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Volkstrauertag

13.11.2016

Gut gelaunt zur Musterung

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3 Bilder
Mit den Fahrrädern kamen sie aus Augsburg von der Musterung zurück. Als Zeichen dafür trugen sie ein Blumensträußchen am Revers: (von links) Josef Widmann, Xaver Winter, Thomas Winter, Valentin Hiermüller, Michael Zeitlmeir, Johann Rappolder, Thomas Settele und Andreas Ettner. Fotografiert hatte Peter Sedlmeir.
Bild: Repro: Georg Engelhard

Sie sind jung und sie wollen leben. Doch dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Neun Schicksale junger Soldaten des Geburtsjahrgangs 1923 aus Affing.

Am Volkstrauertag wird an den Kriegerdenkmälern im Wittelsbacher Land der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht, insbesondere der Opfer unserer Tage. Die Auswirkungen der jetzigen Kriege strahlen bis in den Landkreis aus. Auch hier suchen und finden wieder Menschen Zuflucht, die ihre Heimat auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung verlassen mussten. Damit hat der Volkstrauertag eine bedrückende Aktualität. Wir erinnern an neun von Abermillionen Schicksalen während des Zweiten Weltkriegs, an drei Gefallene und Vermisste von 50 Millionen Kriegstoten.

Am 20. Juni 1941 mussten neun junge Männer des Geburtsjahrganges 1923 aus Gebenhofen, Anwalting und Haunswies zur Musterung ins Wehrbezirkskommando nach Augsburg. Mancher dieser Neun war zu diesem Zeitpunkt noch keine 18 Jahre alt, aber der Arbeitsdienst und der anschließende Kriegsdienst standen bevor.

Bei der Musterung waren sie gut gelaunt. Anschließend wurde in der Gastwirtschaft Zur Post in Affing eingekehrt. Auf einem Bild, das sie bei einer fröhlichen Rangelei vor der Wirtschaft zeigt, ist auf der Rückseite der Vermerk „Der unverwüstliche Jahrgang 1923“ zu finden. Dieser optimistische Satz muss vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gesehen werden.

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Deutschland war auf dem Gipfel seiner Macht. Man hatte bis auf England alle Kriegsgegner besiegt und beherrschte Europa von Norwegen bis nach Kreta. Von den neun jungen Männern ahnte keiner, dass nur zwei Tage später der Russlandfeldzug begann, der für manchen von ihnen zum Schicksal werden sollte. Einer verlor einen Unterschenkel und einen Unterarm, einige mussten eine bittere Zeit in Kriegsgefangenschaft verbringen, drei kehrten nicht wieder heim.

Josef Widmann wurde am 15. August 1923 in Gebenhofen geboren. Nach der Volksschule machte er eine Schreinerlehre, um später die Dorfschreinerei seines Vaters zu übernehmen. Von Oktober 1941 bis Februar 1942 war er beim Reichsarbeitsdienst. Am 23. März 1942 zog ihn die Wehrmacht zu den Pionieren ein. Ab Juli 1942 war er bei der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront eingesetzt, bis er am 16. Februar 1943 auf eine Mine trat und mit 19 Jahren den rechten Unterschenkel und den rechten Unterarm verlor.

Wegen dieser schweren Verwundung wurde Josef Widmann am 7. Oktober 1944 aus der Wehrmacht entlassen. Er machte seinen Meisterbrief als Schreiner und führte den Handwerksbetrieb des Vaters mit seinem jüngeren Bruder fort. Nebenbei übernahm er die Verwaltungsaufgaben der damaligen Raiffeisenkasse Gebenhofen. Um 1970 gab er die Schreinerei auf und arbeitete bis zum Ruhestand in der Raiffeisenbank. Josef Widmann starb am 6. Oktober 2012.

Xaver Winter wurde am 17. Februar 1923 in Gebenhofen geboren und wuchs auf dem elterlichen Anwesen mit mehreren Geschwistern auf. In der Wehrmacht erhielt er seine Ausbildung bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall. Der Kriegseinsatz führte ihn zur Partisanenbekämpfung nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Er war mit einem Vorgesetzten auf einem Kettenkrad unterwegs, als sie von Partisanen überfallen wurden. Xaver Winter wurden beide Oberschenkel durchschossen. Er trug eine Fleischwunde davon, der hinter ihm sitzende Oberleutnant kam bei diesem Überfall um. Bei Kriegsende befand er sich zu Hause, musste sich aber verstecken, um nicht zu einem der letzten sinnlosen Einsätze herangezogen zu werden. Er heiratete 1951 und übernahm die elterliche Landwirtschaft. Xaver Winter starb am 2. Oktober 1999.

Thomas Winter wurde am 9. Oktober 1923 in Anwalting geboren. Auch er stammte aus einer Landwirtschaft, auf der er mit einigen Geschwistern aufwuchs. Nach der Schulzeit war er Dienstbote bei Bauern. Die Wehrmacht stationierte ihn an der französischen Atlantikküste. Kurz vor Kriegsende erfolgte die Verlegung an die Ostfront.

Im heutigen Polen geriet der junge Soldat in Kriegsgefangenschaft und musste viereinhalb Jahre unter kärglichen Bedingungen in einem Bergwerk in Kattowitz arbeiten. Seiner Familie erzählte er von der Suppe, in der nur ein paar Fischgräten schwammen. Bei der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Oktober 1949 befand er sich in schlechter körperlicher Verfassung. Sein Magen war so entwöhnt, dass er keine normale Mahlzeit mehr vertrug. Er musste langsam wieder zu Kräften kommen. 1961 heiratete er in eine Landwirtschaft in Todtenweis ein. Thomas Winter starb am 13. Oktober 2013.

Valentin Hiermüllerwurde am 4. Februar 1923 in Gebenhofen geboren. Mit einem Bruder und einer Schwester wuchs er auf dem Hof seiner Eltern auf. Als Ältester war er der Erbe, so arbeitete er bis zur Einberufung auf dem Anwesen mit. Die Wehrmacht setzte ihn wegen einer Knieverletzung zur Bewachung von Kriegsgefangenen im Rheinland ein. Erst Ende 1944 oder Anfang 1945 kam die Verlegung an die Ostfront, wo es nach kurzer Einsatzzeit kein Lebenszeichen mehr von ihm gab.

Wenige Monate vor Kriegsende gehörte er zu den Vermissten. Seine Familie wusste mehrere Jahre nicht, wo er geblieben war. Schließlich kam die Nachricht, dass er am 23. Januar 1945 in Dzieckowice bei Kattowitz im heutigen Polen umgekommen war.

Michael Zeitlmeir wurde am 28. Juni 1923 in Gebenhofen auf einem der größeren Anwesen des Ortes geboren, wo er mit mehreren Geschwistern aufwuchs. Im Juni 1941 war er Gymnasiast in St. Stephan in Augsburg. Schon damals hatte er die Absicht, Priester zu werden. Anfang 1942 erfolgte die Einberufung zu den Gebirgsjägern nach Bad Reichenhall. Nach einer Stationierung in Frankreich erfolgte in der Karwoche 1943 die Verlegung in die Region südlich des Ilmensees in Nordwestrussland.

Bei einem Angriff auf russische Truppen bei Witebsk wurde Michael Zeitlmeir der rechte Oberschenkelknochen durchschossen. Es folgten Lazarett- und Genesungsaufenthalte. Im Frühherbst 1944 musste er zurück zur Truppe und kam zu einer Genesenden-Kompanie nach Colmar im Elsass. Nach vier Wochen ging es an den Oberrhein zwischen Basel und dem Bodensee. Bei Donaueschingen geriet er in Kriegsgefangenschaft und wurde nach Frankreich gebracht.

Nach seinen Erlebnissen befragt, schrieb er: „Schwerer Hunger, in Valence zum Verhungern.“ Die Entlassung erfolgte Ende Januar 1946. Nach der Heimkehr nahm er ein Theologiestudium auf und wurde zum Priester geweiht. Am 14. Mai 1951 feierte er seine Primiz in Gebenhofen und war anschließend lange Jahre als Gemeindepfarrer tätig. Michael Zeitlmeir lebt als Ruhestandsgeistlicher in Häder (Gemeinde Dinkelscherben).

Johann Rappolder wurde am 5. Mai 1923 in Gebenhofen geboren. Er stammte aus einer kleinen Landwirtschaft. Nach der Volksschule war er Dienstbote bei Bauern. Er wurde 1942 zur Wehrmacht nach Lindau einberufen. Anschließend ging es an die Ostfront. Seine Einheit war in den Pripjetsümpfen und im Kaukasus im Einsatz.

Johann Rappolder wurde von einem Granatsplitter so nahe am Herzen getroffen, dass dieser nicht entfernt werden konnte. Er kam zur Genesung in die Heimat und wurde anschließend in den Vogesen eingesetzt, wo er in den Kämpfen Ende 1944 oder Anfang 1945 am Fuß verwundet wurde. Man schickte ihn wieder zur Genesung nach Hause.

Bevor der nächste Einsatz kam, war der Krieg vorbei und Johann Rappolder entging so der Gefangenschaft oder Schlimmerem. 1949 heiratete er in das damalige Mannhard-Anwesen am heutigen Schmiedbergweg in Gebenhofen ein, das er mit seiner Frau bis zur Übergabe an die nächste Generation bewirtschaftete. Johann Rappolder starb am 24. März 2006.

Thomas Settele wurde am 28. September 1923 in Gebenhofen geboren. Auf dem großen landwirtschaftlichen Anwesen seiner Eltern wuchs er mit etlichen Geschwistern auf. Bis zu seiner Einberufung arbeitete er dort mit. Die Wehrmacht zog ihn zur Infanterie ein und schickte ihn nach Russland, wo er bei einem Einsatz den kleinen Finger und den Ringfinger der rechten Hand verlor. Es folgten vier harte Jahre in Kriegsgefangenschaft.

Thomas Settele erzählte seiner Familie, dass er vor Hunger Gras gegessen habe. Nach seiner Rückkehr in die Heimat arbeitete er wieder auf dem elterlichen Hof mit. 1958 heiratete er in eine kleine Landwirtschaft in Bitzenhofen (Gemeinde Dasing) ein und arbeitete auch auf dem Bau. Thomas Settele starb am 14. Oktober 2013.

Andreas Ettner wurde am 6. November 1923 geboren. Er stammte aus Haunswies. Nach der Schulzeit war er zuerst in Gaulzhofen und dann in Gebenhofen auf dem Mägele-Anwesen als Knecht im Dienst. 1942 wurde er zur Wehrmacht nach Ingolstadt einberufen. Der weitere Einsatz erfolgte an der Ostfront. Wie einer seiner Kameraden berichtete, geriet er im Juni 1944 bei Minsk schwer verwundet in Gefangenschaft. Danach gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Andreas Ettner gilt bis heute als vermisst.

Peter Sedlmeir wurde am 26. Juni 1923 in Lechhausen geboren. Seine Mutter stammte aus einem Bauernhof in Anwalting. Dort wuchs Peter Sedlmeir bei der Familie seiner Mutter auf und arbeitete dort bis zu seiner Einberufung mit. Die Wehrmacht setzte ihn in einem Grenadier-Regiment an der Ostfront ein.

Mit Schreiben vom 26. Dezember 1943 teilte der Kompanieführer seinem Onkel mit den beschönigenden Aussagen des Dritten Reiches mit, „...dass Ihr lieber Neffe Peter Sedlmeir bei einem feindlichen Angriff in Malo-Kosslowitschi (Kreis Bobruisk) am 23. Dezember 1943 im Kampf um die Freiheit Großdeutschlands in soldatischer Pflichterfüllung getreu seinem Fahneneide für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod gefunden hat.“ Beerdigt wurde er in Chodossowitschi bei Bobruisk in Weißrussland.

Quellen: Wehrpass Josef Widmann; Bericht Pfarrer i.R. Michael Zeitlmeir; Mitteilung der Wehrmacht über den Tod von Peter Sedlmeir sowie Schilderungen von Angehörigen und Bekannten.

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