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Beruf

23.03.2015

Fahrlehrer für eine Pferdestärke

Die kleinste Handbewegung hat große Wirkung.
Bild: Gerlinde Drexler

Bei Boris Zeugner in Pöttmes können Kutschenfahrer einen Führerschein machen. Vorgeschrieben ist das zwar nicht. Aber hilfreich, damit die Spritztour nicht zum Fiasko wird.

Autofahrer haben ihn. Motorradfahrer ebenso. Was viele nicht wissen: Auch Kutschenfahrer können einen Führerschein machen. Boris Zeugner, der heute in Pöttmes lebt, ist der einzige „Fahrlehrer“ im Landkreis Aichach-Friedberg, bei dem Lenker von Pferdekutschen das Fahrabzeichen machen können. Der 37-jährige Petersdorfer und seine Freundin Stella König bieten diese Kurse seit drei Jahren an. Inzwischen sind sie mit ihrem Reit- und Fahrstall nach Walda ( Ehekirchen, Kreis Neuburg-Schrobenhausen) gezogen.

Zeugner und König reiten beide selbst. So sei er zum Kutschenfahren gekommen, erzählt der 37-Jährige. Irgendwann habe er bemerkt, dass viele Leute Kutsche fahren und Defizite haben. Entweder hätten sie gar keine Ausbildung oder vergessen, was sie dort gelernt haben, vermutet Zeugner als Grund. Für ihn der Anlass, einen Trainerschein zu machen: „Die Leute sollen wissen, was sie tun am Pferd.“

Unfälle mit Pferdekutschen gibt es immer wieder. Statistiken existieren nicht, aber allein die Tierschutzorganisation Peta listet für das Jahr 2014 über 70 Vorfälle im deutschsprachigen Raum auf, teils mit schlimmen Folgen.

Immer wieder gehen Pferde bei Faschingsumzügen oder Leonhardiritten durch. Das bringt nicht nur Insassen der Kutsche, sondern auch Publikum in Gefahr. Erst vor wenigen Tagen starb ein Mann im württembergischen Bad Urach, als sein Kutschpferd aus ungeklärten Gründen durchging. Er fiel laut Polizei von der Kutsche und starb.

So schlimm muss es nicht kommen. Wenn Kutschenfahrer der Meinung seien, das Pferd laufe nicht richtig, liegen die Ursachen Zeugners Erfahrung nach meist ganz woanders: „Es liegt am Geschirr, an der Handhabung, am Umgang.“ Anders als bei Autos ist für einen Kutschenfahrer der Führerschein nicht gesetzlich vorgeschrieben. Damit die Spritztour mit der Kutsche aber nicht für Tiere, Passagiere und andere Verkehrsteilnehmer zum Fiasko wird, sollte der Fahrer wissen, wie er sich im Straßenverkehr, in der Natur oder in schwierigen Situationen verhält.

Passiert etwas, verlange die Versicherung den Nachweis, dass man Kutschen fahren kann, sagt Zeugner. Schon aus diesem Grund sei ein Kutschenführerschein empfehlenswert. Wer einen Turniersport ausübt, brauche das Abzeichen auf jeden Fall, um die Leistungsprüfungen ablegen zu können.

Im Hauptberuf ist Zeugner Baustoffkaufmann. Zwei Mal pro Jahr – im Frühjahr und im Herbst – bietet er Kurse für Kutschenfahrer an. Acht Wochenenden dauern sie jeweils. Die Teilnehmer lernen in Theorie und Praxis alles rund ums Kutschenfahren sowie faires Verhalten gegenüber dem Tier. Maximal acht Teilnehmer nimmt Zeugner pro Kurs an. „Ich will in kleinen Gruppen unterrichten, weil ich dann auf jeden Einzelnen eingehen kann“, sagt er.

Bevor Anfänger auf den Kutschbock dürfen, lernen sie am Fahrerlehrgerät die Handgriffe zum Halten der Leine. Das Gerät ist ein Holzblock mit Gewichten am Ende der Leine. Die Teilnehmer sollen dabei merken, dass schon kleinste Bewegungen im Handgelenk große Auswirkungen auf das Pferdemaul haben können. Auf dem Kutschbock wird das Pferd mit der Stimme, Leine und Peitsche gelenkt. Mit der Peitsche werde nicht geschlagen, betont Zeugner. Sie diene als Lenkhilfe, mit der das Pferd seitlich leicht berührt wird – so wie es ein Reiter mit dem Oberschenkel macht.

Die 15-jährige Laura Hase ist über ihren Vater zum Kutschenfahren gekommen. Laura begleitete ihn im vergangenen Jahr, als er seinen Führerschein bei Zeugner machte. Seitdem sei die Tochter nicht mehr von der Kutsche wegzubringen, erzählt ihr Vater. Inzwischen fährt die 15-Jährige schon bei Turnieren mit. Um an den Feinheiten fürs Dressurfahren zu feilen, hat sie sich dieses Mal für einen Fahrkurs angemeldet.

Zeugner sagt: „Ich will Leute für diesen Fahrsport begeistern. Eine gute Ausbildung ist da ganz wichtig.“ Der 37-Jährige nimmt selbst mit seinen Kutschen an Turnieren teil. Mit Erfolg. In diesem Jahr wurde er in den Oberbayerischen Kader „Fahren“ berufen.

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