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Aichach

13.02.2020

Grauen des Krieges: Zeitzeugen-Doku berührt in Aichach

So wie auf diesem Bild ging der Krieg 1945 vielerorts zu Ende: Gefangene deutsche Soldaten verlassen ihre ehemaligen Stellungen. Der Film "Die letzten Zeitzeugen" lässt Bürger aus dem Raum Augsburg zu Wort kommen.
Bild: Ulrich Wagner (Repro)

Im Film „Die letzten Zeitzeugen“ erzählen Menschen vom Krieg, den Nazis und dem Wegschauen bei jüdischen Schicksalen. Auch Aichachs Archivar Christoph Lang führte Interviews.

„Sag mir wo die Blumen sind? Wo sind sie geblieben?“ – Der vielsagende Anti-Krieg-Song mit dem Refrain „Wann wird man je verstehn?“ ertönt am Ende des Dokumentarfilms „Die letzten Zeitzeugen“. Knapp 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges nehmen die beiden jungen Augsburger Filmemacher Michael Kalb und Timian Hopf die Kinogänger mit auf eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Eine Reise, die sich wie ein Mosaik aus Erinnerungen und Erfahrungen von 37 Zeitzeugen aus dem Landkreis Augsburg zusammensetzt.

Die Reise führt in die Zeit zwischen 1930 und 1950, die geprägt ist vom Leben unter dem Nationalsozialismus, dem Krieg mit anschließender amerikanischer Besatzung sowie der Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Gebieten. Zudem begleitet die Kamera die beiden ungleichen Brüder Günther und Heinz Barisch aus Bobingen auf ihrer Reise nach Polen. Gleichsam humorvoll wie nachdenklich gehen sie auf Entdeckungsreise in ihre oberschlesische Heimatstadt Zülz, das heutige Biala.

Volles Kino: Zahlreiche Gäste kamen zur Vorführung. Darunter auch Franziska Rechner (Dritte von rechts) mit Tochter Helga (rechts daneben) und Enkelin Eva Maria.
Bild: Manfred Zeiselmair

Zur Aufführung in Aichach im Aichacher Cineplex-Kino war neben Filmemacher Timian Hopf auch Christoph Lang, Archivar und Leiter des Aichacher Stadtmuseums, gekommen. Lang war als Historiker zusammen mit Michael Kalb maßgeblich an den mehrstündigen Interviews beteiligt. Das entstandene Video-Archiv von über 50 Stunden gab den Anstoß und wurde zur Grundlage für den entstandenen Kinofilm. Rund 60 Kinogänger erlebten den Film in Aichach. Die 93-jährige Franziska Rechner aus Hölzlarn bei Thierhaupten ist eine der interviewten Zeitzeugen. Sie sitzt mit ihrer Tochter Helga und Enkelin Eva Maria im Kinosaal und verfolgt gespannt die Reportage.

Grauen des Krieges: Zeitzeugen-Doku berührt in Aichach

Dokumentation Zeitzeugen: Es geht um persönliche Erlebnisse

„Erinnern, Zuhören, Verstehen.“ Bereits im Untertitel der Dokumentation wird deutlich, dass es im Film nicht um historische Fakten geht. Im Vordergrund stehen die persönlichen Erlebnisse sowie Fragen über die Auswirkungen von Regime und Krieg für den Einzelnen, für die Familie und Freunde. Angefangen von den Führeransprachen, die man mit der ganzen Klasse im Wirtshaus verfolgen musste bis hin zu den Diskriminierungen von jüdischen Mitschülern oder Nachbarn, die plötzlich nicht mehr da waren. Es wurde vieles verdrängt oder „nicht viel dabei gedacht“, sagt ein Zeitzeuge im Film. Man war stolz, als Junge bei der Hitlerjugend (HJ) mitmachen zu dürfen oder als Mädchen beim BDM (Bund Deutscher Mädel). Sie waren jung und „haben ja auch viele schöne Momente erlebt“, erklärte ein anderer Zeitzeuge. Dazu die ehrliche Bekenntnis „Ma hat´s halt damals net ernst gnomma, dass des so komma wird…“. Und dann kam es so. Den Kriegsbeginn mit Hitlers schicksalhafter Ansprache erlebten viele im Radio. Wer über den „Führer“ ein böses Wort geäußert hat, musste sich vor Spitzeln in Acht nehmen.

Filmemacher Timian Hopf (links) und Historiker Christoph Lang freuten sich auf ein Wiedersehen mit der 93-jährigen Franziska Rechner aus Hölzlarn bei Thierhaupten
Bild: Manfred Zeiselmair

Ein Zeitzeuge erinnerte sich an den Ausspruch „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau komm.“ Eine Frau berichtet über die ersten Tieffliegerangriffe im Luftschutzbunker und die Bombardements auf Augsburg: „Da war der Schnee schwarz.“. Ein Kriegsteilnehmer erzählt, dass die Hälfte seiner Einheit im Jahr 1944 umgekommen sei. Und spricht von Glück, weil er kurz vor Kriegsende, durch mehrere Granatsplitter im Kopf getroffen, den „Heimatschuss“ bekam. Und immer wieder kommt die Hoffnung zum Ausdruck, „dass so was nie wieder kommt“. Sie berichten auch über ihre meist positiven Erlebnisse mit den amerikanischen Besatzern nach Kriegsende. Über die Angst, von ihnen erschossen zu werden und die Freude, als einer daraufhin die Brieftasche öffnete und ein Bild seiner Kinder vorzeigte.

Augsburg 1945: Plötzlich mussten Flüchtlinge untergebracht werden

Als später die ersten Flüchtlinge kamen und zwangsweise untergebracht werden mussten, habe man diese zunächst beschimpft. „Erst kamen die Schlesier, dann die Leute aus dem Sudetenland“, erinnert sich eine Zeitzeugin. Man wusste nicht „Gehen die wieder? Bleiben die da?“. Bis sich erste Freundschaften gebildet haben.

Wenngleich die Interviews nach Auskunft von Christoph Lang bewusst keine Parallelen zur Gegenwart gesucht haben, zeigen sie Verhaltensweisen auf, die auf die heutige Zeit übertragbar sind. Ein Besucher regte bei der anschließenden Fragerunde an, den Film als zeitgeschichtliches Zeugnis an den Schulen zu zeigen. Filmemacher Hopf stimmte zu, gab aber zu bedenken, dass der Stoff zuvor zeitgeschichtlich behandelt werden müsse.

Im Januar fand die Welturaufführung des Dokumentarfilm „Die letzten Zeitzeugen. Erinnern – Zuhören – Verstehen“ von Michael Kalb und Timian Hopf im Augsburger Thalia-Kino statt. Seitdem gab es mehrere Aufführung an anderen Orten. Der Film berührt die allermeisten Kinobesucher sehr.
Bild: Michael Kalb

Franziska Rechner aus Hölzlarn, die im Film nicht zu Wort kommt, kann sich noch gut an die Zeit des Kriegsausbruchs erinnern. Sie erzählt, dass sie als 13-Jährige zum Pflichtdienst beim Kirchenwirt-Bauern nach Ebenried bei Osterzhausen (Gemeinde Pöttmes) berufen wurde. Ihr älterer Bruder Max sei aus dem Russlandfeldzug nicht mehr zurückgekehrt. „Vermisst“, sagt sie nur. Mit 19 Jahren habe sie dann ihren Mann geheiratet. Dieser war nach einem Lungendurchschuss in Russland nicht mehr wehrdiensttauglich. Als die ersten Amerikaner nach Ebenried kamen, habe sie sich ihr Dirndl angezogen und ihnen was gekocht. Danach durfte sie sich aus einem Lastwagen voller Stoffballen etwas aussuchen. „I hab mir a Gwand draus gnaht.“, sagt sie. Rechner hat trotz der Schicksalsschläge ihren Humor nicht verloren.

Nach dem Film erklärt ihr Timian Hopf, warum sie nur im Trailer des Films zu sehen ist: „Wir hatten einfach zu viel Material und konnten nicht alle Zeitzeugen im Film unterbringen“. Lächelnd gibt die 93-jährige Kinobesucherin Kontra: „Wahrscheinlich war i Eich net schee gnua!“.

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