1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Ein Aichacher Brief, der nie hätte verschickt werden dürfen

Auktion

25.12.2019

Ein Aichacher Brief, der nie hätte verschickt werden dürfen

Dieser Brief, den der ehemalige Aichacher Postmeister Johann Pollinger vor über 120 Jahren an sich selbst verschickte, ist heute 50.000 Euro wert. Dies liegt an den Briefmarken, die links unten im Eck zu sehen sind.
Bild: Auktionshaus Heinrich Köhler

Plus Ein Aichacher Postmeister ignoriert eine Anordnung und schreibt damit Geschichte. Seine Postsendung bringt über 100 Jahre später bei einer Versteigerung 50.000 Euro.

Starrsinn kann manchmal positive Folgen haben: Nur weil sich der Aichacher Postmeister Johann Pollinger vermutlich vor 124 Jahren einer Anordnung widersetzte, sind heute sechs kleine Briefmarken aus Aichach bekannt – und in aller Welt begehrt. Ein Brief mit zwei dieser seltenen Marken wurde jetzt in Wiesbaden versteigert – für 50.000 Euro. Insgesamt gibt es nur drei Briefe, auf denen die Marken, die als Aichach-Provisorium bekannt sind, je verwendet wurden.

Bei den Briefmarken handelte es sich um sogenannte Nachportomarken. Wie es in der Beschreibung des Auktionshauses Köhler in Wiesbaden heißt, wurden die provisorischen Marken für die Verrechnung des Nachportos für unzureichend frankierte Briefe ausgegeben. Dabei wurde die herkömmliche graue Drei-Pfennig-Marke mit dem Aufdruck "Vom Empfänger zahlbar" mit vier roten Zweiern in den Ecken überdruckt und somit in eine Zwei-Pfennig-Marke umgewandelt.

Nur so konnte das neue Porto für die Nachgebühr von sieben Pfennig dargestellt werden. Die Marken wurden von einem Postbeamten aufgeklebt und bei der Auslieferung vom Postboten verrechnet.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der Postmann schickte drei Briefe an sich selbst

Da die neuen Marken, die dieses Provisorium ablösen sollten, jedoch schneller fertig waren als gedacht, beorderte die Bayerische Postgeneraldirektion die Nachportomarken wieder von den Postämtern zurück, bevor sie jemals verwendet wurden.

Nur der Aichacher Postmeister Pollinger brachte insgesamt sechs Marken in Umlauf. Er gab später an, das Telegramm der Generaldirektion zu spät erhalten zu haben. Pollinger fertigte drei unterfrankierte Briefe an sich selbst an, auf denen er jeweils ein Paar der Portomarken ordnungsgemäß verwendete. "Diese sechs Marken sind die einzigen Beweise der Existenz dieser Ausgabe", betont das Auktionshaus.

Da der Aichacher Postmeister selbst auch Briefmarkensammler war, ist offen, ob er die Rückrufaktion ignoriert hat oder tatsächlich erst zu spät davon erfahren hat. Davon ungeachtet, hat er dafür gesorgt, dass Aichach immer wieder bei den großen Briefmarkenausstellungen und -auktionen der Welt auftaucht.

Johann Pollinger
Bild: Adolf Karl

Auch für die Mitglieder des Aichacher Briefmarkenklubs ist das etwas ganz Besonderes. Wie Wolfgang Brandner berichtet, hatten 1992 bei einem Besichtigungstermin des Auktionshauses "Harmers of New York" in München drei Aichacher Briefmarkensammler Gelegenheit, einen der seltenen Briefe in den Händen zu halten. Brandner, der auch Vorsitzender des Aichacher Heimatvereins und Kreis-Archivpfleger ist, ist Experte auf dem Gebiet der Postgeschichte. Auch wenn er einige Stationen der drei erhaltenen Aichacher Briefe kennt, über deren aktuelle Eigentümer weiß er nichts. Genauso wenig wie Briefmarkenfreund Fritz Baur aus Aichach, der sagt: "Um derartige Besitztümer wird gerne ein Geheimnis gemacht." Da die Briefe eine hervorragende Geldanlage sind, wechseln sie immer wieder den Eigentümer. 2009 wurde ein Brief für 130.000 Euro versteigert.

Einst war der Aichacher Brief zerschnitten worden

Der Brief in Wiesbaden war da verhältnismäßig günstig zu haben – für 50.000 Euro, was auch das Startgebot war. Wie der Marketingleiter des Auktionshauses, André Schneider, erklärt, könnte das daran liegen, dass der Brief beziehungsweise das Aichacher Briefmarkenpaar vor Jahren zerschnitten worden war, um zwei Teile zu Geld zu machen. Die beiden Teile wurden erst in der Briefmarkensammlung des ehemaligen Tengelmann-Chefs Erivan Haub wieder zusammengeführt.

Ein Teil der weltweit bedeutenden Erivan-Sammlung, über 300 Marken und Briefe aus dem Bereich Altdeutsche Staaten wurde jetzt in Wiesbaden versteigert. "Natürlich erhofft sich der Auktionator einen höheren Zuschlag, aber es wurde ein gerechtfertigter, guter Preis erzielt", betonte André Schneider. Ersteigert hat den Aichacher Brief seinen Angaben nach ein Sammler aus Übersee – über einen Auktionsagenten im Saal. Mehr ist über den Mann nicht bekannt.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren