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Verrückter Fund

22.11.2019

Geheimes Tagebuch: Archivar entdeckt Schatz in Aichach

Christoph Lang
2 Bilder
Christoph Lang
Foto: Evelin Grauer, Nicole Simüller

Plus In einem Buch in Geheimschrift beschreibt ein Dorflehrer seinen sonderbaren Alltag um 1870 inklusive Abende in Frauenkleidern. Was das Werk einzigartig macht.

Stadtarchivar Christoph Lang ist sich sicher: Aichach besitzt eines der verrücktesten Fundstücke, das jemals in einem Stadtarchiv aufgetaucht ist. Das Tagebuch des Dorflehrers Ignaz Meyer aus dem Aichacher Stadtteil Gallenbach aus dem 19. Jahrhundert. Das Besondere: Das Buch wurde in Geheimschrift verfasst und besteht nur aus Zahlen und Zeichen. Doch die Verschlüsselung ist nicht das Kurioseste an diesem Werk: Der Inhalt ist noch weitaus ungewöhnlicher.

Der Volksschullehrer beschreibt darin seine Alkoholexzesse, seine beruflichen und privaten Probleme, seine Spielsucht und seine Sexualpraktiken. Wie Christoph Lang berichtet, wird die Lektüre noch surrealer, als Meyer schildert, wie er abends in Frauenkleider schlüpft und zu stricken, nähen oder lesen beginnt. In der Zeit von 1870 bis 1879 – diese zehn Jahre umfasst das Tagebuch – vermutlich keine alltägliche Beschäftigung.

Dieses Foto ist in den Tagebüchern von Ignaz Meyer enthalten. Vermutlich zeigt es Meyer, sicher ist aber nicht.

Detaillierte Lebensdarstellung: Fundstück in Aichach ist einzigartig

Gerade diese detaillierte Lebensdarstellung ist das einzigartige an dieser Quelle. Bis 1900 gab es nur wenige Autobiografien und wenn, wurden sie geschönt. „Dieses Buch führt uns in Bereiche, die wir mit anderen Quellen nicht fassen können: Wie schaut es in dieser Zeit im Inneren eines Menschen aus?“, so Lang. Vermutlich nirgends finden sich Sätze wie: „Heute ebenfalls fleißig gearbeitet nachmittags angezogen und gestrickt mein mieder und mein unterrock sind zerrissen und die frau macht es nicht.“

Der Stadtarchivar ist vor acht Jahren zufällig auf diesen Schatz gestoßen, als er Praktikant Emanuel Schormair aus Kühbach durchs Museumsdepot führte. Der Praktikant zeigte sofort großes Interesse an dem merkwürdigen Buch und blätterte darin herum. So entdeckten Lang und er zwei Blätter, auf denen die Zeichen und Zahlen bereits entschlüsselt worden waren. Genauso wie fünf weitere Blätter mit bereits entzifferten Textpassagen. Vermutlich haben Mitte des 20. Jahrhunderts – darauf deutet das Papier hin – schon zwei Personen versucht, das Tagebuch zu übersetzen. Wer die Personen waren, ist nicht bekannt.

Nach dem Fund hat Lang den gesamten Text zusammen mit Volkskundlerin Theresia Sulzer und der mittlerweile verstorbenen Heidi Sumperl vom Freundeskreis des Stadtmuseums in lesbare Sprache übertragen. An besonders kniffligen Stellen wird immer wieder nachgearbeitet. Welchen Stellenwert das Tagebuch international haben könnte, weiß Lang erst seit kurzem. Vor wenigen Wochen hat ihn der Autor und Experte für historische Verschlüsselungstechniken, Klaus Schmeh aus Gelsenkirchen, angerufen und wollte wissen, wie viele Zeichen in dem Buch verwendet werden. Lang rechnete nach und kam auf 1,08 Millionen Zeichen inklusive Leerzeichen auf den 370 erhaltenen Seiten des Buchs. Damit ist das Meyersche Werk laut Schmeh das weltweit zweitumfangreichste Tagebuch in Geheimschrift. Nur Ernest Rinzi komme mit 1,5 Millionen Zeichen auf eine höhere Zahl.

Gibt es noch weitere geheime Tagebücher in Aichach?

Christoph Lang ist sich allerdings sicher, dass es noch weitere geheime Tagebücher von Ignaz Meyer gab oder gibt. Diese zu finden und noch mehr über Meyer und seine Familie, vor allem seine vier Kinder, zu erfahren, ist eine Zukunftsaufgabe für den Stadtarchivar. Alle Forschungsergebnisse sollen dann in ein Buch einfließen, das Lang in Zusammenarbeit mit Professor Klaus Wolf vom Lehrstuhl für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Augsburg plant. Neben dem entschlüsselten Tagebuch soll es eine Erläuterung und einen Kommentar Langs enthalten.

Schon Meyers Text allein dürfte viele Freunde finden. Sein Schreibstil, wenn auch ohne Satzzeichen, liest sich modern und spannend. Die Geschichte eines Chaoten, der mit sich und der Welt hadert und von einem Konflikt in den nächsten schlittert, angereichert mit sexuellen Erlebnissen, könnte durchaus lesenswert sein. Für Historiker, Psychologen und alle anderen.

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