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Kabarett

09.02.2015

Gegen Gleichmacherei und andere Neurosen

Drei Stunden lang unterhielt Kabarettist Stephan Zinner im Canada in Obermauerbach.
Bild: Manuela Rieger

Stephan Zinner, Söder-Parodist vom Nickherberg, präsentiert sich im Canada in Obermauerbach mit seinem aktuellen Programm „Wilde Zeiten“ drei Stunden lang herrlich fies und hinterfotzig

„Wilde Zeiten“ erlebte das Publikum im Obermauerbacher Canada am Freitagabend mit Stephan Zinner. In seinem Kabarett-Solo begeisterte der Wahlmünchner nicht nur wie gewohnt mit erfrischendem Witz, messerscharf pointierten Texten und bis zur absoluten Kenntlichkeit entlarvenden Typendarstellungen. Virtuos in Szene gesetzt, entspinnt sich entlang der Irrungen und Wirrungen unseres postmodernen Lebens eine abendfüllende Geschichte im Spannungsfeld zwischen digitalen Abgründen, handfesten Desastern und urkomischen Momenten für die absurde Ewigkeit.

Erfreulich hinterfotzig turnt Zinner im Schutze erwachsener Verbalität und gemeinsamen Gelächters im (bayerischen) Leben herum, beschäftigt sich leichthin mit Hobbys, Tücken, Schrullen. Irgendwo zwischen kollektivem Lachkrampf und halbernster Ansprache entsteht der Eindruck, dass die skurrile Welt gar nicht so weit weg ist von der Lebenswirklichkeit. Vater und Ehemann haben sich abgefunden, arrangiert mit dem Leben als kritisiertes Oberhaupt der Familie. So schlecht scheint es dem Familienvater damit aber nicht zu gehen. Drei Gitarren, ein Stuhl und eine Lampe: Zufrieden mit sich selbst betritt Stephan Zinner die Bühne im Canada. In bayerischem Dialekt und untermalt von gemütlichem Gitarrengroove, Blues oder Jazzanleihen hat sich der Kabarettist beim Publikum knappe drei Stunden lang ausgesprochen.

Von vornherein steht fest: Es wird einiges zum Jammern und zum Lamentieren geben. Und das heißt bei ihm vor allem das Familienleben. Wenn schon seine Frau und seine Kinder ihn bei der Entscheidung über Freizeitaktivitäten meist nicht mitreden lassen, seine Gattin sich nicht an vereinbarte Zeitpläne hält und sein pubertierender Sohn dem Campingurlaub in Italien so gar nichts abgewinnen kann: Irgendwo muss der gestresste Familienvater schließlich seine Wunden lecken.

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Ja, er muss sich nicht nur wundern über gewisse Autofahrer, die es eiliger zu haben scheinen als andere. Über ältere Schwimmer, die im Hallenbad ihre eigene Bahn belegen und über die Abgründe des menschlichen Charakters, die sich in der Warteschlange beim Semmelkaufen offenbaren: Aus all den kleinen Erlebnissen und Anekdoten, die in ähnlicher Form jeder schon mal erlebt hat, macht Zinner etwas Nachvollziehbares. Der Markus-Söder-Parodist kommt vom Hundertsten ins Tausendste, beklagt, dass in unserer Zeit „d’Leit drauf san wia a Schnellkochtopf ohne Ventil“, verschont nicht Kochsendungen oder Schlagergedudel. Und mit den zahlreichen Cremes seiner Frau könne man eine 20-köpfige Elefantenherde großflächig einschmieren.

Klar, es sind „wilde Zeiten“, in denen wir leben, so hat Zinner auch sein aktuelles Programm betitelt. Der Schauspieler erzählt vom Münchner Stadtlauf, von den jungen Leuten, die nur am Computer sitzen und sich kaum mehr physiotherapeutisch in Bewegung bringen können, vom Schlittschuhlaufen und dem Wischen auf den Smartphones. Und manchmal träumt der Kabarettist von Superkräften, vom Ausbrechen aus den Schranken des Gartenzauns und möchte bei vielen das Brett vor dem Hirn lockern. So manche Pointe schleicht sich im Deckmantel leichter und unverfänglicher Komik heran, nur um – vom verschmitzten Lächeln Zinners begleitet – dem Publikum links und rechts eine Ohrfeige zu verpassen, dass es nur so schallt. Und wenn er am Ende des Programms von Revolution spricht, ist damit nicht der gesellschaftliche Umsturz gemeint, sondern der Mut, im täglichen Leben nicht alles so zu machen, wie alle anderen auch. Zinners Rat freilich, wie man die Deppen in seinem täglichen Umfeld besser aushält, ist schlicht und weise zugleich: Man nehme diese einfach nicht ernst. Zudem macht es auch noch jede Menge Spaß. So wie der Abend im Canada auch.

TV-Tipp Den Auftritt von Stephan Zinner im Canada in Aichach-Obermauerbach hat ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks aufgenommen. Zu sehen ist das Solo-Kabarett am Donnerstag, 19. Februar, um 22 Uhr in der Sendung Capriccio.

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