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Geschichte

23.08.2015

Gebenhofener Zerstörungen in Krieg und Frieden

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5 Bilder
Der Blick geht vom Hof der Familie Mägele hinüber zur Gebenhofener Pfarrkirche Mariä Geburt. Im Vordergrund ist ein Wirtschaftsgebäude zu sehen, an dem die Brandspuren nach dem Fliegerangriff noch deutlich zu erkennen sind. Hinter der rechten Türe befand sich ein Schweinestall und hinter der linken Türe eine Waschküche und der Backofen. Doch nur der Kamin des Backofens ragt noch in die Höhe.
Bild: Georg Engelhard (Repro)

1945 zerstören US-Bomber ganze Teile von Gebenhofen. 70 Jahre später richtet ein Tornado erneut verheerende Schäden an.

Beide Ereignisse waren verheerend. Dazwischen liegen nicht nur Krieg und Frieden, sondern fast exakt 70 Jahre. In den letzten Kriegstagen, am 28. April 1945, wurde der heutige Affinger Ortsteil Gebenhofen schwer getroffen. Bei einem Bombenangriff brannten 34 Gebäude – 300 Menschen lebten damals im Dorf. 70 Jahre später, am 13. Mai 2015, fegt ein Tornado durch die Gemeinde Affing. Wieder ist Gebenhofen schwer getroffen. Die Menschen ziehen bald einen Vergleich zu den Kriegsereignissen. Teilweise sind die Bilder der Kriegszerstörungen, von den Brandspuren abgesehen, dem ähnlich, was man jetzt im Ort wieder sehen musste.

Wie kam es 1945 zu dem Angriff auf die kleine Ortschaft bei Affing? Die alliierten Streitkräfte versuchten bekanntlich während des Zweiten Weltkrieges mit Luftangriffen auf die deutsche Industrie, die Produktion zu verhindern. Die deutsche Führung setzte alles daran, das zu verhindern. Um wichtige Städte wurden deshalb Flugabwehrkanonen, so genannte Flak, stationiert, zum Teil regelrechte Flakgürtel errichtet, mit denen man die feindlichen Bomber abhalten wollte.

Im Herbst 1944 wurden zwei Batterien mit 24 Kanonen vom Kaliber 8,8 Zentimeter zwischen Gebenhofen und Anwalting, nahe dem Salzberg, stationiert. Sie gehörten zum Flakgürtel, der Augsburg schützen sollte. Dazu kamen etliche kleinere Geschütze. Mit dem Bau der Unterkünfte wurde erst begonnen, nachdem die Einheiten bereits eingetroffen waren. So mussten die Soldaten vorerst in den Bauernhöfen untergebracht werden.

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Auch Kriegsgefangene und sogenannte Hilfswillige waren dabei. In Anwalting wurden in einer Stadelecke 25 russische Kriegsgefangene untergebracht. Die Männer mussten im Herbst und Winter den ganzen Tag im Freien arbeiten und die Nacht im kalten Stadel verbringen. Die Unterkunftsbaracken, die in der Nähe der Geschützstellungen errichtet wurden, waren erst unmittelbar vor Kriegsende bezugsfertig.

Von einem Unteroffizier der deutschen Flakabteilung

Für die Führung war wichtig, dass die Flak einsatzbereit war. Die Wehrmacht gab die Stellung erst mit dem Einzug der US-Armee auf. Die Soldaten einer Batterie versorgten sich am 27. April 1945 bei Bauern mit Zivilkleidung und verschwanden. Bei der anderen Batterie wurde am 28. April 1945 noch heftig geschossen. Man feuerte in Richtung Gablingen, wo sich Truppenteile der US-Armee befanden. Vormittags um 10 Uhr gab auch diese Batterie den Kampf auf. Einer der Offiziere erschien im Recher-Anwesen in Anwalting und erbat Zivilkleidung.

Der Bauer sprach ihn auf den sinnlosen Widerstand an. Der Offizier antworte nur: „Herr Recher, wir waren alle sturzbetrunken.“ Offenbar hatten aber nicht alle Flaksoldaten den Kampf eingestellt, denn der damalige Pfarrer Anton Wiedemann berichtet, dass er am Nachmittag noch von einem Unteroffizier der deutschen Flakabteilung bedroht wurde, als er die weiße Fahne am Kirchturm hisste. Außerdem wurde gegen 13 Uhr versucht, eine Beobachtungsstation auf dem Kirchturm einzurichten.

An diesem 28. April 1945 zog die US-Armee am späten Nachmittag in Anwalting ein. Zwei zufällig anwesende junge Männer, die über Englischkenntnisse verfügten, konnten den Funkverkehr der Amerikaner mithören. Dabei erfuhren sie, dass die US-Truppen in Anwalting gestoppt wurden, Gebenhofen noch in deutscher Hand war und die Amerikaner einen Luftangriff planten.

Vom Flugplatz Toul-Ochey in Lothringen starteten um 16.15 Uhr zwölf Maschinen des Typs P-47D „Thunderbolt“ zu einem Einsatz, der vom Boden aus geleitet wurde. Ziel war der Ort mit den Koordinaten Y-3790: Gebenhofen. Um 17.30 Uhr waren die Maschinen über dem Ziel und flogen ihren Angriff.

Die Piloten gaben danach im Einsatzbericht an, zehn Gebäude zerstört und weitere 20 beschädigt zu haben. Dies kam der Wirklichkeit ziemlich nahe, denn 34 Gebäude waren beschädigt oder zerstört. Um 18.35 Uhr landeten wieder alle Maschinen in Toul-Ochey. Zurück blieb das brennende Gebenhofen. Die Flaksoldaten hatten Tote zu beklagen. Von den Einheimischen war niemand ernsthaft verletzt worden.

Alles Material musste mühsam beschafft werden

Nach der Bewertung des Landratsamtes war Gebenhofen die am schwersten getroffene Gemeinde im Landkreis. Man rief im ganzen Kreis dazu auf, Dachziegel zu spenden. Die Aufräum- und Aufbauarbeiten geschahen unter schwierigen Umständen. Viele Söhne und Männer waren noch im Krieg oder schon in Gefangenschaft, mancher war gefallen oder vermisst. Zu Hause waren die Frauen mit den Kindern und alten Leuten. Dazu kam die Mangelwirtschaft. Alles Material, das für den Wiederaufbau benötigt wurde, musste mühsam beschafft werden.

Eine Handvoll junger Männer aus Gebenhofen und ehemalige Flakhelfer, die nach dem Krieg bei den Bauern untergekommen waren, arbeiteten im Sommer 1945 einige Wochen in der Ziegelei in Mering. Thomas Riemensperger aus Affing fuhr sie auf der Ladefläche seines Lastwagens nach Mering und holte sie zum Wochenende wieder ab. Darunter war auch der damals 15-jährige Georg Engelhard senior. Die Helfer übernachteten in Mering in Privatunterkünften. Als Gegenleistung für den Arbeitseinsatz lieferte die Ziegelei Dachplatten nach Gebenhofen.

Etliche Gebäude wurden nun erneut beschädigt

Etliche Gebäude, die 1945 zerstört und wiederaufgebaut wurden, hat jetzt der Tornado erneut beschädigt oder zerstört. Der Wiederaufbau ist vor 70 Jahren unter weitaus schwierigeren Bedingungen gelungen. Es wird auch diesmal gelingen. Bleibt zu hoffen, dass nicht irgendwann wieder solche Vergleiche gezogen werden müssen.

Quellen: Augenzeugenberichte von Johann Erhard, Albert Recher sen. und Georg Engelhard sen., dem Vater des Verfassers, sowie der Bericht von Pfarrer Anton Wiedemann und der Einsatzbericht der amerikanischen Piloten.

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