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JVA Aichach

08.01.2019

Hinter Gittern: Wie Kunst Frauen im Knast hilft

Mit dem Pinsel tupft diese Inhaftierte Farbe auf die Leinwand. Das „Restebild“ wandelte sich zu einer ihrer aufwendigsten Arbeiten.
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Mit dem Pinsel tupft diese Inhaftierte Farbe auf die Leinwand. Das „Restebild“ wandelte sich zu einer ihrer aufwendigsten Arbeiten.
Bild: Gerlinde Drexler

Plus Künstlerische Aktivitäten helfen in der JVA Aichach inhaftierten Frauen. Die Werke sind im Sisi-Schloss und im Rathaus zu sehen.

Mit dem Pinsel in der Hand verharrt die junge Frau einen Moment vor dem Bild. Dann tupft sie konzentriert rote Farbe auf die Leinwand. Zusammen mit etwa sieben bis acht anderen Frauen besucht sie jede Woche eine der vier Kunstgruppen, die in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aichach angeboten werden. Die Frauen sagen: „Das tut unserer Seele sehr gut.“ Karola Steinbauer, freischaffende Künstlerin und Kunsttherapeutin, staunt, welche Talente in ihren Kursteilnehmerinnen schlummern.

Das geht vielen der Frauen genauso. Eine sagt: „Ich wusste gar nicht, dass ich zeichnen kann.“ Vor ihr liegt eine Bleistiftzeichnung, die sie nach einer Vorlage angefertigt hat: das Porträt eines Rappers, dessen Musik sie gerne hört. Die Ähnlichkeit zwischen der Vorlage und ihrer Arbeit ist unverkennbar. Das Malen mit dem Schattierstift liege ihr offenbar, sagt die junge Frau. Ein wenig Stolz ist herauszuhören, als sie auf ihre Zeichnung zeigt und sagt: „Das ist erst mein drittes Bild.“ Einmal die Woche trifft sich die Kunstgruppe. Die Teilnehmer können frei entscheiden, was und wie sie malen wollen. Einige setzen die Arbeit an angefangenen Bildern fort, greifen zu Acryl- oder Aquarellfarben. Aber auch das Gestalten von Weihnachts- oder Grußkarten gehört dazu. „Das wäre mir früher nicht in den Sinn gekommen“, sagt eine der Frauen.

Die Ähnlichkeit zwischen Vorlage und Bleistiftzeichnung ist unverkennbar.
Bild: Gerlinde Drexler

Wie die Kunst den hinter Gittern hilft

Es sind zwei Stunden, in denen die Inhaftierten des einzigen Frauengefängnisses in Bayern, das gut 400 Haftplätze für Frauen und gut 100 für Männer hat, abschalten können. „Einmal weg vom Lärm und dem Gang“, sagt eine. In der Kunstgruppe herrscht eine entspannte Atmosphäre. Es wird gelacht und die Frauen vergessen für eine kurze Zeit, dass sie im Gefängnis sind. „Einfach mal raus aus der Zelle“ – das war für die meisten der Grund, sich künstlerisch zu betätigen.

Karola Steinbauer versucht jede der Teilnehmerinnen individuell zu unterstützen: „Nur so kann ich ihr gerecht werden und sie fördern.“ Seit Mai 2014 leitet sie die insgesamt vier Kunstgruppen. Drei werden von Erwachsenen besucht, eine von Jugendlichen. Den grundlegenden Unterschied zwischen beiden Gruppen beschreibt Steinbauer so: „Die Jugend ist viel offener, viel direkter und spontaner.“ Erwachsene würden Themen, die verletzen, eher meiden. Vor allem Inhaftierte, die schon viele Jahre in der JVA sind, hätten oft eine Schutzmauer um sich herum aufgebaut, ob bewusst oder unbewusst. Was Steinbauer an ihrer Arbeit in den JVA-Kunstgruppen schätzt: „Ich bekomme sehr viel Wertschätzung.“ Manche der Teilnehmer hätten sich unglaublich entwickelt, erzählt sie. Es macht sie stolz, dass die Frauen sich nun mehr zutrauen und sie ein Stück dazu beitragen konnte.

Die Kunstgruppe wird vom Förderverein Frauenhaft unterstützt. Er bietet den Inhaftierten außerdem die Möglichkeit, sich in Workshops mit externen Referenten zu Themen wie Acrylmalerei oder Kalligrafie künstlerisch zu betätigen. Es gibt musikalische Angebote und eine Gruppe für kreatives Schreiben. Die Aktivitäten helfen den Frauen, die Haftzeit sinnvoll zu strukturieren und geben ihnen psychischen Halt.

JVA Aichach: Werke im Sisi-Schloss ausgestellt

Der Förderverein organisierte bereits viel beachtete Ausstellungen mit Arbeiten der Inhaftierten im Sisi-Schloss Unterwittelsbach. Eines der ersten Projekte war die Gestaltung der Fenster des Aichacher Rathauskalenders. Zu jedem Fenster verfassten die Inhaftierten Texte, die von Mitarbeitern der JVA bei der Fensteröffnung vorgelesen wurden. Aus der Bevölkerung gab es viele positive Rückmeldungen.

Im Kunstraum steht die junge Frau noch immer mit dem Pinsel in der Hand vor ihrem Gemälde. Als sie vor Monaten damit begann, eine teilweise zerrissene Leinwand zu bemalen, sollte es ein „Restebild“ werden, eine schnelle Arbeit. Inzwischen sagt sie: „Jetzt wird es mein zweitaufwendigstes Bild.“ Die vier Quadrate, in die sie es eingeteilt hat, sollen Geschichten erzählen. „Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis es fertig ist“, sagt die Frau – und lächelt verträumt.

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