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Aichach

21.03.2020

Ein Arbeitstag im Aichacher Frauengefängnis

Die Aichacher Justizvollzugsanstalt aus der Vogelperspektive. Die über 100 Jahre alte Anstalt ist denkmalgeschützt.
Bild: Erich Echter

Plus Gefängnisse sind oft mit Klischees verbunden. Doch der Alltag der Mitarbeiter ist anders, als Filme und Bücher erwarten lassen. Ein Tag in der JVA Aichach.

Um 6 Uhr fängt der Tag für die Häftlinge an. Dann gehen Daniela Weigl und ihre Kollegen durch die Gänge und überprüfen, ob jede der Gefangenen die Nacht gut überstanden hat. Die JVA Aichach ist die größte bayerische Justizvollzugsanstalt mit weiblichen Gefangenen. Der Trakt mit den insgesamt 447 Frauen besteht aus vier Flügeln mit jeweils circa 110 Insassinnen.

Der Tagesablauf ist streng geregelt: Morgens haben die Gefangenen etwas Zeit, zu duschen und sich herzurichten – in jedem Stockwerk gibt es eigene, abgetrennte Kabinen. Dann geht ein Teil zur Arbeit, während die anderen wieder eingeschlossen werden. Die Insassinnen werden zum Beispiel zur Friseuse, Schneiderin oder Bäckerin ausgebildet. Auch Hauswirtschaftskurse werden angeboten. Daniela Weigl erklärt: „Wir möchten einfach Möglichkeiten schaffen, dass man von hier drin auch etwas mit raus nehmen kann.“

Nach einer Probearbeit überlegte sie nicht lange

Weigl wollte eigentlich Berufsschullehrerin für Rechnungswesen werden. Die gelernte Bürokauffrau hatte sich schon an der Fachhochschule beworben, um ihr Abitur nachzuholen – als ihr Vater eine Anzeige in der Zeitung entdeckte. Es handelte sich um ein Stellenangebot in der Aichacher JVA. Die damals 18-Jährige fand bei einer Probearbeit heraus, wie viel Spaß ihr die Arbeit als Vollzugsbeamtin machte. Sie überlegte nicht lange und bewarb sich. Heute ist sie 29 und immer noch da. Mittlerweile ist die gebürtige Neuburgerin als Ausbildungsleiterin tätig und arbeitet nur noch am Wochenende im Vollzug. Der Dienst ist grundsätzlich in Dreischicht- und Wochenenddienst unterteilt. Für Weigl ist das aber kein Problem, sie liebt ihre Arbeit.

Daniela Weigl ist Ausbildungsleiterin der Vollzugsbediensteten in der JVA Aichach. Sie findet den Beruf abwechslungsreich und macht ihn gerne.
Bild: Leah Rehklau

Wenn mittags die Berufstätigen zurückkommen, gibt es für alle Mittagessen. Gegen 15 Uhr ist der Arbeitstag dann vorbei – für die anderen finden in der Zwischenzeit verschiedene Freizeitprogramme statt. Sie können in der JVA beispielsweise kochen, an Kunstgruppen teilnehmen oder Sport machen. Bis zum Abend haben die Häftlinge dann Aufschluss – die Zeit, in der die Zellentüren geöffnet sind.

Zwei Mal im Monat haben die Gefangenen die Möglichkeit, einkaufen zu gehen. „Am häufigsten wird Tabak und Kaffee gekauft“, erzählt Weigl. „Die JVA Aichach ist eines der wenigen Gefängnisse, das noch einen Supermarkt hat“, sagt Weigl. Hier gibt es wirklich alles. Ob Schminke, Cola oder Schokolade – das Angebot ist fast das eines Supermarktes draußen. Die Häftlinge müssen vorher auf einer Liste ankreuzen, was sie haben möchten. So ist der Einkauf wesentlich schneller erledigt, obwohl die Schlange trotzdem endlos erscheint.

JVA Aichach: Der Umgangston ist anders als in Filmen

Anschließend geht es zurück zum Gefangenentrakt. In Filmen, Serien und Büchern werden Gefängnisse oft als düstere, gefährliche Orte mit rauem Umgangston dargestellt. Die Realität sieht allerdings anders aus. Weigl kennt jede Gefangene persönlich, kennt jeden Namen. Umgekehrt kennt jede den ihren. Alle bleiben im Gespräch freundlich. Für Weigl ist das sehr wichtig: „So, wie ich in den Wald rein schreie, kommt es auch zurück“, sagt sie.

Auch der Blick in einen der Hafträume bricht mit Klischees. Zwar ist in der Zelle nur das Nötigste vorhanden: ein Bett, eine Toilette mit Waschbecken, ein Tisch und ein Regal. Doch die Insassin hat viele Bilder und Poster aufgehängt, über dem Waschbecken sind ordentlich Schminkartikel aufgereiht und das Regal ist mit Büchern und Zeitschriften gefüllt, sodass es fast schon gemütlich wirkt. Auch ein kleiner Fernseher steht auf dem Tisch. Den müssen die Häftlinge aber selbst bezahlen. Für ihren Haftraum hat jede Gefangene einen eigenen Schlüssel. Der funktioniert natürlich nur während des Aufschlusses.

JVA Aichach: Gefängniszellen werden kontrolliert

Die Räume werden regelmäßig kontrolliert. Es komme schon ab und an vor, dass Gefangene verbotene Gegenstände in ihre Zellen schmuggelten, so Weigl. „Sie wollen sich ihren Aufenthalt eben so angenehm wie möglich machen.“ Von Handys über Tabletten bis hin zu selbst gebastelten Tätowiermaschinen habe man schon alles Mögliche gefunden. Ein solcher Regelbruch wird bestraft. Darüber entscheidet entweder der Anstaltsleiter oder der hauseigene Jurist. Mögliche Strafen seien Einkaufssperre oder kein Aufschluss. „Eine Verlängerung der Haft findet nur bei Gesetzesverstößen wie Körperverletzung oder Dealen statt“, erklärt Daniela. Selbst ein Fluchtversuch sei nur hausintern strafbar. Denn „Selbstbefreiung“ ist nach dem Gesetz straffrei.

Auf jeder Ebene des Traktes befinden sich Duschen, Waschmaschinen, Spülbecken und eine eigene Küche. Dort hängt eine Liste aus, wann wer mit Kochen oder Backen an der Reihe ist. Während des Aufschlusses müssen die Häftlinge auf ihrer Etage bleiben, können sich aber gegenseitig besuchen. So trifft Weigl bei ihrem Durchgang auf eine Gruppe Frauen, die zu viert in einer Zelle sitzen, rauchen und sich unterhalten.

Das Frauengefängnis versucht, die Insassinnen zu sozialisieren

Das Frauengefängnis Aichach versucht, so gut es geht, die Insassinnen zu sozialisieren. Deswegen ist die Belegung der Zellen bunt gemischt, nicht etwa nach Straftaten geordnet. „Es kommt auch immer auf die Persönlichkeiten der Gefangenen an“, erklärt Weigl. „Wir versuchen, das zu mischen, um einen Ausgleich zu schaffen.“

Die 29-Jährige arbeitet gern in der JVA. In deutschen Gefängnissen gibt es allerdings einen großen Mangel an Arbeitskräften. Weigl vermutet, das liege daran, dass man nie die Möglichkeit habe, hinter die Kulissen zu blicken. Deshalb sei die JVA Aichach mittlerweile auch öfter auf Messen vertreten, um sich der Öffentlichkeit zu zeigen. „Vorteile des Jobs sind zum Beispiel, dass er sicher ist. Außerdem gehe ich früh in Pension und bin später abgesichert“, sagt die Ausbildungsleiterin.

Justizvollzugsbedienstete: Für den Beruf muss man gemacht sein

Der Beruf als Vollzugsbediensteter bietet laut Weigl ein großes Spektrum an Tätigkeiten. So können die Gefängnismitarbeiter beispielsweise den Besuch überwachen oder im offenen Vollzug arbeiten. Um einen kompletten Überblick zu erhalten, durchlaufen Auszubildende jeden Bereich. „Wir wollen ja so viel wie möglich abdecken“, erklärt Weigl. Auch Psychologie und Selbstverteidigung gehören zur Ausbildung dazu. Die 29-Jährige würde sich auf jeden Fall wieder für den Beruf entscheiden: „Es ist einfach immer spannend hier.“

Doch für die Arbeit im Gefängnis muss man laut Weigl gemacht sein, denn es sei nicht nur toll. Diskussionen stünden zum Beispiel auf der Tagesordnung und hin und wieder passiere auch Schlimmeres. Beispielsweise, dass Gefangene sich selbst oder andere verletzen. „Das macht schon was mit einem“, sagt Weigl. Aber das komme selten vor. Solche Dinge zu verarbeiten, gehöre allerdings zu ihrem Beruf dazu. Auch ist der Alltag im Gefängnis manchmal stressig, aber Weigl sieht das gelassen. „Den Ärger, der entsteht, sperre ich mit meinem Schlüssel ein, wenn ich gehe.“

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