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Inchenhofen

07.12.2018

Händler-Anwesen soll 2020 wieder eröffnet werden

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Der Schriftzug auf der Fassade zur Sainbacher Straße hin erinnert noch daran, dass das Gebäude einst ein Lagerhaus war. Heute beherbergt ist es anspruchsvolle Wohnungen mit einem besonderen Charme.
Bild: Harald Jung

Plus Das Gebäude im Schatten von St. Leonhard wird in mühevoller Kleinarbeit gerettet. Bauarbeiter entdecken schon jetzt Überraschungen - und es warten noch weitere.

Es ist ein markantes Ensemble, da gleich gegenüber der imposanten Wallfahrtskirche St. Leonhard. Das ehemalige Anwesen Händler („Kratzer-Wirt“) mit den stattlichen Ökonomiegebäuden von einst kennt man schon wegen der interessant strukturierten Fassade. Viele Wallfahrer und Durchreisende haben sich in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten sicher davon beeindrucken lassen: Ja, das ist ein gastliches Haus und dort lässt es sich gut einkehren.

Aber dann kamen schlechte Jahre. Wirtshaus, Nebengebäude und auch das dahinter liegende wuchtige Lagerhaus mit dem auffälligen Schriftzug „Lagerhaus Zachäus Händler“ haben ziemlich gelitten. Schließlich war sogar die Versteigerung angesetzt, aber die platzte. Interessenten gab es zwar zunächst mehrere, aber am Ende zogen alle zurück – meist ernüchtert, nachdem sie den enormen Sanierungsaufwand kalkuliert und die Auflagen des Denkmalschutzes studiert hatten.

Ein Mann ging die Sache dagegen mit Zuversicht und Tatkraft an: Konrad Schneller, 68, traute sich an den „Händler“. Der Inchenhofener Geschäftsmann (Montage- und Fassadenbau) kaufte quasi in letzter Minute das rund 5500 Quadratmeter große Areal mit Lagerhaus, Stadel, Schlachthaus, einem großen Hühnerstall und mehreren kleineren Nebengebäuden, später dann auch das Wirtshaus. Das stattliche Eckgebäude an der Sainbacher Straße hatte Schneller zuvor bereits von einer Bank erworben.

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Restarbeiten an der Fassade laufen

Das Nutzungskonzept ist breit angelegt, gut gemixt, könnte man sagen: Das Gebäude an der Sainbacher Straße, direkt neben dem alten Wirtshaus, ist innen und außen inzwischen saniert. Drei Wohneinheiten und ein Büro sowie zwei Ferienwohnungen sind bezogen.

Dann ging es im alten Lagerhaus weiter. Dort sind vier Wohnungen und drei Fremdenzimmer realisiert, zurzeit laufen Restarbeiten an der Fassade. Die Räume sind hoch, hell und sehr großzügig. Große Fenster gestatten einen herrlichen Blick in das Umland. Alte Balken wurden gereinigt und behandelt und blieben freigelegt. Das hat Qualität. Leben wie im Loft.

Jetzt ist das alte Gasthaus an der Reihe, nachdem die letzte Bewohnerin im Mai verstorben ist. Anna Händler wurde fast 94 Jahre alt und genoss nach dem Verkauf lebenslanges Wohnrecht. Alle Räume sind noch so, wie sie von der betagten Dame verlassen wurden, als sie wenige Tage vor ihrem Tod ins Krankenhaus musste. Überall Dornröschenschlaf. Alles strotzt von einer Atmosphäre, wie sie nur eine uralte Bauernwirtschaft ausstrahlen kann.

Im Tanzsaal im ersten Stock steht noch die Theaterbühne mit dem schönen Bühnenbild, als wären die Darsteller nur eben in der Pause. In der alten Wirtsstube stehen hie und dort noch Gläser, daneben die Bierfilzl, als würde gleich die Bedienung vorbeikommen und nachschenken.

Auch vom Wirtshaus soll möglichst viel erhalten und renoviert werden. Innen wie außen. Die Denkmalbehörde spricht ein gewichtiges Wort mit. Das imposante Gasthaus ist das älteste Bauwerk auf dem Areal. Der Ursprung reicht zurück bis in das Jahr 1658.

Wiedereröffnung im Jahr 2020 geplant

Ziel ist der Abschluss der Sanierung und die Wiedereröffnung des Wirtshauses im Jahr 2020. Allerdings nicht als herkömmliches Gasthaus. Konrad Schneller wird die gemütlichen alten Räume für private Feste vermieten, beispielsweise für Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten. In der Stube haben gut 70 Menschen Platz, gleich dahinter liegt noch ein kleines Nebenzimmer. In der alten Küche sticht ein riesiger Holzherd ins Auge. Wie viele zigtausende Schweinebraten wohl in den beiden großen Backröhren geschmort haben? Der „Wamsler“ wurde in den 1950er-Jahren installiert. „Der hat damals 50000 Mark gekostet“, weiß Schneller von der Vorbesitzerin. Eine unglaublich hohe Summe. Aber es ist auch ein unglaubliches Monstrum, das nicht nur zum Kochen diente: Eingebaut ist auch eine Warmwassererwärmung, mit der die oberen Räume beheizt werden können. Und was folgt auf die Wirtshaussanierung? Dann kommt etwas, das ein Schmankerl sein könnte. Die Filetstücke liegen tief im Untergrund, quasi im historischen Ur-Boden von Leahad. Es sind mächtige, alte Gewölbekeller. Wer die fast schon gefährlich schiefen und ausgetretenen Steintreppen hinuntersteigt, taucht ein in eine Zeit, weit zurück.

„Unterwelt-Gefühl“ kommt vor allem in einem zuletzt als Eiskeller genutzten Gewölbe auf. Die Raumhöhe beträgt über vier Meter, riesige Spinnweben hängen herunter, in den Ecken findet man altes Gerät, achtlos zurückgelassen. Hier, knapp zehn Meter unter der Erde, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Schneller möchte die Treppen später verkehrssicher machen und das Gewölbe unter Umständen als Party-Keller nutzen, nur mit Fackeln und Kerzen an den Wänden. Da könnte Stimmung aufkommen – und der Lärmschutz für die Nachbarn wäre selbst dann garantiert, wenn jemand die Lautstärkeregler der Musikanlage bis zum Anschlag aufdrehen würde.

Es gibt noch andere interessante Gewölbegänge, die zwar kleiner sind, aber große Überraschungen bergen könnten: alte Geheimgänge. Sie wurden einst als Fluchtwege gebaut, wenn Feinde in den Ort eingefallen waren. Viele Häuser in Inchenhofen waren einst über solche Gänge verbunden. Im „Händler“ sind sie teilweise noch erhalten, allerdings führen sie nur noch bis knapp unter die Hauskante hinaus, dann sind sie zugemauert. Einer dieser Gänge soll in das ehemalige Zisterzienserkloster auf der gegenüberliegenden Straßenseite geführt haben. Ein anderer soll mit einem weiteren – noch viel größeren – verbunden gewesen sein, der bis in das so genannte Bannholz gereicht haben soll, das zwischen Inchenhofen und Großhausen liegt. Ein solcher Fluchttunnel hielt sich über die Jahrhunderte in den Erzählungen oder vielleicht auch Sagen, aber historisch einwandfrei nachweisen konnte man ihn nicht.

Alte Schätze schlummern im Gebäude

Trotzdem – die Gewölbe könnten vielleicht noch Material für das Heimatbuch liefern, wenn die Zumauerungen irgendwann einmal geöffnet werden sollten. Allerdings liegt die Befürchtung nahe, dass dahinter nur Erdreich zum Vorschein kommen wird, weil beim Ausbau der Straßen sowie diversen Kanal- und Leitungsbauarbeiten vieles vernichtet worden sein dürfte.

Nicht zerstört wurde dagegen sehr vieles, was in den Gebäuden teils 100 Jahre und mehr vor sich hin schlummerte. Zahllose alte Bauernschränke, Betten, Kommoden oder landwirtschaftliches Gerät ist zum Vorschein gekommen. Vor allem unter dem alten Mobiliar findet man viele Stücke, die das Herz eines Antiquitätenhändlers höherschlagen lassen würden. Beim „Händler“ müssen einmal ziemlich goldene Zeiten geherrscht haben.

„Wir haben fast alles aufgehoben“, sagt Schneller. Möglichst viel soll wiederverwendet werden, beispielsweise zur Dekoration. So wie das vermutlich erste Modell einer „Miele“-Waschmaschine. Die ist aus Holz und mit einer Kurbel ausgestattet – Handbetrieb. Aber auch das Nachfolgemodell ist aufgetaucht. Ebenfalls aus Holz, aber schon mit einem klobigen Elektromotor. Im Schlachthaus standen auch noch der riesige alte Hackstock und der wuchtige Wurstkessel. Aber den hat unlängst irgendein Zeitgenosse „stibitzt“, bedauert Schneller. Denn das hochbetagte Stück war in einem hervorragenden Zustand und hätte noch gut für einige Kesselfleischessen hergehalten.

Der neue Herr über den „Kratzer“ will alles möglichst originalgetreu erhalten. Wie das Anwesen im Ursprung ausgeschaut hat, zeigt ein altes Bild, das in der Gaststube hängt. Es stammt aus der Zeit, als das Anwesen noch im Besitz des Bierbrauers Johann Hegele war. Auch für ihn war die Wallfahrt zum heiligen Leonhard ein einträgliches Geschäft. Vielleicht eröffnet der „Kratzer“ ja schon zum Leonhardiritt 2019? Dann würde sich ein Kreis schließen. Denn der Händler und die Wallfahrt haben irgendwie schon immer zusammengehört.

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