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Handarbeit

25.12.2019

Flaschenpost aus Aindling: So kommt die Krippe rein

Hier demonstriert der 80-jährige Michael Stürzenhofecker, wie er mit ruhiger Hand und selbst gebauten Greifwerkzeug eine der millimeterkleinen Krippenfiguren über die schmale Flaschenhalsöffnung einführt.
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Hier demonstriert der 80-jährige Michael Stürzenhofecker, wie er mit ruhiger Hand und selbst gebauten Greifwerkzeug eine der millimeterkleinen Krippenfiguren über die schmale Flaschenhalsöffnung einführt.
Bild: Manfred Zeiselmair

Plus Der 80-jährige Michael Stürzenhofecker aus Aindling baut Miniaturkrippen, Kirchen- und Kreuzszenen in Flaschen. Angefangen hat alles mit einer Eierlikörflasche.

Liebevoll und mit großer Sorgfalt hat Michael Stürzenhofecker seine schönsten Miniaturen auf dem Küchentisch des kleinen Einfamilienhauses in Aindling aufgebaut: zwölf Flaschen in unterschiedlichen Formen, liegend und stehend, in denen bis ins Detail Miniaturkrippen, Kirchen- oder Kreuzszenen eingebaut sind. Die kleinsten davon sind etwa fünf, die größten 50 Zentimeter groß.

In Flaschen eingearbeitete Miniaturen sind bei uns eher aus dem hohen Norden bekannt – als sogenannte Buddelflaschen, in die Seeleute als Zeitvertreib kleinste Schiffsmodelle integriert haben. Kaum einer weiß, dass es auch in Bayern eine ähnliche Tradition gibt: Mit ihrer Kunst, Krippen- und Passionsszenen in eine Flasche zu bringen, haben sich schon vor knapp 300 Jahren einige Bauern im Allgäu die Winternächte verkürzt – und mit dem Verkauf ein kleines Zubrot verschafft.

Dieses Hobby erfordert Geduld

Bei Michael Stürzenhofecker hat alles mit einer leeren Eierlikörflasche angefangen. Das war kurz nach der Jahrtausendwende, als er mit 62 Jahren einen schweren Herzinfarkt nur durch eine Notoperation überlebt hatte. Nach seiner Reha habe er in einer Ausstellung zum ersten Mal eine „Flaschenpost“ mit inliegendem Passionskreuz gesehen. Das hat ihn so fasziniert, dass er gleich versucht habe, es zu Hause nachzubauen. Seitdem lässt den mittlerweile 80-Jährigen sein Flaschenhobby nicht mehr los. Dieses Hobby ist wahrlich nichts für Ungeduldige. Nicht umsonst hat man die Miniaturkrippen und -passionsszenen im Glas früher als Geduldsflaschen bezeichnet.

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Neben Geschick und Geduld braucht Stürzenhofecker vor allem eines: viel Zeit. Für seine aufwendigsten Exemplare hat der „Migl“, wie ihn die Aindlinger nennen, durchschnittlich etwa 80 bis 90 Stunden investiert. Wobei er meistens mehrere Stücke auf einmal anfertige, um die Zeit zu nutzen, die der tropffreie Kleber zum Antrocknen brauche. Wenn er mal nachrechne, so habe er es mittlerweile auf etwa 60 verschiedene Flaschen gebracht.

Figuren sind aus Zinn und handbemalt

Stürzenhofecker hat alle Teile seiner Miniaturen in mühevoller Kleinstarbeit selbst gefertigt. Angefangen bei den aus Zinn gegossenen und handbemalten Figuren seiner Krippenszenen bis hin zu den Leidenswerkzeugen seiner Passionskreuze, die er schlicht „Das Leiden Christi“ nennt. Aber wie bringt er diese Teile in die Flasche? Und dann auch noch an die richtige Stelle? „Ma braucht halt a ruhige Hand“, sagt Stürzenhofecker lapidar und lacht: „Den Boden aufschneiden gibt´s bei mir net.“ Dann demonstriert er mit einem langarmigen Mini-Greifer das Einfügen einer nur wenige Millimeter großen Figur durch die schmale Halsöffnung einer seiner „Flaschenkrippla“.

Selbst das benötigte Werkzeug ist – wie könnte es anders sein – aus eigener Herstellung. Neben verschiedenen doppelarmigen Greifwerkzeugen und Miniaturscheren benötigt er zum Zusammenbau im Innern der Flaschen einfache und doppelte Spitzen, rasierklingenscharfe Messer und sogar kleinste Sägen. Seine Werkstatt hat er sich im Keller eingerichtet. Es sei gar nicht so einfach, geeignete Flaschen für sein Hobby zu finden, sagt der rüstige Rentner. Gerade für die großen Landschaften benötige er klare Zwei- oder Dreiliterflaschen. „Die bauchigen ham an Deife“, sagt er, insbesondere wenn er darin die verschiedenen Teile des hölzernen Kreuzes einkeilen muss. Zusammen mit der Christusfigur und den Leidenswerkzeugen sowie einer 14-sprossigen Leiter, die die Stationen des Leidensweges symbolisiert, fügt er die winzig kleinen Details im Flascheninneren zum „Leiden Christi“ zusammen. Die Kreuzszenen setzt er in stehende Flaschen. Das sei einfacher, weil man von oben her arbeiten kann, so Stürzenhofecker, während die Krippen immer in liegenden Flaschen, also von der Seite, befüllt werden müssen.

Flaschen können beleuchtet werden

Keine seiner Krippen schaut aus wie die andere. Mal baut er hinter den Hirten und Schafen beim Stall die kleinen Häuser von Bethlehem nach. Mal gestaltet er als Hintergrund einen Gebirgsstock mit Granit-, Schiefer- oder Quarzsteinchen, die er von seinen Österreich-Urlauben mitgebracht hat. Aus den meisten seiner Flaschenkrippen sieht man kleine Drähte herausragen. „Do hob i a Beleuchtung neibaut“, erklärt Stürzenhofecker. Mithilfe einer außen liegenden Batterie kann er so seine Häuschen und Kirchen oder den Stall mit der Krippe in romantisches Licht tauchen.

„Im Ort kenna mi oisam“, sagt der gebürtige Aindlinger. Schließlich war er lange Zeit Gerätewart bei der freiwilligen Feuerwehr. Seine Feinmechanikerfähigkeiten hat er sich wohl schon in jungen Jahren angeeignet, als er in Todtenweis Landmaschinenmechaniker war, lange bevor er als Arbeiter zu Hoechst nach Gersthofen wechselte.

Im Seniorenheim spielt er Quetschn

55 Jahre lang war der Bastler mit seiner Ehefrau glücklich verheiratet, ehe sie nach vier Jahren schwerer Demenzerkrankung schließlich im Jahr 2018 verstarb. „A schwere Zeit“ war das für ihn, wo er doch immer dachte, dass er einmal vor ihr gehen müsse. Täglich besuchte er die Schwerkranke auf der Pflegestation im Aindlinger Seniorenheim und spielte ihr auf seiner Quetschn vor – auch wenn diese krankheitsbedingt zuletzt scheinbar keinen Anteil mehr daran nahm. Stürzenhofecker weckte jedoch die Aufmerksamkeit der anderen Bewohner. Und so wurde sein Quetschnspiel im Seniorenheim zu einer ständigen Einrichtung, die auch heute noch, fast zwei Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau, Bestand hat. Meistens taucht er einmal in der Woche bei den Pflegerinnen auf, bringt auch mal einen selbst gebackenen Kuchen mit. Dann spielt er vor dem Mittagessen im Aufenthaltsraum eine Stunde lang seine alten Lieder zum Mitsingen oder auch nur zum Zuhören. Die Türen der Bettlägerigen stehen dabei weit offen. „Do macht´s nix, wenn amoi a paar Fehler neikemma. De Alten san froh, wenn´s a Unterhaltung hom“, freut sich Stürzenhofecker und ergänzt: „Aber singa tua i net.“

Ein Geschenk für die Lebensgefährtin

Das Quetschnspielen hat er sich übrigens auch selbst beigebracht. Er spielt nach Gehör, nicht nach Noten, sagt er. Und zwar „nur oide Liadl“ wie „Lustig ist das Zigeunerleben“. Kurzerhand holt er eine seiner vier Quetschn hervor und stimmt gedankenverloren das selbige Lieblingslied an. Damals, als seine Frau noch gesund war, haben sich die beiden das Versprechen gegeben, nicht alleine zu bleiben, „wenn oaner von uns früher stirbt“. Und weil es das Schicksal so wollte, hat er seine neue Lebensgefährtin beim wöchentlichen Quetschenspiel im Seniorenheim getroffen. Nach einem Schlaganfall war diese auf fremde Hilfe angewiesen. „Ich kenn´ die Elisabeth ja scho seit 40 Jahr“, sagt er. Und „weil ma im Heim ois´ verlernt“, habe er sie kurzum mit nach Hause genommen. Seitdem sind sie ein Herz und eine Seele. „Ich brauch jemanden zum Reden“, sagt Stürzenhofecker, „und sie auch“. Die beiden machen seitdem vieles gemeinsam. Sie fahren zusammen in Urlaub und zum Spielen ins Seniorenheim. Zu Weihnachten bekommt Elisabeth übrigens von ihrem Migl „a groß´ Krippla“, und zwar in einer eckigen Flasche. Ein kleines und zwei „Leiden Christi“ hat sie schon.

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