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Betriebsbesichtigung

06.05.2015

Er gerbt als einer der Letzten seiner Zunft

Die Säckler kamen standesgemäß in Ledertracht. Gerber Thomas Sperr und sein Bruder Wolfgang aus Pöttmes hatten ihre Kunden aus dem bayerischen Voralpenland zur Betriebsbesichtigung eingeladen. Rechts außen Thomas und Gudrun Sperr.
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Die Säckler kamen standesgemäß in Ledertracht. Gerber Thomas Sperr und sein Bruder Wolfgang aus Pöttmes hatten ihre Kunden aus dem bayerischen Voralpenland zur Betriebsbesichtigung eingeladen. Rechts außen Thomas und Gudrun Sperr.

Säckler sind zu Gast in der Gerberei von Thomas Sperr. Sie verarbeiten die Ware des Pöttmesers zu einer „zweiten Haut“, die mittlerweile auch bei der Jugend wieder modern ist.

Ein Haufen Felle liegt übereinandergestapelt am Boden, dick eingesalzen. Die Haare der Felle sehen struppig, salzig verklebt aus. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass aus dieser versalzenen Fellkonservierungsprozedur einmal geschmeidiges Leder werden soll. Wie viel Zeit und wie viele Arbeitsschritte dazu notwendig sind, darüber informierte Gerber Thomas Sperr aus Pöttmes. Er führte 23 seiner zahlreichen Säcklerkunden durch seinen Betrieb an der Gumppenbergstraße in Pöttmes.

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Die Gäste kamen allesamt in standesgemäßer Trachtenkleidung: Unter ihnen waren erstaunlich viele junge Leute, die zum Teil den elterlichen Betrieb dank einer soliden Säcklerausbildung weiterführen wollen. Die 18-jährige Franziska aus Lenggries im Oberland erlernt den Beruf im Betrieb von Säcklermeisterin Susanne Schöffmann aus Lenggries. „Sie kann wunderbar sticken“, schwärmt die Lehrherrin im geschmeidigen Lederrock. Von sieben Säcklerlehrlingen in der Berufsschule in Mainburg ist Franziska die einzige Frau, die diesen immer seltener werdenden schönen Beruf lernen wollen. Nach Pöttmes waren sie auf Initiative des Säcklermeisters Hans Stöger aus Peiting gekommen. Erfahrungen austauschen, Fachsimpeln und heuer beim Gerber Sperr, ihrem Hauptlieferanten, vor Ort informiert werden, was es mit dem Leder auf sich hat, das sie so kunstvoll bearbeiten.

Die Führung, treppauf, treppab, durch den Sperrschen Betrieb, beeindruckte. Die Sprache, so scheint es, ist nur was für Eingeweihte: Da werden Felle geäscht, mit einem Streicheisen abgestrichen, in einem zweieinhalb Meter großen hölzernen Gerbfass gewaschen. Da heißen die enthaarten Felle bereits Blößen. Dann die Abwelkpresse, deren Walzen das Wasser rauspressen. Jetzt kommt der dunkelbraune Tran, ein Fischöl-Gemisch aus Schwarmfischen, der aus dem Leder das gewünschte weiche, sämische Leder macht. Nach vielen weiteren Arbeitsprozessen landen die Felle bis zu zwölf Wochen auf dem Trockenboden. Das Leder wird eingefärbt, meistens mit einem eingemischten Farbstoff aus Blauholz. Aufwendig ist ebenfalls der Feinschliff des Leders auf der Schleifmaschine. Da sind Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung verlangt. Über 2000 Stück pro Jahr gehen durch die Gerberhände des Thomas Sperr. Wobei viele Arbeitsschritte mehrmals wiederholt werden müssen.

Er gerbt als einer der Letzten seiner Zunft

Bis der Säckler das Leder in der gewünschten, sämischen Qualität in Händen hält und die Verarbeitung beginnt, vergehen in der Regel drei Monate. Bedenkt man, dass der Säckler dann noch einmal bis zu 60 Stunden an einem Gwand arbeitet, ist der oft beträchtliche Preis für ein handgefertigtes Stück nachvollziehbar. Da kann eine Lederhose schon mal einige Hundert Euro kosten. Der nächstgelegene Kunde von Thomas Sperr, 51 Jahre, ist sein vier Jahre älterer Bruder Wolfgang, Säckler und Kürschner seines Zeichens, der sein Geschäft mit Werkstatt direkt neben der Gerberei betreibt. „Bis zu einem Jahr haben wir Lieferzeit“, sagen die Brüder, die rund ums Jahr voll ausgelastet sind. Bei Thomas Sperr hilft seine Frau Gudrun gelegentlich mit, er beschäftigt nur einen festen Angestellten. Die zwei Söhne von Thomas und Gudrun Sperr sind in der Ausbildung, noch hat sich niemand für den Gerberberuf entschieden.

Die Eltern nehmen’s gelassen. Auch wenn mit ihnen der seit 1795 dokumentierte Betrieb dann stillstehen würde. Viel Arbeit, auch viel schwere körperliche Arbeit verlange die Gerberei, aber genauso viel Stolz und Genugtuung gäbe es, wenn die Lederhäute samtig-weich aus den aufwendigen Arbeitsschritten hervorkommen, so die Sperrs. Ihre Kunden kommen, außer aus Deutschland, aus Österreich, Frankreich, Italien. Sperr beliefert Polsterer, Designer, Raumausstatter, am häufigsten, Trachtengeschäfte, darunter auch den ortsansässigen Säcklermeister Ludwig Krammer. Thomas Sperr gehört zu den ganz wenigen, die die uralte Zunft des Gerbers noch lebendig erhalten. Gerade mal 60 gibt es heute noch deutschlandweit, in Bayern mit Sperr nur noch zwei weitere. Sperr bezieht seine Häute aus Neuseeland. Die stammen von Rothirschen, die auf Farmen gezüchtet werden und gerade im Sommer ein besonders hochwertiges Leder ohne Einschussloch liefern. Sperr verarbeitet jedoch auch heimisches Wild, das Jäger anliefern. Der Knüller hängt im Trockenraum: ein kanadisches Bärenfell, das ein Präparator in Auftrag gegeben hat.

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