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Aichach-Friedberg

23.01.2019

Häusliche Gewalt: Opfer auf dem Land haben es oft schwer

Opfer häuslicher Gewalt finden sich in sämtlichen sozialen Schichten und in jeder Altersstufe. Dass sich viele Betroffene keine Hilfe suchen, hat auch mit Schamgefühlen zu tun. (Symbolfoto)
Bild: Anne Wall

44 Fälle wurden 2018 bei der Aichacher Polizei angezeigt. Es gibt mehr männliche Opfer, als man denkt. Eine Betreuerin schildert ihre Erfahrungen.

Es waren auf den ersten Blick erschreckende Zahlen, die das Bundeskriminalamt Ende 2018 vermeldete: Jeden zweiten bis dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Hand ihres Partners. Dazu kommen Fälle von Körperverletzung, Vergewaltigung, Stalking und Zwangsprostitution. Im Bereich der Polizei Aichach wurden im vergangenen Jahr 44 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt, im Jahr davor waren es 48. In Friedberg verzeichnet die Inspektion 2018 rund 60 (2017: 63) angezeigte Straftaten. Experten gehen davon aus, dass die meisten Fälle nie angezeigt werden.

Um die Opfer, die in keiner Statistik auftauchen, kümmert sich im Landkreis zum Beispiel Daniela Schwab. Als Ehrenamtliche unterstützt sie für den Verein Weißer Ring Menschen, die Opfer von Kriminalität geworden sind. Statistiken zeigen, dass sich häusliche Gewalt durch sämtliche soziale Schichten zieht und Menschen jeden Alters betroffen sind. Das kann Schwab bestätigen. Seit fast sieben Jahren betreut sie Frauen jeden Alters. Sie berichtet von einer über 80-Jährigen, die entschieden habe, ins Frauenhaus zu gehen.

Warum Frauen meist lange brauchen, um sich zu trennen

Unter Helfern wie Schwab kursiert ein Richtwert: Um die sieben Jahre dauert es, bis eine Frau es schafft, sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen. Viele Opfer kehrten dennoch nach kurzer Zeit zu ihrem Peiniger zurück. Schwabs Erklärung: Für Frauen, die aus einer langjährigen Ehe kommen, stellt sich das Leben durch eine Trennung auf den Kopf. „Das ist hart. Denn die Opfer müssen auch an sich selbst arbeiten“, sagt sie. Die Traumata der Frauen sitzen mitunter sehr tief. Häufig haben sie schon in ihrer Kindheit Gewalt erfahren.

Von den rund 60 Fällen häuslicher Gewalt, die 2018 bei der Polizei Friedberg angezeigt wurden, waren die Tatverdächtigen in 15 Fällen betrunken. In 39 Fällen hatte der mutmaßliche Täter keinen deutschen Pass. Peter Zimmermann, stellvertretender Dienststellenleiter, erklärt den hohen Anteil von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund, mit religiösen und sozialen Traditionen. Viele Frauen würden hier mit westlichen Standards konfrontiert. Brechen sie dann aus den Traditionen aus, gebe es Ärger mit dem „Herrn im Haus“. „Ich denke, dass hier die Dunkelziffer besonders groß ist, weil sich diese Frauen noch weniger als deutsche trauen, zur Polizei zu gehen“, sagt er. ( Häusliche Gewalt: Wenn der eigene Partner zum Täter wird )

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Polizei in Aichach. Nichtdeutsche Täter werden bei 13 Fällen (2017: 19) verzeichnet, in sieben (wie im Vorjahr) Fällen war Alkohol im Spiel. Das berichtet Pressesprecher Peter Löffler.

Beate Oswald-Huber ist Gleichstellungsbeauftragte am Landratsamt. Die Opfer, die Oswald-Huber und Schwab betreuen, sind kreuz und quer im Wittelsbacher Land verteilt. Für Frauen, die in kleinen Dörfern leben, sei es mitunter etwas schwerer, sich von gewalttätigen Männern zu trennen, sagt sie. „Auf dem Land herrscht rund um das Thema noch ein ganz anderes Tabu“, berichtet Schwab. Dazu kämen strukturelle Aspekte: In der Stadt bekämen Nachbarn schnell mit, wenn in der Wohnung nebenan ein Ehestreit zu Handgreiflichkeiten führt. Auf dem Land sind die Grundstücke häufig weit voneinander entfernt. Dazu sei vielen Betroffenen wichtig, was Nachbarn und Bekannte denken. „Die Opfer wirken nach Außen häufig ganz anders“, sagt Schwab. In einer Dorfgemeinschaft bedeutet die Trennung vom Partner meist auch Wegzug. „Die Frauen wissen, dass sie nicht nur die Partnerschaft aufgeben, sondern auch ihre sozialen Kontakte“, so Oswald-Huber.

Der bundesweiten Statistik zufolge sind mehr als fünf von sechs Opfern Frauen. 2018 bearbeitete die Polizei Friedberg drei Fälle von häuslicher Gewalt, in denen Männer die Opfer waren. Schwab hatte bisher Kontakt zu einem männlichen Betroffenen. Bei Oswald-Huber hat sich in fast 20 Jahren Dienstzeit noch keiner gemeldet.

Häusliche Gewalt: Männer sind öfters betroffen als gedacht

Ganz anders sieht die „Männerquote“ im Bereich der Polizei Aichach aus. Im vergangenen Jahr waren 16 Männer von häuslicher Gewalt betroffen, im Vorjahr laut Pressesprecher Löffler zwölf. Gewalt gegen Männer kommt ihm zufolge öfter vor, als häufig angenommen wird. Manche Fälle schildert Löffler so: „Er säuft, sie schlägt.“ Doch nicht immer kann eine Trunkenheit des Mannes als „Entschuldigung“ gelten. Manchmal ist eine Frau der Täter, manchmal ist die Gewalt in der Beziehung beidseitig. Löffler erzählt von Fällen, in denen die Polizei monatlich gerufen werde: „Erst streiten sie, dann schlagen sie sich und wenn sie wieder nüchtern sind, vertragen sie sich.“

Egal, ob das Opfer männlich oder weiblich ist: Viele Betroffene haben vor allem Scham. Sie verhindere häufig, dass sich Opfer Hilfe suchen, berichtet Oswald-Huber. Sie ist überzeugt, dass daran nur die Gesellschaft etwas ändern kann. Der erste Schritt sei, Menschen offen anzusprechen, wenn man den Verdacht hegt, dass sie Opfer häuslicher Gewalt seien. „Im Zweifel auch lieber einmal zu viel als einmal zu wenig bei der Polizei anrufen“, rät Oswald-Huber. Auch wenn das Opfer abblocke, dadurch könne das Eis brechen. Möglicherweise suche der oder die Betroffene anschließend Hilfe.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Häusliche Gewalt in Aichach-Friedberg: Mut ist gefragt

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