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Neuerscheinung

05.01.2019

Dunkle Abgründe und Räuberlegenden

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Autor Maximilian Czysz ist in seinem Buch „Mordsgeschichten“ den „kleinen und großen Sünden unserer Vorfahren“ um 1900 auf der Spur. Im Schwäbischen und im Altbayerischen: Da darf ein Räuber natürlich nicht fehlen

Der moralische Zeigefinger des Zeitungsredakteurs sticht zwischen den Zeilen geradezu heraus: „Möge dieser Fall jedem Radfahrer zur Warnung dienen, ja recht vorsichtig zu sein beim Fahren durch Ortschaften.“ Bebenhausen bei Babenhausen, August 1897, ein sechsjähriges Mädchen wird von einem Velocipedisten überfahren und schwer verletzt. Unter „fortwährendem Erbrechen“ liegt das Mädchen „krank darnieder“. Das Fahrrad wird damals, entlehnt aus dem Französischen – oft Velociped („Schnellfuß“) genannt. Auf der Duden-Internetseite können wir zu Velociped „Gebrauch veraltet“ nachlesen. „Veraltet“ – doch im Jahr 1897 scheint die aus heutiger Sicht überschaubare Geschwindigkeit eines Velocipeds die Menschen bisweilen an ihre Grenzen zu bringen. Die Episode, die Maximilian Czysz in seinem Buch „Mordsgeschichten“ berichtet, ist lange her. Doch sie wirkt auf eine seltsame Weise aktuell. Und „Mordsgeschichten“? Allein der Titel des 208 Seiten umfassenden Buches, das jetzt in der Reihe „Augsburger Allgemeine Exklusiv“ erschienen ist, lässt ahnen, dass es hier um mehr geht als um unvorsichtige Radler.

„Mordsgeschichten“: Der Titel deutet einen durchaus heftigen Widerspruch des Lebens an. Wir sprechen von „Mordsspaß“ oder „Mordsgaudi“. Aber da ist eben auch der wohl größte Abgrund, in den sich ein Mensch hineinbewegen kann. Der Mord. Einem anderen Menschen, womöglich dem, den man liebt, das Leben nehmen. Es ist diese Widersprüchlichkeit, die über alle Zeiten hinweg die Menschen gleichermaßen abgestoßen, aber auch fasziniert hat. Und vielleicht ist es die scheinbare Abgeschiedenheit der Provinz, in der wir dieser Widersprüchlichkeit am intensivsten begegnen.

Maximilian Czysz, jetzt Redakteur der Augsburger Landausgabe unserer Zeitung und von 2000 bis 2001 Redakteur der Aichacher Nachrichten (er verfasste vor einigen Jahren mit Christoph Schnitzer bereits die „Mordsgeschichten“ aus Bad Tölz und dem Isarwinkel und hat 2016 die Geschichte des Rüstungswerks „Kuno“ im Dritten Reich – ausgezeichnet mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Geschichte – rekonstruiert), hat dieses Thema über Jahre hinweg begleitet. Und der Titel seines Buches „Mordsgeschichten“ lässt ahnen, dass es da um viel mehr geht als um Fahrradunfälle.

Czysz hat bis weit ins 19. Jahrhundert zurück Zeitungsbände aus der Region durchgesehen und so manche „Mordsgeschichte“ aus Mittelschwaben, Altbayern, Augsburger Land und dem Unterallgäu wieder aus dem Dunkel des Archivs mitten hinein in das Licht der Gegenwart befördert. Wir lesen unter anderem vom ungeklärten Sechsfachmord von Hinterkaifeck bei Waidhofen im Schrobenhausener Land und von den Taten des „schwäbischen Kneißl“ im Raum Zusmarshausen. Es versteht sich von selbst, dass natürlich dem richtigen Räuber Kneißl ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Der vielleicht bekannteste Kriminelle in der Geschichte Bayerns war in der Region zwischen Aichach, Dachau und Fürstenfeldbruck unterwegs. Das ganze Land verfolgte, teils mit Schadenfreude, die monatelange erfolglose Hatz. Kneißl machte die Gendarmen lächerlich, bis er verraten wurde. Eine 150- Mann-Truppe aus Polizei und Militär umstellte eine Scheune, in der sich Kneißl versteckt hielt, und durchsiebte sie regelrecht. Er wurde schwer verletzt, gesund gepflegt, nur um ihm den Prozess machen zu können und ihn 1902 als 26-Jährigen zu köpfen. (pb, cli)

Erhältlich bei Service-Partnern der Augsburger Allgemeinen wie dem Reisebüro Urlaubsoase.net, Aichacher Bauerntanzgasse, Buchhandlungen wie Thalia, Pustet und Hugendubel in Augsburg und unter der kostenfreien Bestellhotline 0821/777-4444, zum Preis von 12,95 Euro.

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