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Literaturkritik

21.02.2015

Geteilte Liebe in einem geteilten Land

Karl-Heinz Westermayr und seine Frau Brigitte haben ein bewegtes Leben hinter sich. „Eines Tages kommst du rüber“, hat der ehemalige Aichacher Berufsschullehrer sein Erstlingswerk betitelt. Darin stellt er sein persönliches Schicksal und das seiner Frau in den großen politischen Kontext des geteilten Deutschland.
Bild: Foto: Vicky Jeanty

Eine deutsch-deutsche Beziehung trotzt der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Karl-Heinz Westermayr aus Aichach hat ein Buch über sein eigenes Leben geschrieben

„Für uns brachen jetzt Zeiten an, in denen die große Politik unser Leben nicht mehr so stark bestimmen sollte, wie in den vergangenen vier Jahren.“

Aichach Diese vier Jahre, 1971 bis 1975, sollten das Leben des fast 70-jährigen pensionierten Berufsschullehrers und seiner Frau Brigitte nachhaltig bewegen. So sehr, dass er darüber ein Buch geschrieben hat: „Eines Tages kommst du rüber – eine Liebesgeschichte im geteilten Deutschland“, lautet der Titel.

Auf sehr persönliche Art und Weise wird hier erzählt, wie die Liebe zwischen Brigitte aus dem ostdeutschen Oranienburg und Karl-Heinz aus Aichach in der komplexen politischen Landschaft im geteilten Deutschland Anfang der 70er-Jahre Fuß fasste. Trotz vieler Widrigkeiten nahm alles ein glückliches Ende.

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Bestimmte Jahreszahlen bleiben für die Westermayrs bis heute bedeutungsvoll: Vor 54 Jahren, am 13. August 1961, wurde in Berlin mit dem Mauerbau begonnen. Am 5. Juli 1975 fuhr Karl-Heinz Westermayr mit Brigitte Zander über die deutsch-deutsche Grenze in die westdeutsche Freiheit. Wenig später, am 12. September 1975, heirateten der damals 30-Jährige und seine 25-jährige Freundin in Aichach. Gemeinsam mit ihren drei Kindern feiern sie bald ihr 40. Ehejubiläum. Das Buch, das Karl-Heinz Westermayr als „autobiografische Erzählung“ bezeichnet, hat er in kürzester Zeit verfasst. „Es war alles in meinem Kopf“, sagt er. „Manche Dinge waren so prekär, dass ich sie nicht vergessen konnte.“

Westermayrs Erstlingswerk will allerdings mehr sein als „nur“ ein emotionaler Rückblick auf vier Jahre außergewöhnlich hartnäckiges Ringen um die geliebte Freundin. Er wollte ein Stück Zeitgeschichte aus der Sicht eines Westdeutschen schreiben. Als Zeitzeuge berichten, wie bestimmend sich die Ideologie des DDR-Regimes auf das Leben und Denken der Menschen innerhalb der Grenzlinie ausgewirkt hat. „Gerade die jüngere Generation, die die deutsche Teilung nicht mehr erlebt hat, näher an die geschichtlichen Hintergründe heranführen“, ist Westermayrs erklärtes Ziel.

Ab ihrer ersten Begegnung in der Silversternacht 1971/72 in Budapest gerieten die beiden jungen Leute aus West- und Ostdeutschland ungewollt in die Fänge des real existierenden DDR-Sozialismus.

Streckenweise liest sich das Buch wie ein abenteuerlicher Politkrimi. Unzählige Male beantragte der junge Karl-Heinz ein Visum, um seine Brigitte für ein paar Stunden zu sehen. Er fuhr in den vier Jahren viele Tausend Kilometer von Aichach nach Ost-Berlin. Er wurde an der Grenze gefilzt, von Offizieren schikaniert, sein Auto teilweise zerlegt. Einmal verhörte ihn die Stasi vier Stunden lang in den Katakomben der U-Bahn am Übergang Friedrichstraße. Er wurde unter Druck gesetzt, sollte Informant werden.

Sie musste ihre Tätigkeit als Grundschullehrerin aufgeben, nachdem ihre Beziehung zu einem „Wessi“ bekannt geworden war. Ihr Antrag auf ein weiterführendes Studium an der Uni wurde abgelehnt. Wiederholt kamen abschlägige Antworten, als sie eine Ausreisebewilligung für ihre Heirat beantragte. Eine zermürbende Zeit. Kleine Lichtblicke waren kurze, gemeinsame Ferien in Ungarn.

Wie viel Mauer verträgt so eine Liebe? Wie viel Sehnsucht bleibt auf der Strecke, wie viel Aggression staut sich an? Einmal dachte Westermayr über einen Fluchtversuch im umgebauten Auto nach, nahm sogar Kontakt mit einem Fluchthelfer auf. Im Rückblick ein gefährlich naives Vorhaben im großen politischen Spannungsfeld, wie es auch Bestsellerautor Wolfgang Welsch in seinem Vorwort bestätigt.

Westermayr erläutert das Auf und Ab der Beziehung stets mit Blick auf die restriktive DDR-Politik, bezieht die westdeutschen Entspannungsbemühungen ein. Sehr detailliert und sehr kritisch, gelegentlich zynisch-ironisch verdeutlicht er diese Prozesse, erklärt Hintergründe und Zusammenhänge.

Die Geschichte nahm ein glückliches Ende: Brigitte fand eine neue Heimat in Aichach, das junge Paar musste im Alltag allerdings erst zueinanderfinden. Nach dem Mauerfall bekam Karl-Heinz Westermayr Einblick in seine Stasi-Akte. Im letzten Buch-Kapitel – überschrieben mit „Auf unbekannt dünnem Eis“ – sieht er seine Vermutungen bestätigt: Die Stasi hatte sie von Anfang beide im Visier. Dass sie von einem Oberstleutnant letztendlich als Objekte bezeichnet wurden, die „als operativ nicht wertvoll einzustufen sind“, quittiert Westermayr heute mit einem amüsierten Lächeln.

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