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Tiergeschichten

23.10.2019

Dieses Reh überlebt in einem Ruppertszeller Garten

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4 Bilder
Den Mais erst einmal beschnuppern, dann kosten: Rehdame Finja ist Feinschmeckerin.
Bild: Anna Schmid

Plus Die Mutter wird bei der Mahd schwer verletzt, der Jäger muss sie erschießen. Bei ihrem Kitz bringt er das nicht übers Herz. Die Wagners in Ruppertszell helfen.

Zögerlich stakst sie durch das Gras. Sie dreht ihre Ohren nach vorne und senkt den Kopf. Von unten aus betrachtet sie die Neuankömmlinge. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: ein Reh in einem Garten. Äußerlich ähnelt der Garten von Nageldesignerin Claudia Wagner in Ruppertszell bei Schiltberg vielen anderen. Ein hoher Holzstoß, Rasen, dekorative Felsen, umrandet von einer Hecke. Doch auf einem kleinen Pfad, der sich den Abhang hinunter zieht, steht eben eine Rehdame. Sie heißt Finja und blinzelt mit tiefschwarzen Augen.

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Das Kitz liegt neben der schwer verletzten Mutter im Gras

Claudia Wagner lockt das Tier mit frischen Himbeerzweigen. „Finja Findelkind“, erklärt sie den Namen des Tieres, das Blätter von den Zweigen zupft. Ihr Vater Johann Wagner kommt durch das Gartentor mit einer Schüssel Körnern, Mais und Rüben. Er nennt das Reh Bambi. Bambi, Finja, Findelkind – ihre Namen geben bereits einen Einblick in ihre Geschichte. Sie beginnt mit einem traurigen Ereignis. Im Mai vergangenen Jahres meldete sich der Jagdpächter der Gegend bei Johann Wagner. Ein Reh war beim Wiesen-Mähen schwer verletzt worden, neben ihm: ein Kitz im Gras.

Johann Wagner aus Ruppertszell durchsucht Wiesen vor der Mahd

Johann Wagner besitzt ein Wildgehege und sucht schon seit Jahren vor einer Mahd Wiesen nach Kitzen ab. „Einmal haben wir 13 Kitze aus einer Wiese raus“, erzählt der Rentner. Sein Engagement war dem Jäger bekannt. Die sterbende Mutter musste er erschießen. „Bei dem Kitz brachte er es allerdings nicht übers Herz“, erzählt Claudia Wagner. Es war zu dem Zeitpunkt sehr jung, wahrscheinlich erst einen Tag alt. Das könnte den Tod der Mutter erklären: Vielleicht war sie durch die Geburt so geschwächt, dass sie nicht vor dem Mähwerk floh. Der Jäger übergab das winzige, etwa ein Kilogramm schwere Kitz an Wagner. Mit seiner Tochter Claudia päppelte er das Tier auf. Über vier Wochen hinweg brauchte es alle zwei Stunden Milch. Diese rührten sie aus Lammmilch-Pulver an, das für Rehe geeignet ist. „Das war ein richtiges Bangen“, erinnert sich die 40-Jährige. Einmal erkrankte Finja an Durchfall, niemand wusste, ob das Tier das überleben würde.

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Vom schwachen Kitz hat sich Finja zur Rehdame gemausert

Heute lässt nichts diese schwierige Zeit erahnen. Finja ist gesund, ihre Augen und die schwarze Nase glänzen, das dichte, graubraune Winterfell ist gepflegt. Als die Hündin der Familie durchs Gehege jagt, macht das Reh einen spielerischen Hüpfer und schwingt seine Beine durch die Luft. Dann lässt es sich von Claudia Wagner die Nase streicheln. Diese lächelt und sagt: „Wir hätten nie gedacht, dass sie so zutraulich wird.“

Obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, dass Finja der Garten nicht genügt, machen sich die Wagners, wenn auch schmerzlich, Gedanken über ihre Auswilderung. 2020 wollen sie es anpacken, wenn der Winter vorbei ist, und zwar zu einer Zeit, in der Rehe nicht zum Abschuss freigegeben sind. Finja trägt eine gelbe Marke im Ohr. Claudia Wagner verzieht das Gesicht. „Das ist keine offizielle Markierung und auch nicht Pflicht. Aber wir hoffen einfach, wenn ein Jäger die Markierung sieht, dass er sie nicht erschießt.“

Nach einem Spaziergang ist das Reh wieder zurückgekehrt

Einmal sei das Reh bereits ausgebüxt. Es hatte ein wenig die Gegend erkundet und sei dann aber wieder durch das Gartentor hereinspaziert. „Sie fühlt sich wohl hier“, sagt Claudia Wagner. Auch, wenn Finja einmal ausgewildert wäre, dieses Tor würde ihr immer offen stehen – ebenso wie die köstlichen Himbeerblätter und Streicheleinheiten der Wagners.

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