Praktikum bei Haimer war mir klar, dass ich Industriemechanikerin werden möchte. Ich denke, dass das Interesse bei Frauen an dem Beruf weniger groß ist, weil sich nicht jede Frau eine solche körperliche Arbeit zutraut. Viele wären bestimmt gut, schrecken aber davor zurück, in eine Männerwelt einzutauchen. Bei Haimer ist das kein Problem, weil schon fast überall Frauen mit im Team sind. Allein in meinem Ausbildungsjahrgang sind unter den gewerblichen Azubis drei Mädchen und sechs Jungs. In der Berufsschule sind wir insgesamt vier junge Frauen in der Klasse.

Ich finde es wichtig, dass man Mädchen eine Chance gibt und sie ermutigt, sich auch in Männerberufen umzuschauen. So können sie entdecken, dass sie ebenso für technische Berufe geeignet sind. In Zukunft möchte ich auf jeden Fall in dem Beruf arbeiten, mich fortbilden und mehr Verantwortung übernehmen. Allen jungen Mädchen rate ich: Macht ein Praktikum, nutzt den Girls Day und schaut euch die Ausbildung an. Und sprecht mit ausgelernten Frauen über den Berufsalltag.“

Lena Dempfle, 21, Ausbildung zur Zerspanungsmechanikerin bei Haimer in Hollenbach, drittes Lehrjahr

„Als ich meinen ersten Ausbildungsberuf gewählt habe, hatte ich nur sogenannte Frauenberufe im Blick. Das war ein Fehler. Erst später habe ich herausgefunden, was besser zu mir passt. Vor meiner Ausbildung zur Zerspanungsmechanikerin habe ich eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht. Das hat mir aber auf Dauer nicht so gut gefallen. Da mein Vater Industriemechaniker ist und er mich am Wochenende manchmal mit zur Arbeit nahm, habe ich mich für einen technischen Beruf entschieden.

Mein Geschlecht war in der Bewerbungsphase kein Problem. Ich erinnere mich aber, dass es bei einem Unternehmen das Problem gab, dass es dort keine Toiletten und Umkleiden für Frauen gab. Ich finde, dass es junge Männer auch schwer haben, wenn sie sich für einen Frauenberuf entscheiden. Ich kenne das noch von meiner früheren Lehre zur Zahnarzthelferin. Da hatte ich einen männlichen Kollegen, der gegen Vorurteile ankämpfen musste. Wenn man sich für einen Beruf entscheidet und ihn unbedingt lernen möchte, sollte man die Ausbildung einfach durchziehen und sich auf keinen Fall davon abbringen lassen.“

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